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Stammzellgesetz Der Stichtag kann bleiben

02.04.2008 ·  Am 11. April entscheidet der Bundestag über das Stammzellgesetz. Die deutsche Forschungslobby will es kippen - durch Irreführung des Publikums.

Von Lukas Kenner
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Es gibt seit Jahrzehnten etablierte erfolgreiche Therapien mit Stammzellen - allerdings mit adulten Stammzellen, die entweder vom Patienten selbst stammen oder von erwachsenen Spendern. Schon 1990 erhielt Edward D. Thomas den Medizinnobelpreis für adulte Stammzelltherpapie. Immer mehr wird auch fremdgespendetes Nabelschnurblut, bisher sorglos entsorgter „Entbindungsabfall“, als wertvolle Quelle adulter Stammzellen therapeutisch und in der Forschung eingesetzt.

Die erfolgreiche Therapie des Herzinfarkts mit adulten Stammzellen wurde in Deutschland entwickelt, ihr internationaler Pionier Bodo E. Strauer ist an der Universität Düsseldorf tätig, nicht in den Vereinigten Staaten oder Japan. Vor wenigen Wochen berichtete Professor Strauer in der Anhörung des Bundestages zum Stammzellgesetz (siehe: Import von Stammzellen: Einmal ist jedesmal), dass er für seine Forschungen „zu keiner Zeit“ den Vergleich mit humanen embryonalen Stammzellen (hES) benötigt habe. Deutsche Krankenkassen bezahlen diese Therapie mit adulten Stammzellen. Deutschland ist weltweit in der Spitzengruppe der therapeutisch einsetzbaren Stammzellforschung.

Tausend klinische Studien

Weltweit laufen Tausende klinischer Studien am Menschen mit adulten Stammzellen, allein das amerikanische Register www.clinicaltrials.gov nennt aktuell etwa 2000 klinische Studien mit adulten Stammzellen. Mit embryonalen Stammzellen hingegen gibt es bis heute weltweit keine einzige klinische Studie.

Warum gibt es keine therapeutischen Ansätze mit embryonalen Stammzellen, von denen wir doch immer wieder hören, dass sie angeblich so viel besser, so vielversprechend sind? Zwischen embryonalen und adulten Stammzellen gibt es große funktionale Unterschiede. Embryonale Stammzellen können alle Zelltypen des Organismus bilden. Ihre natürliche Aufgabe ist der Aufbau sämtlicher Zellen und Organe in der frühen Entwicklungsphase eines heranwachsenden Embryos. Embryonale Stammzellen sind die „Bauarbeiter“. Wenn man embryonale Stammzellen ihrer natürlichen koordinierenden Umgebung, dem intakten Embryo, entreißt, verhalten sie sich wie pluripotente Tumorzellen, mit allen negativen Konsequenzen eines malignen Tumors: Sie bilden alle Zelltypen des Organismus, aber eben unkoordiniert: ein Teratom.

Adulte Stammzellen sind der „Reparaturtrupp“

Adulte Stammzellen hingegen sind die von der Natur vorgesehenen Zellen zur ständigen Regeneration eines erwachsenen Organismus, sie sind der „Reparaturtrupp“. Ihr Einsatz in einer Zelltherapie entspricht ihrer natürlichen Aufgabe. Die adulte Stammzelle ist für regenerative Zwecke, zur Heilung geschaffen. Das müsste die embryonale Stammzelle von ihr erst lernen - und nicht umgekehrt, wie Befürworter der Stichtagsverschiebung behaupten. Es ist offensichtlich unlogisch, dass embryonale Stammzellforschung für die Entwicklung erfolgreicher adulter Stammzelltherapien eine „Conditio sine qua non“ sein soll. Bei keiner einzigen der zum Teil seit vierzig Jahren eingesetzten adulten Stammzeltherapien ist eine essentielle Rolle embryonaler Stammzellforschung zu erkennen.

Sind die „alten“, nach Deutschland importierbaren Linien wegen tierischer Kontamination durch tierische Nährzellen und fötales Kälberserum „verunreinigt“, ja „verschmutzt“, wie es mitunter heißt, und daher unbrauchbar? Keineswegs - der Stammzellpionier Thomson konnte 2006 eine Technik publizieren, die die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft beklagte tierische Verunreinigung restlos beseitigt. Die amerikanische Firma Geron ist in der DFG-Stellungnahme von 2006 als einziger Kronzeuge einer therapeutischen Anwendungsnähe für hES zitiert. Doch Geron setzt die „alte“ Thomson-hES-Linie „H7“ von 1998 für präklinische Studien ein und will mit „H7“ die weltweit erste klinische Studie am Menschen beginnen.

