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Veröffentlicht: 10.04.2017, 16:01 Uhr

Stadtplanung Make Potsdam schön again

Das Städtchen Potsdam ist halb so groß wie Bielefeld, aber mindestens zehnmal so bedeutend. Nun will Brandenburgs Hauptstadt schöner werden. Trotz aller Bürgerproteste werden die DDR-Bauten abgerissen – ein Fehler.

von und
© Andreas Müller Das ist es, was konservative Urbanisten meinen, wenn sie „die europäische Stadt“ beschwören: Vier, fünf Stile, die aufeinanderkrachen.

Das Städtchen Potsdam, am südwestlichen Stadtrand Berlins gelegen, ist halb so groß wie Bielefeld – aber mindestens zehnmal so bedeutend. Das sehen jedenfalls viele Potsdamer so und erst recht die Neu-, Wahl- und Gesinnungspotsdamer, von denen immer noch mehr kommen. Potsdam wächst. Bald wird es halb so groß wie Bochum sein.

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Dass Potsdam so bedeutend ist, hat zum einen mit der Lage zu tun. Es gibt hier sehr viel Wasser; selbst der Aldi an der Berliner Straße hat eine Anlegesteg für jene Kunden, die den Champagner am liebsten im eigenen Boot transportieren. Berlin ist nah, man kann hier wohnen und dort arbeiten: Potsdam, als Villenvorort der Hauptstadt und heimliche Hauptstadt zugleich. Denn vor allem liegt es an der Geschichte: Dass das hier früher Preußen war und bis vor knapp hundert Jahren die Residenz der Kurfürsten und Könige, das sieht man hier viel besser als in Berlin: die großen Parks, darin die Schlösser; und drum herum die Villen, die nicht so nobel wie ihre italienischen Vorbilder sind. Dafür haben sie, statt bloßer Hausnummern, Eigennamen, gerne mit einem „von“ davor.

Die Stile ausprobiert wie andere Leute Kleider

Wer, was ja ein extrem populäres Missverständnis ist, die preußische mit der deutschen Geschichte verwechselt, der wird hier die Präsenz der Tradition, den Hauch der Geschichte in ungeahnter Intensität zu spüren glauben: Am 24. Januar, dem Geburtstag Friedrichs II., legen überzeugte Preußen gern eine Kartoffel aufs Grab. Und wer niemals einverstanden war mit der kargen Staatsästhetik der Bundesrepublik, der findet hier ein viel reicheres Angebot: Friedrich II. und Friedrich Wilhelm IV. haben die Stile ausprobiert, wie andere Leute die Kleider anprobieren. Etwas Repräsentatives ist immer dabei.

45783823 © Andreas Müller Vergrößern Schön, dass hier wenigstens etwas noch wirklich alt ist: Links das Stadtschloß, rechts die Fachhochschule. Sie soll einem Wohngebäude-Ensemble weichen.

Allerdings endet die Zeit, die man hier Geschichte nennt, je nach Standpunkt im Jahr 1918, spätestens aber 1945. Dass danach etwas kam, der sogenannte Sozialismus: Das ist nicht historisch. Das ist nur noch lästig.

Dem Bild, das sich Potsdam von seiner Geschichte macht, nähert man sich am besten von Norden her. Vom Platz der Einheit geht es über eine breite Straße, über einen Fußweg zwischen Büschen und modernen Fassaden. Dann weitet sich der Blick, und man steht auf einem Platz, den man dem kleinen Städtchen nicht zugetraut hätte. Zwei scheinbar barocke Bauten dominieren den Blick nach Süden, das Stadtschloss und der Barberini-Palast. An der Ostseite steht das Alte Rathaus, Palladios Renaissancevillen nachempfunden. Im Norden, riesig, brutal und kantig, der aggressiv antibarocke Klassizismus der Nikolaikirche, ein Bau, dem man ansieht, dass der Bauherr und die Architekten lange nicht wussten, ob das ein griechischer Tempel werden sollte. Jetzt wächst da eine Kuppel heraus, die viel zu groß für den Rest der Kirche ist. Und an der nordwestlichen Ecke ragt der Modernismus der Fachhochschule in den Platz, ein eleganter zweistöckiger Bau auf schlanken Säulen, dessen Fassade dringend neuen Putz und einen neuen Anstrich brauchte.

