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Stadtentwicklung : Leipzig ist angekommen

Für manche eine Traumstadt: die Türme der Leipziger Liebfrauenkirche im Abendrot Bild: dpa

Erstmals ziehen mehr Menschen von Berlin nach Leipzig als umgekehrt. Und das hat seine Gründe. Zur Tausendjahrfeier sonnt sich die sächsische Stadt in ihrem nahezu rundum positiven Image.

          Das Jubiläumsgeschenk, auf das es am stolzesten sein kann, hat Leipzig von seinen Bürgern bekommen: Mehr als 560.000 Menschen leben mittlerweile wieder in der Stadt, so viele wie seit dem Zusammenbruch der DDR nicht mehr. Dresden, die ewige sächsische Rivalin, ist überholt, und erstmals, so wurde nun bekanntgegeben, hat Leipzig einen Wanderungsüberschuss gegenüber Berlin erzielt: Mehr Menschen zogen von der Spree ins zweihundert Kilometer (aber nur eine Bahnstunde) entfernte Leipzig als von dort in die Hauptstadt. In den neunziger Jahren gab es einen vielbelächelten Werbeslogan: „Leipzig kommt!“ Jetzt ist die Stadt tatsächlich da.

          Und das im Jahr ihres tausendsten Geburtstags. 1015 wurde Leipzig das erste Mal namentlich erwähnt, als „urbe lipzi“ in der Chronik des Merseburger Bischofs Thietmar. 150 Jahre später gab es Stadt- und Messeprivilegien, und der Handelsplatz nahm seinen Aufstieg. Eine Residenz hatte Leipzig nie; August der Starke hatte zwar als Landesherr Pläne für ein Schloss, doch mehr als die Freihaltung des entsprechenden Areals gelang ihm nicht – zur Freude der Bürger, die lieber das (bis heute) prächtige Rosental vor den Toren hatten als den verschwendungssüchtigen Fürsten. Seit jeher geht die hämische Rede, dass das Geld in Leipzig verdient, aber von Dresden ausgegeben wird.

          Eine paradoxe Erklärung

          Heute steht dem durch Pegida angekratzten Ansehen der Rivalin der eigene frische Ruf als höchst lebenswerte Metropole entgegen – daran werden auch die jüngsten Gewaltexzesse von links nichts ändern. Rund um Leipzig sind jene Braunkohleabbaugebiete, die mit ihren Kraftwerken zu DDR-Zeiten für eine landesweit konkurrenzlose Luftverschmutzung gesorgt hatten, renaturiert, in der Innenstadt Teile der früher betonversiegelten Pleiße und die mit ihr verbundenen Mühlgräben wieder freigelegt worden. So fährt man mit dem Kanu vom Innenstadtrand in die Wasserläufe des riesigen Auenwaldgürtels und weiter in das Kanalsystem des alten Industriegebiets im Westen – dorthin, wo bis vor 25 Jahren die bei der Textilverarbeitung entstehenden Flusen fingerdick und schmierig auf den Straßen lagen. Aus der früheren Dreckschleuder, der Baumwollspinnerei, ist ein Kreativquartier geworden: Künstlerwohnungen, Ateliers und Galerien.

          Leipzig profitiert aber vor allem von seinem niedrigen Mietpreisniveau, es ist ein Traumziel für Studenten und junge Existenzgründer in einer Zeit, in der überall sonst in deutschen Städten die Wohnungs- und Bürokosten explodieren – selbst in Leipzigs Nachbarstadt Halle, obwohl die viel weniger stark wächst und nicht annähernd den gleichen Nimbus besitzt. Erklären lässt sich das paradoxerweise mit dem Niedergang Leipzigs bis zur Jahrtausendwende. 1933 hatte die Stadt 713.000 Einwohner, dann flohen die jüdischen Bürger. Zu Kriegsbeginn lebten 707.000 Menschen in der Stadt, 1945 waren es nur noch 581.000. Dabei blieb es bis in die frühen siebziger Jahre, ehe die Bevölkerungszahl bis 1989 durch Wegzug innerhalb der DDR und Ausreise nach Westdeutschland um weitere fünfzigtausend sank. Im ersten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung gingen Menschen in Scharen. Die Stadt verlor nach der friedlichen Revolution fast hunderttausend Industriearbeitsplätze. Mitte der neunziger Jahre gab es deren gerade noch fünftausend.

          Weitaus mehr als Sachsen im Blick

          Aber Leipzig ist zudem die am wenigsten kriegszerstörte deutsche Großstadt, deshalb sind riesige Altbauquartiere erhalten, die nach 1989 renoviert werden konnten. Die Wohnqualität ist hoch, und immer noch können heruntergekommene Straßenzeilen, vor allem im Osten der Stadt, neu belebt werden.

          Das hat den Preisdruck auf Mieter zwei Jahrzehnte lang gemindert, und so schnell wird sich das nicht grundlegend ändern, obwohl auch in Leipzig einige Wohnviertel teuer geworden sind. Doch die Stadtfläche ist vergleichsweise klein, und so sind die Möglichkeiten, in andere Stadtteile auszuweichen, auch noch attraktiv.

          Musikstadt, Messestadt, auch wieder (moderat) Industriestadt, seit Porsche und BMW sich hier samt einigen Zulieferern angesiedelt haben – Leipzig sonnt sich in seinem nahezu rundum positiven Image. Allerdings täuscht die Erfolgsgeschichte der Stadt (und einiger weniger anderer in den östlichen Ländern) über die Entvölkerung und gleichzeitige völkische Radikalisierung in den ländlichen Regionen ringsum hinweg. Der Speckgürtel um Leipzig ist eng geschnallt, die Nachbarkreise profitieren kaum von dem Aufschwung. Im Gegenteil: Sie verlieren ihre Jugend und die Kaufkraft an die Stadt.

          Leipzig selbst denkt längst nicht mehr lokal. In typisch sächsischem Übermut hat man weitaus mehr als Sachsen im Blick: den Anschluss an die Westmetropolen. Ökonomisch wird das noch dauern, aber keine andere Stadt in Deutschland wächst derzeit so rasch. Seit dem Fahrplanwechsel der Deutschen Bahn am vergangenen Wochenende hat sich die Fahrzeit zwischen Leipzig und Frankfurt am Main um eine halbe Stunde verkürzt. Womöglich wird sich die bessere Anbindung an diesen dynamischen Wirtschaftsraum als das wichtigste Jubiläumsgeschenk erweisen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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