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Debatte um „Polen-Denkmal“ : Schritt für Schritt

Wie organisiert Berlin das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus? Stadtansicht mit dem Museum Topographie des Terrors im Vordergrund Bild: dpa

Zahlreiche Denkmäler erinnern in Berlin an die Opfer des Nationalsozialismus. Doch bis heute fehlt eine Gedenkstätte zu Ehren der polnischen Toten. Ändert sich das nun?

          Es gibt nicht viele Podiumsdiskussionen, die heikle politische Befindlichkeiten berühren, aber ohne Missklang enden. Das öffentliche Gespräch über das sogenannte „Polen-Denkmal“ in der Berliner Topographie des Terrors war von dieser Art, und das Verdienst gebührt auch dem geschickten Moderator Alfred Eichhorn. Was jetzt folgt, wird ungleich schwieriger. Die Debatte wird mühsam, allein schon durch die eingefrorene deutsch-polnische Gesprächsbeziehung. Dennoch muss sie geführt werden: ernsthaft, respektvoll, ohne Scheu.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Auf dem Tisch liegt der Vorschlag, den der ehemalige Präsident des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung Florian Mausbach angeregt und den eine überparteiliche Initiative mit Wolfgang Thierse (SPD) und Rita Süssmuth (CDU) an der Spitze kürzlich vorgestellt hat: zum Gedenken an die polnischen Opfer der deutschen Besatzung von 1939 bis 1945 ein Denkmal zu errichten, nämlich „in der Mitte Berlins“. Kaum eine polnische Familie, so der Aufruf an den Deutschen Bundestag, sei von der deutschen Besatzungsherrschaft nicht betroffen gewesen. Bis heute sei dieses Unrecht zu wenig bekannt. Die Liste der Unterstützer umfasst Politiker, Historiker und Experten auf dem Gebiet der polnisch-deutschen Beziehungen.

          Opfergruppen sind schwer zu definieren

          Mausbach verteidigte das Projekt mit Herzblut. Leider war nicht vom geplanten Standort die Rede: auf dem Askanischen Platz, gegenüber dem künftigen Dokumentationszentrum der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ im Deutschlandhaus. Der dabei entstehende Konflikt zweier Gedenkkomplexe ist durchaus einkalkuliert. Mit einem Denkmal an diesem Ort, heißt es im Aufruf, würde „ein deutsch-polnisches Zeichen gesetzt, das Krieg, Vernichtung, Flucht, Vertreibung und Versöhnung in den untrennbaren Zusammenhang von Ursache und Wirkung stellt“. Man kann jedoch daran zweifeln, dass es sinnvoll ist, neues Gedenken auf ein älteres zu satteln. Konkurrierende Geschichtsbilder wären unvermeidlich.

          Peter Jahn, ehemaliger Leiter des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst, hat einen anderen Plan. Er möchte einen Gedenkort für die „Opfer der NS-Lebensraumpolitik“, also eine Erweiterung um die sowjetischen Toten. Sicherlich würde man den Begriff „Lebensraum“ im Zusammenhang mit dem deutschen Schuldeingeständnis ungern lesen wollen, aber Jahn berührt einen wichtigen Punkt: Soll Deutschland darüber diskutieren, wie viel (größere? andere?) Berechtigung das Gedenken an polnische Opfer gegenüber denen aus Russland, Weißrussland, der Ukraine oder den baltischen Staaten hat?

          Leider kam Pawel Ukielski, der einzige Pole auf dem Podium, nicht ausreichend zu Wort. Der stellvertretende Direktor des Museums Warschauer Aufstand warnte einerseits davor, die Polen in den großen Opfertopf der „Slawen“ zu werfen, und sagte andererseits, bei der Konzeption eines Denkmals wünsche Polen gewiss, von den Deutschen einbezogen zu werden. Doch er spreche nicht als Vertreter der polnischen Regierung. Der Aufruf an den Deutschen Bundestag sei ein guter Anfang, und weitere Schritte (jetzt klang es ein wenig nach Warnung) müssten „sehr sorgfältig“ überlegt werden. „Ein falscher Schritt“ könne der Idee „großen Schaden zufügen“. Man will es gern glauben.

          Von der Schwierigkeit, die Opfergruppe genau zu definieren, ohne andere Opfergruppen herabzusetzen, hangelte sich das Gespräch zu der Frage, was denn gegen ein solches Denkmal spreche. Das war der Augenblick von Uwe Neumärker, dem Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Neumärker fand die Debatte zu „täterlastig“. Ein Denkmal solle aufklären? Das könne es nicht. Ein Denkmal sei für das Gedenken da. Er, Neumärker, wisse schon, was geschehen werde, sei das Polen-Denkmal einmal beschlossen: Es kämen die anderen Opfergruppen – Weißrussen, Ukrainer, Litauer, Letten, Esten – durch die Tür, die jetzt „weit offen“ stehe, und man hätte ein „nach Nationen getrenntes Gedenken“ mit einem Schweif weiterer Gedenkorte. Wer könne das wollen?

          Später meldete sich Markus Meckel aus dem Publikum und nahm Neumärkers Gedanken auf. Besser sei es, das Polen-Denkmal dorthin zu stellen, wo es schon sei, nämlich in Friedrichshain. Nur kennt es dort kaum einer. Weil es ein altes DDR-Monument ist, ein Dank an Polen und den antifaschistischen Kampf und all das. Natürlich müsse das Denkmal verändert werden, sagte Meckel, aber die Hauptinschrift – „Für eure und unsere Freiheit“, auf Deutsch und Polnisch – sei großartig und verdiene bewahrt zu werden. Es gehe um den polnischen Anteil an der deutschen Freiheitsgeschichte, und das lasse sich bis zum Hambacher Fest zurückverfolgen. Eine schöne Idee, nur eben eine ganz andere als jene, die jetzt dem Deutschen Bundestag vorliegt. Wir werden berichten.

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