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Der erste Eindruck: Das ist es, was konservative Urbanisten meinen, wenn sie „die europäische Stadt“ beschwören. Vier, fünf Stile, die aufeinanderkrachen, Differenz, Kommunikation, Urbanität. Italienliebhabern fällt Palermo ein, die Piazza San Domenico mit dem Kontrast von Barock und Brutalismus; oder Rom, wo von der Piazza Barberini die Via Barberini abgeht und alles modernismo, razionalismo, sachlich, schmucklos, antibarock ist.

Dass man in Potsdam diese Dinge nicht nur anders sieht, sondern dass sie sich grundsätzlich anders verhalten, ja dass das hier geradezu die Inversion italienischer Verhältnisse ist: Das erschließt sich dem Besucher, wenn er ein paar Schritte in Richtung Süden geht. Das Stadtschloss ist ein Nachbau des frühen 21. Jahrhunderts. Der Barberini-Palast ist noch neuer: eröffnet mit viel Tamtam und Bundeskanzlerin in jener unglücklichen Nacht, in der Donald Trump seine Antrittsrede hielt. Den Bau des Hauses hat komplett Hasso Plattner bezahlt, der Gründer von SAP, vermutlich der reichste Mann der Stadt – und das Besondere an diesem Haus ist, dass es nicht bloß eine Kopie des Palais ist, das hier einmal stand, sondern die Kopie einer Kopie: Friedrich II. befahl, dass neben seinem Schloss ein Palast errichtet werde nach dem Vorbild des frühbarocken römischen Palazzo Barberini – und so bekam Potsdam, hundertfünfzig Jahre nach Rom, seinen eigenen Barberini-Palast, wenn auch auf die Maßstäbe einer Kleinstadt und ihrer bürgerlichen Bewohner verkleinert.

45783957 © EPA Vergrößern So neu und abwaschbar, als würde man es gleich wieder abbauen wollen: Das Museum Barberini.

Dass der Palast ein Neubau ist, der die beiden besten Wirkungen des Originals nicht zu bieten hat – weder das Staunen über die Kühnheit und Modernität, womit Bernini und Borromini zum Auftakt des Barocks die Grenzen zwischen Skulptur und Architektur einzureißen versuchten, noch die Bewunderung dafür, dass fast vierhundert Jahre der Schönheit und der Größe dieses Baus nichts anhaben konnten –, das sieht man, wenn man am Eingang steht. „Sieht aus, als ob es nach Ende der Weltausstellung wieder abgebaut würde“, meinte eine Besucherin aus München. Neu und abwaschbar.

Endlich ein wirklich historischer Bau

Die Begeisterung, mit welcher aber die meisten Besucher aus Potsdam und Berlin die Barockbehauptung beim Nennwert nehmen, wirft die Frage auf, die sich schon vor den erhaltenen Barockbauten in Potsdam stellt: Ob das pietistische, von protestantischer Wortwörtlichkeit beseelte Preußen und die gegenreformatorische Sinnlichkeit des Barocks, deren Ausdruck ja zu fassen versucht, was mit den Fesseln der Begriffe nicht festzuhalten ist, ob diese beiden jemals etwas miteinander anzufangen wussten. Man darf die Frage eigentlich nicht zulassen, man sieht sonst in Potsdam nur noch Kulisse und Budenzauber.

45783974 © ZB Vergrößern Bürgerliche Kultur bedeutete auch einmal, das Vorhandene zu pflegen und Respekt vor denen zu haben, die da waren, bevor man selbst kam. Das gilt auch für die etwas vergammelte, aber sehr elegante FH.

