27.11.2002 · Ihre Liebe zu Ben Affleck hat Jennifer Lopez zu ihrer neuen Platte inspiriert. Auf „This Is Me... Then“ zeigt sich die Diva ganz devot.
Von Jörg ThomannJennifer Lopez, dies entnehmen wir der jüngsten Gerüchteküche, trinkt Ziegenblut. Als Anhängerin eines kubanischen Voodoo-Kults, so fabuliert ein obskurer Online-Dienst, nehme sie regelmäßig an Messen teil, in deren Verlauf Ziegen und Vögel geopfert werden, indem man ihnen das Genick durchbeißt. Anschließend trinke man ihr Blut, um böse Geister zu vertreiben. Außerdem verlasse Frau Lopez niemals das Haus, ohne zuvor den Rat einer „Godmother“ genannten Priesterin einzuholen.
Seit dieser Woche liegt Lopez' neues Album „This Is Me... Then“ in den Plattenläden. Blättert man im Booklet, so sucht man vergeblich nach dem Dank an eine Priesterin. Statt dessen wendet sich die Sängerin auf direktem Wege ganz nach oben: „Ich danke Dir, Gott, für die Erfahrung, dieses Album zu machen, was immer daraus wird. Es wird für mich immer ein Ausdruck jener Zeit meines Lebens sein, in der ich endlich anfing, alles richtig zu machen.“
Überraschendes Understatement
Demut im Gespräch mit Gott ist fraglos angemessen, soviel Understatement aber überrascht bei Jennifer Lopez doch. Schon vor dieser Platte jedenfalls, so sollte man meinen, hat sie vieles in ihrem Leben richtig gemacht. Sie zählt zu den berühmtesten Frauen der Welt, sie ist - was Madonna nie geschafft hat - im Musikbusiness wie im Film gleichermaßen erfolgreich, sie verkauft Parfüm und Mode mit ihrem Namen, sie ist schön und längst steinreich, und sie hat sich mit Ben Affleck einen Partner geangelt, der unlängst zum „Sexiest Man Alive“ gekürt wurde. Keine schlechte Bilanz, eigentlich.
Und nicht zu vergessen: Jennifer Lopez ist eine Diva, eine der wenigen, die es überhaupt gibt. Dazu gehört, dass man begierig alle Meldungen verschlingt, die irgendjemand über sie verbreitet, und noch den größten Unsinn - siehe oben - irgendwie für glaubwürdig hält. Den niedlichen No Angels zu unterstellen, sie würden sich mit Ziegenblut nähren, würde niemandem im Traum einfallen; bei Lopez könnte man es sich als bislang unbekannten Aspekt ihrer facettenreichen Persönlichkeit prinzipiell vorstellen. Schließlich haben wir gelesen, dass sie zu einer britischen Fernsehshow mit drei Leibköchen anreiste, um sich von ihnen Ravioli kochen zu lassen. Oder dass sie für einen dreiminütigen Auftritt rund 100 Begleitpersonen mit zur BBC nahm, was für gewisse Platznot in den Garderoben sorgte.
Das Mädchen aus der Bronx
Böse Gerüchte? Lügen? Hoffentlich nicht! Das gemeine Volk liebt solche Geschichten, und nur echte Diven können sie ihm bieten. Lustigerweise bemüht sich Jennifer Lopez, in ihrer Musik ein ganz anderes Bild zu vermitteln. In der eingängigen Single-Auskopplung ihrer neuen Platte besingt sie sich als „Jenny From The Block“, die heute zwar reich, aber völlig normal geblieben sei. Das einfache Mädchen aus der Bronx, das seine Wurzeln nicht vergessen habe: „Used to have a little / Now I have a lot / No matter where I go / I know where I come from“. Für die Informationen, dass ihr Vater immerhin als Computertechniker und ihre Mutter als Erzieherin gearbeitet hat, ist im Songtext kein Platz mehr gewesen.
Man nimmt Jennifer Lopez ihre Street Credibility nicht ab, aber es ist sympathisch, dass sie auf diese so großen Wert legt. Ganz natürlich gibt sie sich auch auf den - selbstverständlich entzückenden - Fotos im Booklet, auf denen sie so tut, als sei sie gerade aus dem Bett aufgestanden, mit vom Coiffeur liebevoll arrangierten Wuschelhaar. Und ganz persönlich möchte auch die Musik sein, die der Weltöffentlichkeit den Blick ins Innerste eines Superstars verschaffen soll.
Komplexes Seelenleben
Dass das „persönlich“ indes relativ zu werten ist, signalisiert etwa das Copyright von „Jenny On The Block“: „Written by Jennifer Lopez, Troy Oliver, Mr. Deyo, Samuel Bames, Jean Claude Olivier, José Fernando Arbex Miro, L. Parker, S. Sterling, M. Oliver D. Styles, J. Phillips“. Der Laie ist beeindruckt, wie viele Leute es braucht, um das komplexe Seelenleben Jennifer Lopez' in Töne und Worte zu fassen.
Dabei genügten an Worten doch eigentlich zwei: Ben Affleck. Dass sie nach ihren beiden Kurzehen mit Ojani Noa und Chris Judd nun wirklich den Richtigen gefunden hat, scheint für Lopez außer Frage zu stehen: Affleck allein widmet sie sämtliche Songs des Albums, darunter einen, der schlicht „Dear Ben“ heißt. Für den männlichen Fan ist diese Fixierung schon schwer erträglich. Hinzu kommt, dass die große Liebe für die Texte der Sängerin nicht die beste Inspirationsquelle scheint, sondern im Gegenteil zu Wiederholungen führt.
Devote Diva
„I still got love for you“, singt sie im ersten Lied der Platte, „Oh, I'm still loving you“ im zweiten, „And you still know how to hold me“ im dritten. Der Hörer registriert nicht nur einen gewissen Stillstand, sondern auch eine gar nicht divenhafte Unterwürfigkeit; eine Ode an die Liebesmacht des Besungenen folgt auf die nächste. „It's just the way you manipulate me with your charm“, singt sie in „Loving You“, „In a lot of ways you changed me“ in „The One“, „I love at your command“ in „Dear Ben“, „I'm down on my knees“ in „Baby I Love You“. „This Is Me... Then“ ist eine maßlose Schwärmerei. Wären wir Ben Affleck, so ließen wir uns das Ganze noch gefallen. Da wir es nicht sind, wirkt es ziemlich ermüdend.
Die Musik ist nicht viel aufregender: Die Lopez-typische Mischung aus R'n'B-Rhythmen, soulig angehauchtem Pop, Latin-Gitarren und HipHop-Einschüben umschmeichelt die mitunter etwas dünne Stimme der Sängerin in routinierter, mitunter (vor allem beim Song „Again“) allzu süßlicher Weise. Nach Extravaganz sucht man hier vergeblich. Jennifer Lopez mag vieles von sich preisgegeben haben, viel gewagt aber hat sie nicht. Mit „This Is Me Then“ mag sie sich eine persönliche Erinnerung geschaffen haben, im Gedächtnis der Musikwelt aber dürfte das Werk wenig Spuren hinterlassen. Um alles richtig zu machen, bedarf es offenkundig noch mehr, als nur den richtigen Mann zu treffen.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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