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Staatsphilosophie Guttenberg und die Griechen

07.07.2009 ·  Unser Wirtschaftsminister ist nicht nur ein ausgemachter Hardrocker, er ist auch ein Metaphysiker, der bei Platons „Politeia“, im griechischen Original gelesen, Entspannung findet. Ließ ihn letztlich nur die platonische Forderung in die Mühen des politischen Betriebs herabsteigen?

Von Edo Reents
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Eigentlich wollten wir uns zu dem Mann nicht äußern; der hat hier, in den für Kultur reservierten Spalten, nichts verloren. Aber jetzt, nachdem er seine Ressortgrenzen zum wiederholten Male überschritten hat, zwingt uns der Wirtschaftsminister dazu. Es fing damit an, dass er fallenließ, einmal ein Konzert der australischen Hardrockband AC/DC besuchen zu wollen. Nicht übel, dachte man, der Freiherr hat offenbar Geschmack! Aber sein Versuch, einen auf dufte zu machen, wirkte schon damals durchsichtig.

Wochen später sah man den Minister tatsächlich beim Konzert, absolut leger gekleidet natürlich. Ein Politiker, der tagsüber seiner schweren Arbeit nachgeht, lässt abends gehörig die Sau raus – ob man ihm gesteckt hat, dass er damit ziemlich exakt das Rollenbild des Unterpriviligierten erfüllt, der nach Feierabend auch nichts anderes will als eine gewisse, nun ja, Triebabfuhr?

Hinab aus der Höhe

Es gibt Schlimmeres. Nun aber stellt sich heraus, dass der Minister nicht nur ein Rocker ist, sondern auch ein knallharter Metaphysiker. Dem „Spiegel“ vertraute er an, dass er unlängst Platons „Staat“ gelesen habe, im griechischen Original selbstverständlich – eine für sich genommen völlig legitime Äußerung, die aber durch die nachgeschobene Bemerkung, dies habe er, zu Guttenberg, getan, „um den Kopf freizukriegen“, etwas intellektuell Aufreizendes, ja, irgendwie schon obszön Angeberisches bekommt, auch wenn es nicht von vornherein auszuschließen ist, dass jemand mit Platon den Kopf frei kriegt und nicht vom, sagen wir, Komasaufen.

Denn was könnte aristokratischem Selbstverständnis verführerischer schmeicheln als das Höhlengleichnis? „Wenn aber Hungerleider und Arme an eigenem Gut an die öffentlichen Angelegenheiten gehen, in der Meinung, von dort her Gutes an sich reißen zu müssen: So geht es nicht.“ So steht es in Schleiermachers Übersetzung, die dem Freiherrn aber ja zu popelig ist. Platon lesen heißt jedenfalls einsehen, dass im Grunde nur der vollendete Philosoph einen Staat regieren kann, der dafür allerdings wieder von der Höhe seiner Erkenntnis hinabsteigen und sich zurechtfinden muss im Schattenreich – buchstäblich ein Akt der Herablassung, für den sich zu Guttenberg wahrscheinlich auch zu schade ist.

Dazu noch einmal Schleiermacher: „Nun aber sollen ja nicht Liebhaber des Regierens dazu gelangen, weil sie sonst als Mitbewerber darum streiten werden.“ Zur Not, meint Platon, müsse man einen Unwilligen zum Jagen tragen. Sollte die Personaldecke der Union eines Tages ausdünnen, müsste man zu Guttenberg eben zwingen, Kanzler zu werden. Denn, beim Zeus, den Grundkurs Philosophie hat er schon geschafft.

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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