Und dann steht da, inmitten all der nachgemachten Fassaden, ein wirklich historischer Bau. Die Fachhochschule aus den frühen Siebzigern. Man kann es gar nicht fassen, dass dieses Haus jetzt abgerissen werden soll: So leicht und heiter, so modern und optimistisch! So ist der Sozialismus niemals gewesen, immerhin wünschte er sich anscheinend, so zu sein. Bis man endlich entdeckt, dass auch dieser Bau ein Nachbau ist. Das Original hat Mies van der Rohe gebaut, in den Fünfzigern in Des Moines in Iowa. Auch die Fachhochschule ist eine Kopie, auch ihr Stil hat, wie einst der römische Barock, auf dem Weg nach Potsdam sein Vorzeichen gewechselt – vom Kapitalismus zum Sozialismus; das Haus steht in bester Potsdamer Tradition.

Gerade erst aus einem riesigen 3D-Drucker gepoltert

Trotzdem wurde über die Fachhochschule viel Unfreundliches gesagt. Der nicht aus dem Osten, sondern aus Ostfriesland stammende Potsdamer Bürgermeister Jann Jakobs (der sich, laut „Potsdamer Neuer Nachrichten“, in Plattners „Villenkolonie“ am Jungfernsee ein Grundstück gesichert hat) nannte sie einen „Schandfleck“. Man hat den Bau so verfallen lassen, dass er nun tatsächlich leicht schrottig an der Ecke steht wie ein verschrammter Oldtimer zwischen fabrikneuen Limousinen.

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Aber wie im Falle des Oldtimers ist man über diese Spuren ganz froh – denn wenn hier etwas so aussieht, als ob es schon länger da sei, als ob das Leben daran seine Spuren hinterlassen hätte, und als ob es nicht eben erst aus einem großen 3-D-Drucker auf den Platz heruntergepoltert wäre – dann ist es eben dieses Gebäude. Womit wir bei einem grundlegenden Problem wären: Dort, wo im Umfeld von echten Barockbauten Rekonstruktionen errichtet werden, infiziert das Glatte und Synthetische des neuen Baus die Glaubwürdigkeit des Alten: Alles sieht plötzlich wie ein Nachbau, ein Themenpark aus. Dass Rom so ist, wie es ist, liegt auch daran, dass nicht jede Generation alles weggerissen hat, was die davor gebaut hatte, sondern zumindest so viel stehenließ, dass sich die eigenen, neuen Sachen umso effektvoller davon abhoben. So wie auch ein paar Schritte entfernt vom echten Palazzo Barberini in Rom die Architektur des 20. Jahrhunderts den Kontrast bildet, vor dem der Palast umso lebendiger und barocker aussieht, so schadet auch in Potsdam die Moderne dem neuen Hochglanzbarock nicht – sie verhindert, dass man am Ende auf einem Platz steht, der wie eine gebaute Computeranimation aussieht.

Die komplette Auslöschung der DDR

Ein Problem der Avantgarde-Architekten des frühen 20. Jahrhunderts war ihr Vernichtungseifer: Sie wollten nicht nur ein gutes neues Haus in die Stadt stellen, sie wollten die bestehende Stadt komplett abreißen: Nichts, was vorherige Generationen schön fanden, durfte überleben, kein anderer Geschmack durfte sich behaupten; alle Menschen sollten in einem brandneuen Gesamtkunstwerk leben. Einige radikale Freunde der „europäischen Stadt“ haben den Modernen diesen Vernichtungseifer zu Recht vorgeworfen – um ihn unter umgekehrten Vorzeichen fortzusetzen: Wie schon in Berlin, wo sämtliche Repräsentationsfassaden der Ostmoderne mit dem immer gleichen Sandsteinmäntelchen verhängt wurden, sollen auch hier alle Spuren der Moderne verschwinden – besonders, wenn sie vom besiegten System hinterlassen wurden.

45784214 © dpa Vergrößern Das, was die europäische Stadt ausmachte und von totalitären Idealstädten unterschied, war ihre Toleranz und Absorptionskraft.

