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Kulturpolitik in Berlin : Deutsche Eigenart

Irgendwo Gegenstimmen? Das von Daniel Barenboim geleitete Ensemble der Berliner Staatsoper könnte zum Spielball in einer Neiddebatte werden. Bild: ddp

Die Berliner Staatsoper und die Philharmoniker erhalten mehr Geld. Das freut nicht jeden und könnte eine Neiddebatte auslösen.

          Kulturpolitik in Deutschland ist wesentlich Musikpolitik. Denn dieses Land leistet sich, als Teil seines feudalen Erbes und gewiss auch aus besonderer Liebe, so viele Opernhäuser und Symphonieorchester wie kein zweites. Sie kosten etwa die Hälfte des Geldes, das die öffentliche Hand insgesamt für Kultur ausgibt. Die andere Hälfte teilen sich Museen, Theater, Galerien und Literaturhäuser. Der frisch unterschriebene Hauptstadtvertrag, mit dem der Bund seine Sonderzuwendungen für Berlin definiert, trägt dieser deutschen Eigenart Rechnung. Von den 25,7 Millionen Euro Mehrausgaben für die Kultur entfallen allein zehn Millionen auf die Opernstiftung und 7,5 Millionen auf die Berliner Philharmoniker, also knapp siebzig Prozent des Zuwachses.

          Dass sich Berlin besonders im Orchesterleben zur führenden Stadt Europas entwickelt hat, wird damit politisch honoriert. Was hier künstlerisch geleistet wird, kommt nicht allein Berlin zugute. Auch im Detail zeigt die konkrete Mittelzuweisung durchaus politische Entschlossenheit zur Ungleichverteilung, nämlich zur Bevorzugung der Berliner Staatsoper und der Philharmoniker. Schon im alten Hauptstadtkulturvertrag waren der Staatskapelle von Daniel Barenboim 1,8 Millionen Euro pro Jahr zugelegt worden, damit sie sich nicht nur als Opern-, sondern auch als Konzertorchester profilieren konnte, was ihr aufs schönste gelungen ist. Jetzt bekommt die Staatsoper verbindlich drei Millionen mehr, während die restlichen sieben Millionen auf die Deutsche und die Komische Oper sowie das Staatsballett verteilt werden.

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          Ein geschickter Schachzug immerhin, weil der Bund dadurch dem Begründungsdruck ausweicht, der entstünde, wenn er – wie sich das im vergangenen Sommer noch manche Entscheidungsträger vorstellen konnten – die völlige Finanzierungshoheit für die Staatsoper mit Barenboim als Bundeskapellmeister übernähme. Die Kulturhoheit der Länder, sagte der Musikfreund und Finanzminister Wolfgang Schäuble jetzt, werde nicht angetastet. Eine Neiddebatte innerhalb Berlins wird man damit aber nicht verhindern können. Schon im Jahr 2008 verdiente ein Tuttispieler als Berufseinsteiger in der Staatskapelle siebzig Prozent netto mehr im Monat als einer im Konzerthausorchester am Gendarmenmarkt, das sich ebenfalls in städtischer Trägerschaft befindet.

          Dass nun politisch schon wieder das Geld auf den größten Haufen geworfen werde, ist ein Einwand, den Martin Hoffmann, der Intendant der Berliner Philharmoniker, sofort zu entkräften sucht: Die steigenden Zuwendungen für sein Orchester würden nicht umgemünzt in Gehaltszulagen für die Musiker, die ohnehin schon zu den bestbezahlten der Republik gehören. Das Geld solle zur Subventionierung nichtkostendeckender Auslandstourneen und zur Finanzierung der Orchester-Akademie dienen. Die sei immer noch auf Spenden angewiesen. Das mag so sein, aber dass dort wirklich Not geherrscht hätte, hat man bislang nicht gehört.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

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