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Sprachpolitik und Ausländerkriminalität : Davon sagt ein treuer Beamter nichts

  • -Aktualisiert am

Roma vor der Ausweisung am Flughafen von Marseille Bild: dapd

Gibt es einen Zusammenhang zwischen kultureller Herkunft und Kriminalität? Die französische Regierung übt sich bei der Roma-Ausweisung in sprachpolitischer Korrektheit. „Délinquance étrangère“ bleibt ein sorgfältig vermiedenes Wort.

          Wie relevant ist es zu wissen, ob der Mörder einer alten Dame unlängst am Berliner U-Bahnhof Lipschitzallee ein Bayer, ein Russe, ein Jugendlicher, ein Rothaariger, ein Arbeitsloser, ein Vegetarier, ein Muslim oder ein Mitglied der Zeugen Jehovas war? Gewaltakte sind Gradmesser für unsere besondere Reizveranlagung. Die sachliche Differenzierung der Kriminalfälle nach bestimmten Zugehörigkeitsfaktoren kann der Aufklärung dienlich sein. Im erwähnten Mordfall gehörte der Festgenommene den Zeugen Jehovas an, wie auch sein Opfer.

          Dem Willen zum Verstehen folgt aber meistens der Wille zum Extrapolieren in der Phantasie auf dem Fuß, sei es im belastenden oder im entlastenden Sinn. Dazu ein kleiner Test mit dem Internet. Tippt man den Suchbegriff „Ausländerkriminalität“ ein, kommen hauptsächlich Seiten aus deutschen Ämtern, Forschungsinstituten und Medien, die auf die Fragwürdigkeit des Begriffs hinweisen: der Zusammenhang zwischen den beiden Begriffsteilen sei schwer nachweisbar. Tippt man hingegen „Ausländerkriminalität Forum“, stößt man vorwiegend auf – teilweise gesperrte – Seiten mit der Botschaft, Deutschland sei nur durch massive Ausländerabschiebung und Abschottung der Grenzen noch zu retten. Das Reizwort zieht einen Riss durchs Land.

          Sprachliches Korrektheitsgebot

          Frankreich macht gerade seinen Roma-Test durch. Die Regierung wolle keine Volksgruppe verunglimpfen, sagte der Präsidentenberater Claude Guéant im Zusammenhang der Roma-Ausweisungen, bevor herauskam, dass ein Runderlass des Innenministeriums die Zwangsräumung von dreihundert Lagern in den nächsten drei Monaten verlangte, „vorrangig jenen der Roma“, wie der Erlass präzisierte. Man dürfe vor den Tatsachen nicht die Augen verschließen, hatte Guéant weiter ausgeführt: „Innerhalb von zwei Jahren hat die Rumänen-Kriminalität, nicht die Kriminalität der Roma, die Rumänen-Kriminalität ums Zweieinhalbfache zugenommen.“

          Der Mann wusste, warum er so nachdrücklich auf die Unterscheidung hinwies. Mit einer Aussage über die Kriminalität der Roma hätte er sich strafbar gemacht. Das Erstellen von Statistiken nach Kriterien der Volkszugehörigkeit ist in Frankreich untersagt, Ausnahmen sind unter klar definierten Bedingungen neuerdings für die Forschung möglich. Auflistung nach Staatsangehörigkeit ist zulässig, nicht nach Volkszugehörigkeit. Die Republik achtet bei öffentlichen Verlautbarungen auf extreme Korrektheit, gibt aber offenbar bei internen Mitteilungen der Bürokratie der Deutlichkeit den Vorrang – im Interesse rationaler Erledigung. Was für den Berater ein Vergehen wäre, war für Innenminister Hortefeux nur ein unschöner Zungenschlag, den er schnell korrigierte.

          Wie die Republik seit 1872 nicht wissen will, ob ihre Staatsbürger katholisch sind, protestantisch oder wie gläubig auch immer, stellt sie sich auch für deren Herkunft blind – und nimmt damit in Kauf, hartnäckig zu ignorieren, wie viele Stellenbewerber mit fremd klingenden Namen abgewiesen werden und wie zahlreich unter den vorzeitigen Schulabgängern die Kinder von afrikanischen Zuwanderern sind. Wenn Sarkozys Berater also „Rumänen“ sagte und „Roma“ meinte, ging es ihm mehr um Ängste als um Fakten.

          Molekularer Bürgerkrieg

          Dennoch kommt im französischen Sprachgebrauch die Verbindung von „Kriminalität“ und „Ausländer“ praktisch nicht vor. Umso mehr Aufsehen erregt ein beim Seuil-Verlag für die nächsten Tage angekündigtes Buch des Soziologen Hugues Lagrange unter dem Titel „Le Déni des cultures“ (Das Leugnen der Kulturen), das das Verhalten der Bevölkerung in den Vorstädten mit Herkunft und Kulturhintergrund in Zusammenhang bringt. Kein Wörterbuch führt bislang so etwas wie den Ausdruck „délinquance étrangère“ auf. Und als ein Wortführer der Regierungspartei erklärte, in Sachen Straftätigkeit seien die Ausländer heute ein Problem, würgte das Land in den Medien tagelang an der Wortkombination. Das mag mit der Einbürgerungstradition Frankreichs zu tun haben. Damit also, dass viele der verurteilten Straftäter tatsächlich längst die französische Staatsangehörigkeit haben – was die Regierung wiederum auf die abstruse Idee brachte, man könne diese auch wieder wegnehmen, als wäre der Personalausweis ein Führerschein.

          Will man das kriminelle Potential nicht in den Genen suchen, bleiben nur die Kultur und das soziale Umfeld. Das kulturelle Erklärungsmodell hat sich seit der Kulturkonflikt-Theorie, wie der amerikanische Kriminologe Thorsten Sellin sie 1938 in seinem Buch „Culture, Conflict and Crime“ entwickelte, nicht durchsetzen können. Dass bei Einwanderern zwei unterschiedliche oder widersprüchliche Normsysteme in Konflikt geraten und Gewalt freisetzen, lässt sich von einer Migrantengruppe zur anderen ebenso gut nachweisen wie widerlegen. So ernüchternd es klingt, bleibt in der Debatte also die Frage der sozialen Umstände hängen, bei der die Unterscheidung zwischen In- und Ausländern allenfalls durch ein kleines Hintergrundfenster hereinkommt.

          Dieses Fenster ist aber zugleich die Landschaft, in der wir alle schon stehen und in der, will man es pessimistisch ausdrücken, der „molekulare Bürgerkrieg“ stattfindet, von dem Hans Magnus Enzensberger vor bald zwanzig Jahren sprach. „Der Bürgerkrieg kommt nicht von außen, er ist kein eingeschlepptes Virus, sondern ein endogener Prozess“, schrieb Enzensberger in seinem Büchlein „Aussichten auf den Bürgerkrieg“. Er meinte damit jene Situation, in der über territoriale und ideologische Grenzen hinweg eine wachsende Zahl von wirklichen oder vermeintlichen Verlierern gegeneinander ankämpfen. In diesem allgegenwärtigen Ausland per Sprachfiktion einen entkriminalisierten Innenraum schaffen zu wollen verschärft den molekularen Bürger- zum Stammeskrieg.

          Quelle: F.A.Z.

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