Was man am Alten Markt versucht, ist die komplette Auslöschung all dessen, was zu Zeiten der DDR gebaut wurde, und das ist nicht nur ein Akt der Herzlosigkeit gegenüber denen, die hier in den siebziger und achtziger Jahren ihre Zeit verbracht und vielleicht ein paar schöne Erinnerungen an den Ort haben; es nimmt auch denen, die nach Potsdam kommen, die Chance, seine Geschichte zu verstehen. Es sind ja vor allem der aus Westdeutschland stammende Bürgermeister und ein paar sehr wohlhabende, ebenfalls aus dem Westen zugezogene Neu-Potsdamer, die hier ihre Vorstellung von einem preußischen Arkadien durchkämpfen, eine Vorstellung, die ihre Wurzeln im biederen westdeutschen Wendehammer-Dasein hat, in der Welt des Nachbarschaftsstreits, in der keine Störung der eigenen Geschmacksvorlieben geduldet wird.

Geschmack hat mit Erfahrungen zu tun und damit, Widerstände zu schätzen. Wer zum ersten Mal Kaffee oder einen Petrus-Rotwein oder einen guten Whisky probiert, wird, wenn er sonst nur Cola und Apfelsaft trinkt, das Zeug ungenießbar finden. Erst später entwickelt sich ein Sensorium, das das Torfige oder Bittere zu schätzen weiß. Wer bei schöner Architektur nur an Neuschwanstein oder dessen Nachbau in Disneyland denkt, für den sind auch die Meisterwerke der Moderne, Mies van der Rohes Seagram Building oder Le Corbusiers Villa Savoye, nur schwarze oder weiße Kisten.

Die beschimpfte Moderne macht viel richtig

Man muss einen Sinn dafür entwickeln, wie die Moderne alte Qualitäten in eine neue Sprache übersetzt hat – und das, was hinter der Nikolaikirche steht, hat diese Qualitäten: Es gibt im FH-Gebäude Wandelgänge und Passagen, die die große Straße mit einem kleinen, parkhaften, terrassierten kleinen Platz verbinden, auch der ebenfalls von Abriss bedrohte Plattenbau dort steht nicht, wie sonst so oft, stumm und zusammenhanglos da, sondern hat Läden im Erdgeschoss. Die Fassade der Fachhochschule ist mit lisenenartigen Längselementen rhythmisiert, wie man sie etwa von Mies van der Rohes gefeierter amerikanischer Nachkriegsarchitektur kennt. Auch liebevolle Details sind an diesem modernen Bau zu finden, etwa die Op-Art-haften Sichtblenden über den Ein- und Durchgängen.

45784272 © ZB Vergrößern Darf vorerst stehenbleiben: Der „Mercure“-Turm.

Die beschimpfte Moderne in Potsdam macht viel, was an der alten Architektur gerühmt wird: Bildet Plätze, an denen man sich gern aufhält, erlaubt Abkürzungen durch kleine Höfe, rahmt eine Piazza. Der Platz zwischen den beiden „Schandflecken“, dem Plattenbau und der Fachhochschule, würde, wenn man ihn pflegte, neben den großen modernen Platzensembles von Sep Ruf oder Lúcio Costa nicht verblassen.

Und es ist nicht so, dass sich alle darüber einig wären, dass die Fachhochschule, der Plattenbau und der „Mercure“-Turm nichts taugten. Knapp 15.000 Potsdamer hatten eine Unterschriftensammlung für den Erhalt von DDR-Bauten in der Stadtmitte unterschrieben. Die zu allem entschlossenen Potsdamer Stadtverordneten und das Potsdamer Verwaltungsgericht lehnten das Bürgerbegehren aber ab – denn die Fragen seien zu unbestimmt formuliert, und es sei suggeriert worden, man könne mit seiner Stimme den geplanten Abriss der Fachhochschule und des Staudenhof-Wohnblocks verhindern, was aber schon aus rechtlichen Gründen gar nicht möglich sei. Immerhin, erklärte Potsdams Stadtplanungschef Andreas Goetzmann gönnerisch, habe man sich angesichts der 15.000 Unterschriften darauf verständigt, die Pläne für den Abriss des „Mercure“-Hotels vorerst aufzugeben.