Noch keinen Menschen geheilt

An die Humanapplikation von hES oder ihren Derivaten ist heute aus einem anderen Grund nicht zu denken - wegen des enormen Tumorrisikos von fast 100 Prozent. Embryonale Stammzellen haben Tausende von Versuchstieren das Leben gekostet, aber weltweit noch keinen einzigen Menschen geheilt. Embryonale Stammzellforschung ist biologische Grundlagenforschung - die befürchtete Immunabstoßung durch tierische Verunreinigung dafür praktisch irrelevant. Wie aber sieht es mit der Freiheit von möglicher tierischer Kontamination bei „neuen“ hES-Linien aus? Im „Europäischen Stammzellregister“ www.hescreg.eu sind weit mehr als die Hälfte der etwa 260 registrierten Linien nicht beziehbar („not available“). Keine einzige der beziehbaren hES-Linien wurde frei von tierischen Nährmedien („xeno-biotic-free“) etabliert und kultiviert. Es gibt offenbar nur eine wirklich „xenofreie“ hES-Linie. Diese Linie „SA611“ der Firma Cellartis aus Schweden ist jedoch nicht „available“. Im Klartext: Durch eine Stichtagsverschiebung stünde keine einzige „xenofreie“ Linie für die deutsche Forschung zur Verfügung.

Bei der amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH sind momentan sechzig hES-Linien registriert, die vor dem US-Stichtag (9. August 2001) und damit auch dem deutschen Stichtag (1. Januar 2002) etabliert wurden. Stimmt es, dass sich seit der Verabschiedung des Stammzellgesetzes am 25. April 2002 die Zahl beim NIH registrierter importfähiger hES-Linien dramatisch verringert hat und deshalb die Verschiebung des Stichtages nötig ist? Dieses Argument ist eine tragende Säule des Gesetzentwurfs von René Röspel, der den Stichtag „einmalig“ verschieben soll.

Embryonale Stammzellen: Es gibt Alternativen

Das NIH selbst gibt eine klare Antwort online unter „frequently asked questions“: Im April 2002 gab es beim NIH genau eine verfügbare hES-Linie, 2004 waren es siebzehn, und heute sind von den sechzig registrierten Linien einundzwanzig verfügbar - auf absehbare Zeit genug für die Grundlagenforschung. Es stehen heute deutlich mehr beziehbare, stichtagskonforme hES-Linien als zur Zeit der Verabschiedung des Stammzellgesetzes zur Verfügung.

Soweit es um Grundlagenforschung mit pluripotenten Zellen geht, sind heute embryonale Stammzellen nicht mehr ohne Alternative. Dem japanischen Stammzellforscher Shinya Yamanaka gelang es, „induzierte pluripotente Stammzellen“ (iPS) aus Zellen von Patienten herzustellen, mit Eigenschaften wie embryonale Stammzellen. Allerdings sind iPS, gerade weil sie embryonalen Stammzellen zum Verwechseln ähnlich sind, auch mit deren Nachteilen, insbesondere der Bildung von Teratomen, behaftet, was ihre klinische Anwendbarkeit in eine ungewisse, ferne Zukunft rückt. Doch für die Grundlagenforschung sind iPS eine tolle Sache. Sogar der Schöpfer des Klonschafs Dolly, Jan Wilmut, hat seine Meinung völlig geändert und sich vom Klonen verabschiedet, wie er in der Aprilausgabe des Magazins „Bild der Wissenschaft“ betont: „Eines kann ich Ihnen jedoch versichern, bis zu meinem Ruhestand bleibe ich den iPS-Zellen treu.“

„Ethik des Heilens“ nicht überspannen

Während biologische Grundlagenforschung mit iPS und herkömmlichen hES heute besser als 2002 möglich ist, finden Therapien und klinische Forschung am Patienten ohnehin nur mit adulten Stammzellen statt.

Im zehnten Jahr der weltweiten Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen sind die manchmal geradezu utopischen Therapieerwartungen abgeklungen. Es ist Zeit, nüchtern Bilanz zu ziehen. Überspannen wir nicht die „Ethik des Heilens“? Offensichtlich stehen Heilungserfolge adulter Stammzellen und die neuen, ethisch unproblematischen pluripotenten iPS einer unbestreitbaren Instrumentalisierung menschlicher Embryonen gegenüber. Eine Versachlichung der emotional geführten Debatte würde es der Politik erleichtern, eine auf den Fakten gründende und ethisch verantwortbare Entscheidung zu treffen.

Der Molekularpathologe Lukas Kenner ist Professor an der Medizinischen Universität Wien. Am Ludwig-Boltzmann-Institut für Krebsforschung erforscht er mit Hilfe embryonaler Stammzellen der Maus sowie in transgenen Tiermodellen Krebsentstehung und mögliche therapeutische Eingriffe.

Quelle: F.A.Z., 01.04.2008, Nr. 76 / Seite 35
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