28.03.2001 · Besuch' mich mal in Afrika: Für seine Romanserie „Tarzan“ holte sich Edgar Rice Burroughs Anregungen in Rudyard Kiplings „Jungle Books“.
Von Peter ThomasDie beiden Dschungelhelden Tarzan und Mowgli sind Cousins, wenn nicht gar Halbbrüder. Tarzans geistiger Vater Edgar Rice Burroughs soll für seine Figur kräftig bei Rudyard Kipling, dem Autor des „Jungle Book“ abgekupfert haben, so die „Times“. Dass Kiplings Erzählungen aus dem indischen Urwald den Autor stark beeinflusst haben, beweisen dessen Briefe aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, deren Inhalt posthum veröffentlicht wurde. Noch 2001 sollen die Autografen versteigert werden.
Die Parallelen zwischen Mowgli (Kiplings Schreibweise, im Gegensatz zum „Mogli“ des Disney-Zeichentrickfilms, hat sich mittlerweile auch in deutschen Übersetzungen durchgesetzt) und Tarzan waren schon früh bemerkt worden. Burroughs hatte aber zu Lebzeiten stets behauptet, der 1912 entstandene afrikanische Dschungelheld sei von den römischen Zwillingen Romulus und Remus beeinflusst worden. Und zum Dschungel als Handlungsort hätten ihn, so Burroughs, die Erlebnisse von Großwildjägern inspiriert - unter anderem die Abenteuer von Präsident Theodore „Teddy“ Roosevelt. Dabei weiß jedes Kind, dass vielmehr Kipling auf den römischen Gründungsmythos anspielt, denn Mowgli wird von Wölfen großgezogen, nicht Tarzan.
Biografie als Fiktion
Die Briefe haben nicht wirklich das Zeug zu einer Enthüllungsstory. Auch, wenn Burroughs sich Motive aus Kiplings 1894 und 1895 erschienenen Geschichten auslieh - seine „Tarzan“-Romane sind keine Plagiate, sondern eigenständige Weiterentwicklungen eines älteren Stoffs. Wenn Burroughs 1936 von Kipling als einer „fine spring to drink from when I could go no further by myself“ schreibt, ist das deshalb eher eine Relativierung seiner eigenen literarischen Fähigkeiten, denn die Selbstbezichtigung als Plagiator.
Burroughs war nämlich stolz auf seine Fantasie. Wo Kipling nach eigenen Erfahrungen die vor Sinneseindrücken überbordenden indischen Geschichten schrieb, erfand der amerikanische Autor seine Abenteuer um den von Affen erzogenen Sohn des britischen Lord Greystokes vom Schreibtisch in Chicago aus.
Moskau und Afrika
Die Briefe ermöglichen jetzt einen neuen Blick auf diesen unermüdlichen Fabulierer, der sein eigenes Leben so bunt nacherzählte, wie er seine „pulp“-Romane schrieb: Seine Biografie, entstanden als Werbetext für Bücher, gehört zu den spannendsten Geschichten, die Edgar Rice Burroughs je erfunden hat. Aufgewachsen in der Verbotenen Stadt von Peking sei er als Kind von Zigeunern nach Amerika entführt worden. Dann folgt eine Lebensgeschichte, die den Abenteuern des Sindbad gleicht: Studium in Yale, Abschluss mit Auszeichnung. Edgar macht sich auf die Suche nach Livingstone in Afrika, erleidet Schiffbruch und wird beinahe von Kannibalen verspeist...
Dabei kam der 1875 geborene Autor, jüngster von vier Brüdern, in seiner Jugend nie über Amerika hinaus. Er war Soldat, jobbte später als Bahnpolizist, Cowboy oder Vertreter für Bleistiftspitzer. Seine Frau heiratete er in Chicago - nachdem er zehn Jahre um sie geworben hatte.
Ein neuer Mythos
Mit „Tarzan“, so zeigte Michael Lind, Senior Fellow der „New America Foundation“ schon 1999 in einem Essay, schuf Burroughs die Verbindung aus verschiedenen Mythen auf dem Niveau der „pulp fiction“: Das nach dem Gesetz der Tiere handelnde Naturkind Mowgli spielt in die neue Figur ebenso hinein wie das Ideal eines angelsächsischen Gentlemans im Viktorianischen Zeitalter.
Diese Figur habe erst Hollywood zu dem Klischee reduziert, für das insbesondere Johnny Weissmuller als Dschungelheld steht: Ein braver „white Mowgli“ entstand, die domestizierte Verschmelzung beider Figuren, der seinen Urwald oft genug als romantische Schäferszene erlebt.
In dieser Trivialisierung des populären Stoffs treffen sich Tarzan und Mowgli tatsächlich wieder: In den Zeichentrickfilmen der Disney-Studios wurden beide literarische Figuren endgültig handzahm gemacht - Mowgli als indischer Lausbub, Tarzan als naiver Urwaldheld. Dass der lendenbeschurzte Lianenschwinger 1929 Ahnvater für das Genre der Abenteuercomis war, merkt man dieser Figur nicht mehr an.