Das Karge und Reihenhaushafte der Rekonstruktion

Das ist eine lustige und auch vom gutsherrenhaften Umgang mit der Stadt zeugende Bemerkung, weil der Stadtplanungschef den Hotelturm, der französischen Eigentümern gehört, ja überhaupt erst einmal kaufen müsste, um ihn abreißen zu dürfen – und ob den Wählern diese Art einleuchtet, nach Kurfürstenart mit Steuergeldern um sich zu werfen, um Objekte entfernen zu lassen, die ihm persönlich nicht gefallen, ist noch eine andere Frage.

Einer mag keine moderne Architektur; aber es gibt auch Gründe, das Gipserne und Glatte des neu errichteten Palazzo Barberini geschmackswidrig und fake zu finden. Das Karge und Reihenhaushafte vieler Details dieser auf Fernwirkung hin gebauten Rekonstruktion darf man nicht so genau anschauen; an vielen Stellen wirkt der neue Potsdamer Barberini so karg und gipsern, dass man sich gar nicht wundern muss, wenn der „Tagesspiegel“ schreibt, das Vorbild für den Potsdamer Palazzo stehe „seit fast 400 Jahren in der Via delle Quattro Fontane in dem hübschen Städtchen Palestrina“.

Was dort steht, ist nicht der Palazzo Barberini (der steht in Rom), sondern der Palazzo Colonna Barberini, ein karger Verwaltungsbau, der zwischen dem 12. und dem 16. Jahrhundert erbaut wurde. Aber der „Tagesspiegel“ hat dennoch vollkommen recht – das, was da in Potsdam steht, sieht vom Wasser aus eher nach dieser Kiste aus als nach dem echten Palazzo Barberini.

Ein Bürgertum hinter Gips

Wobei diese Kulissenhaftigkeit, das Gipserne und Großspurige, das dann am Ressourcenmangel scheitert, ja die eigentliche Potsdamer Tradition ist, seit Friedrich II. im Jahr 1758 erklärte, dass er „die Pläne der schönsten Bauwerke Europas, insbesondere Italiens ausgewählt“ habe und sie jetzt „im Kleinen und meinen Mitteln entsprechend ausführen“ lasse. Da man die römischen Vorbilder zwar mit Ach und Krach nachbauen konnte, aber die wohlhabenden Adligen, die hinter solchen Fassaden residieren könnten, nicht mitgeliefert bekam, musste das Bürgertum sich dahinter irgendwie einrichten: Hinter den Kulissen mit den opulent hohen Fenstern wurden einfache Häuser mit relativ flachen Decken gebaut, was dazu führte, dass aus einigen der Prachtfenster nur die Füße herausgucken konnten und man aus den anderen nur schauen konnte, wenn man sich auf einen Tisch stellte.

Muss man dagegen sein, dass der SAP-Gründer und Milliardär Hasso Plattner das Architekturbüro Hilmer & Sattler und Albrecht mit dem Nachbau eines ungefähren Nachbaus eines römischen Palasts beauftragte, der sich selbst schon auf das in drei Geschossen durch je eine dorische, ionische und korinthische Säulenordnung gegliederte Kolosseum bezog? Natürlich nicht. Nur: Ein solcher Mehrfachabguss braucht schon etwas anderes als andere nachgebaute Fassaden, um nicht vollkommen erfunden auszusehen. Schon dem neuen Barberini zuliebe sollte man die Fachhochschule stehen lassen. Aber sie soll, muss weg, die Frage, wie ökologisch verantwortlich – oder, wie es auf den ganzen langweiligen Städtebautagungen immer heißt: „nachhaltig“ – es eigentlich ist, alles, was einem bestimmten Geschmack nicht mehr entspricht, einfach wegzureißen, das zählt nicht viel in Potsdam. Was dafür gebaut werden soll, nennen die Planer „Karree“, und soll an das erinnern, was ganz früher dort einmal stand, wobei sich nur die Eckhäuser am historischen Stadtbild orientieren müssen – bei allen anderen Häusern, sagen die Stadtplaner, sei auch eine „andere Architektur“ möglich.

