Home
http://www.faz.net/-gqz-141ub
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sprache nach der Wahl Social cold statt „the Aufschwung“?

02.10.2009 ·  Kann der neue Außenminister, von dem wir noch gar nicht genau wissen, ob er der Außenminister sein wird, überhaupt Englisch sprechen? Und was bedeutet es für den Klimawandel, wenn die soziale Kälte ausbricht? Was nützt das Sprechen über Politik, wenn eigentlich gar nichts passiert?

Von Tobias Rüther
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (16)

Vielleicht passiert ja rein gar nichts. Vielleicht warten wir aber auch erst einmal ab. Was näherliegend, seriöser und vor allem nervenschonender für alle Beteiligten wäre: für die vor dem und die im Fernseher. Dann kann immer noch nichts passieren, wenn es so weit ist.

Aber nein. Besser ist, wir reden. Quatschen das Vakuum voll, das sich seit den paar Tagen auftut, die nun die Bundestagswahl zurückliegt. Stellen es zu mit Fragen wie: Kann der neue Außenminister, von dem wir noch gar nicht genau wissen, ob er der Außenminister sein wird, überhaupt Englisch sprechen? Und wie wird das bei seinen Staatsbesuchen mit dem obligatorischen Damenprogramm, wo er doch, falls Sie das noch nicht wussten (doch, wir wussten es alle, seit Jahren schon), gar keine Dame an seiner Seite hat?

Und kommt jetzt mit ihm, der vielleicht nicht, vielleicht doch Englisch sprechen kann, die soziale Kälte zurück nach Deutschland? Die social cold statt the Aufschwung? Eine anbrechende, anhaltende soziale Kälte, so wie sie auch damals schon prognostiziert wurde, vor zwanzig Jahren, als die soziale Wärme unter den Menschen, die angeblich die DDR auf Betriebstemperatur hielt und für die eingesperrten Menschen erträglicher machte, mit der eingerissenen Mauer entwich und vom neuen Staat nicht eingefangen wurde? Leben wir denn nicht seitdem schon in einer Kältekammer?

Was heißt eigentlich Politikverdrossenheit?

Aber wie kann es überhaupt kälter werden in Deutschland, wenn gleichzeitig die Opposition, die sich auch noch nicht richtig formiert hat, davon redet, dass es fortan eigentlich nur noch wärmer werden wird, weil die neue Regierung nichts gegen den Klimawandel unternehmen wird und uns, ganz im Gegenteil, strahlende Zeiten bereiten möchte?

Nichts von alledem aber ist ausgemacht. Außer der Sprache, in der über dieses Nichts geredet wird, über den ungeklärten Zustand nach einer Wahl. Woher kommt es eigentlich, dass in diesem Bundestagswahlkampf 2009, deutlicher als je zuvor, Chiffren, ungenaue oder abgenutzte Metaphern und Floskeln das Gespräch über Politik bestimmt haben? Dass dieselben Leute, die der alten und wahrscheinlich auch neuen Kanzlerin Merkel das Championat der Beliebigkeit zuerkannten, wofür es ja gute Gründe gibt, dass dieselben Leute also sich selbst so oft verständigten über erstarrte, längst erkaltete Formeln? Und gleichzeitig die alten Elefantenduelle der Bundesrepublik im Fernsehen wiederholten, wie zum Beweis, dass damals alles besser war?

Man kann sie hin und her schieben, diese Floskeln, und sie laden sich doch nicht auf. Hat beispielsweise Ulla Schmidts sommerlich-spanienwarme Dienstwagenaffäre die sogenannte Politikverdrossenheit befördert? Oder war es im Gegenteil das Gerede über die Affäre, wie auch zu lesen war? Aber wäre es dann nicht vielmehr Journalistenverdrossenheit? Und könnte man das nicht auch einfach auseinanderhalten? Und was heißt eigentlich Politikverdrossenheit? Die Wahlbeteiligung fiel, aber gleichzeitig entschieden sich auch viele Arbeitslose für die FDP. Ist das Verzweiflung, Kapitulation vor der Kälte oder die Verweigerung des Erwartbaren, die Absage an den Reflex? Eine politische Entscheidung nach Abwägung der Optionen? Könnten wir kurz einmal darüber reden, bitte?

Ein kühler Blick

In den Vereinigten Staaten lässt sich momentan gut beobachten, wie sich der öffentliche Diskurs verändert, wenn Reflexe überhandnehmen. Wenn nicht mehr Ruhe einkehrt im vierundzwanzigstündigen Zyklus der Nachrichtenversendung. Dann wird, wie neulich geschehen, auf allen Kanälen länger über den einen Zwischenrufer bei einer Rede des amerikanischen Präsidenten debattiert als über die Rede selbst oder über deren Gegenstand: die dringend nötige Gesundheitsreform. In Deutschland wiederum beschäftigen sich seit Montag Journalisten - und eben nicht nur Blogger im Internet oder Menschen, die angeblich zum Zeittotschlagen Youtube gucken - mit dem einen Zwischenrufer, der eine Frage auf Englisch stellen wollte, die vorher auf Deutsch im Grunde beantwortet war. Als hinge von diesem Zwischenruf und dem, was er angeblich offenbarte, mehr ab. Als könne nicht ein Englischkurs oder die Beschäftigung eines Dolmetschers das Ganze lösen.

Und so kommt am Ende dabei heraus, dass Kälte vielleicht gar nicht so schlecht wäre im Augenblick und dass sie sozial wäre in dem Sinne, dass einem nicht ständig der nächste Reflex alle Aufmerksamkeit raubt. Eisiges Schweigen, während die Politiker sich noch sortieren oder heiße Luft reden. Ein kühler Blick. Und eine metaphernlose Sprache. Vielleicht passiert ja rein gar nichts. Vielleicht warten wir aber auch erst einmal ab. Was näherliegend, seriöser und vor allem nervenschonender für alle Beteiligten wäre.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 5