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Staatsreue am Gendarmenmarkt Die zehn

Besonders bewegend an der heutigen Gedenkveranstaltung war, dass es in jeder Phase der Zeremonie um die zehn von Neonazis ermordeten Menschen als jeweils Einzelne ging.

© dapd Vergrößern Semiya Simsek (links) und Gamze Kubasik bei der Gedenkfeier am Gendarmenmarkt

Kurz vor der Gedenkveranstaltung hatte Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, ein klares Zeichen der sozialen Einheit gefordert. Es müsse sehr deutlich werden, sagte er im Radio, dass die rechtsextremistische Mordserie „ein Anschlag auf unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft war, in erster Linie, und nicht auf eine bestimmte Gruppe“.

Christian Geyer-Hindemith Folgen:  

Man ahnte, was Mazyek meinte, aber unglücklich ausdrückte. Denn in erster Linie waren es natürlich die neonazistischen Morde an zehn Menschen, deren hier gedacht wurde, des Anschlags auf eine bestimmte Gruppe: Neun Opfer waren türkischer beziehungsweise griechischer Herkunft, das zehnte eine Polizistin.

Wer hier zu schnell vom Attentat auf die Gesellschaft spricht, schwächt den Fremdenhass als Mordmotiv ab. Und verunklart die Einsicht: Man kann nur Menschen, nicht Werte morden.

Bewegend an der Veranstaltung im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt war aber gerade dies: dass es in jeder Phase der Zeremonie um die zehn ermordeten Menschen als Einzelne ging und zugleich kein Zweifel blieb, dass der Anschlag „auch“ (Angela Merkel) ein Anschlag auf unsere Gesellschaftsordnung ist. Im Begriff der „Schande für unser Land“, den die Kanzlerin gestern wiederholte, wird diese doppelte Verletzung benannt.

Zwölf Kerzen

Dass die Angehörigen der Mordopfer von den Sicherheitsbehörden unter falschen Verdacht gestellt worden waren, nannte Merkel „besonders beklemmend“: „Dafür bitte ich Sie um Verzeihung.“ Sie hielt eine herausragende Rede, fern jeder Entschädigungsrhetorik und voller Gespür dafür, dass angesichts der Mordserie und des jahrelangen Versagens der Strafverfolgung individuelle und institutionelle Verheerung unterschieden, aber nicht getrennt werden können.

Die Zentralstellung, die den zwölf Kerzen in der durchweg säkularen Gedenkfeier zugedacht war, unterstrich es symbolhaft: „Es sind Kerzen für Menschen“, sagte die Kanzlerin und rief die Namen der zehn Opfer einzeln auf, das Desaster ihrer Schicksale beschreibend - des Blumenhändlers, des Änderungsschneiders, des Gemüseverkäufers. Die elfte Kerze war allen bekannten und unbekannten Opfern rechtsextremistischer Gewalt gewidmet, und erst die zwölfte stand, wenn man so will, für die freiheitlich-demokratische Gesamtgesellschaft: als „Hoffnung für die Zukunft“.

Ebendieses Gemeinwesen in seinen Verfassungsorganen hatte die Feier für die einzelnen ihrer ermordeten Mitglieder ausgerichtet: Regierung, Bundestag, Bundesrat und Verfassungsgericht traten gemeinsam als Organisatoren auf. Klarer hätte das Zeichen sozialer Einheit, das der Muslime-Vertreter erbeten hatte, nicht ausfallen können.

Semiya Simsek und Gamze Kubasik

Merkel nannte es ein Zeichen gegen die „Verrohung des Geistes“. Sie beschwor die Verfassungsgrundsätze, den liturgischen Fundus dieser Feier. Das wirkte nicht abstrakt, auch weil sie im selben Atemzug an alltägliche Ausdrucksformen von Zivilgesellschaft erinnerte: an das notwendige „feine Gehör für kleine Bemerkungen und hingeworfene Bemerkungen“, in denen ein Rassismus seinen Anfang nehmen könne, der sich schließlich in Gewalt entlade.

Man hätte sich noch den Auftritt eines Polizeigewerkschaftlers gewünscht. Er hätte den Staatsorganen sehr handfest vorrechnen können, an welchen Mitteln es nach wie vor fehlt, um eine effektive Verfolgung des rechtsextremistischen Terrors und seiner Hinterleute zu ermöglichen.

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Aber es sprachen Semiya Simsek und Gamze Kubasik, deren Väter von der Neonazi-Gruppe ermordet worden waren. Ihre leidenschaftlichen Reden waren ein Ausbruch aus dem getragenen Ton der Gedenkfeier, konfrontierten mit dem erlebten Leid. „Mein Vater war tot“, sagte Semiya Simsek. „Er wurde nur 38 Jahre alt. Ich finde keine Worte dafür, wie unendlich traurig wir waren. Doch in Ruhe Abschied nehmen und trauern, das konnten wir nicht. Die Familien, für die ich hier heute spreche, wissen, wovon ich rede. Elf Jahre durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein. Immer lag da die Last über unserem Leben, dass vielleicht doch irgendwer aus meiner Familie, aus unserer Familie verantwortlich sein könnte für den Tod meines Vaters. Und auch den anderen Verdacht gab es noch: mein Vater ein Krimineller, ein Drogenhändler. Können Sie erahnen, wie es sich für meine Mutter angefühlt hat, plötzlich selbst ins Visier der Ermittlungen genommen zu werden? Und können Sie erahnen, wie es sich für mich als Kind angefühlt hat, sowohl meinen toten Vater als auch meine schon ohnehin betroffene Mutter unter Verdacht zu sehen? Dass all diese Vorwürfe aus der Luft gegriffen und völlig haltlos waren, das wissen wir heute. Mein Vater wurde von Neonazis ermordet. Soll mich diese Erkenntnis nun beruhigen? Das Gegenteil ist der Fall.“

Auch der Auftritt des großartigen Ismail Yozgat wird im Gedächtnis bleiben. Sein Sohn starb nach einem Mordanschlag im Jahre 2006 in Yozgats Armen. Gestern dankte er der Kanzlerin für ihre Rede, „unserer“ Kanzlerin. Er dankte seinem Heimatort Kassel für die Unterstützung, „nein, Kassel-Baunatal“, wie er sich sogleich verbesserte. Wie um klarzustellen, dass er bis in die letzten regionalen Wurzelspitzen seiner Existenz Bürger dieses Landes ist.

Quelle: F.A.Z.

 
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