45784508 © Picture-Alliance Vergrößern Wenn schon abreißen, dann doch bitte diese Scheußlichkeit: Der Bahnhof von Potsdam.

Dass man das auch als Ankündigung eines Desasters verstehen kann, beweist all das, was nach 1989 am Platz der Einheit in Potsdam gebaut wurde. Wenn man die graue Dämmputztristesse des aus billigsten Materialien zusammengezimmerten, an ein Chemielaborgebäude im Gewerbegebiet erinnernden Umbaus der Stadt- und Landesbibliothek anschaut, sehnen sich vermutlich auch Anhänger des traditionellen Bauens nach der Vorgängerfassade aus DDR-Zeiten. Und wenn man schon etwas abreißen will: Wie wäre es erst mal mit den gruseligen Gelbklinkersärgen des neuen, auch nach 1989 gebauten Bahnhofs, dessen wellenförmiges Dach sich wie eine herausgestreckte Zunge auf die Altstadt reckt? Immerhin überlegte sogar die Unesco, Potsdam wegen dieses Baus auf die Rote Liste des Weltkulturerbes zu setzen. Man wird den Eindruck nicht los, dass die wirklich spukhässlichen Problembauten erst nach 1989 entstanden, als alle Bauunternehmer, die im Westen keiner mehr haben wollte, den wehrlosen Osten für sich entdeckten.

Der Auftritt der dekoseligen Wessis

Das, was die europäische Stadt ausmachte und von totalitären Idealstädten gleich welcher Gestaltungsrichtung unterschied, war ihre Toleranz und Absorptionskraft. Sie ließ die unterschiedlichsten Geschmäcker zu, sie war immer ein Palimpsest aus Geschichte, Ideologien und Stilen. Dagegen steht die Raserei des intoleranten modernen Kleinbürgers, der seinen kläglichen Geschmack um jeden Preis allen aufs Auge drücken will. Der Auftritt der dekoseligen Wessis in Potsdam ist ein besonders heftiges Beispiel von innerdeutschem Neokolonialismus: Er hat etwas von der Großkotzigkeit des Mercedesfahrers, der dem Fahrer des Trabants vor sich mit Lichthupengewittern zu verstehen gibt, dass er seinen automobilähnlichen Scherzartikel bitte umgehend von der linken Spur zu entfernen habe, auf der ab sofort die Regeln aus dem Westen gelten.

Bürgerliche Kultur – das muss man denen, die im Namen des aufgeklärten preußischen Bürgertums alle Spuren der Ostmoderne eliminieren wollen, noch mal sagen – bedeutete auch einmal, das Vorhandene zu pflegen und Respekt vor denen zu haben, die da waren, bevor man selbst kam. Daraus könnte man einiges für den Umgang mit dem Erbe der Ostmoderne ableiten.

Einmal war Potsdam wirklich groß – als der König ausrief, jeder solle nach seiner Fasson selig werden. Übertragen auf die heutige Lage würde das heißen: Die Räume der DDR dürfen neben denen, die sich das neue Potsdamer Bürgertum bastelt, überleben, es darf die Gipsrekonstruktion und die schwere Vergoldungssucht ebenso geben wie die Reste einer DDR-Moderne, es darf das Kleinteilige und Vormoderne ebenso geben wie den großstädtischen Maßstab des Mercure-Hotel-Turms, der daran erinnert, dass Potsdam einmal mehr sein wollte als ein Brandenburger Dorf mit ein paar Kasernen und einem König, der nach Kräften von Italien träumte.

Glosse

Klingt nach Rohrkrepierer

Von Edo Reents

Männer in der Bredouille können sich in ihrer Zeitbewirtschaftung nicht die geringste Nachlässigkeit leisten. Warum nur hat sich Martin Schulz im SPD-Papier „Mehr Zeit für Gerechtigkeit“ das Wort im Titel umdrehen lassen? Mehr 13 53

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