27.05.2007 · In Berlin wurde ein Spot anlässlich des G-8-Gipfels gedreht. Dafür wurde in der Spree ein braunes Riesenbaby plaziert, maskierte Leute auf Wasserskiern fuhren vorbei. Peter Körte hat die nicht alltäglichen Dreharbeiten beobachtet.
Von Peter KörteMein Sohn ist dann doch im Bett geblieben, obwohl er unbedingt auch mal in die Zeitung wollte, wie seine beiden Klassenkameraden, die es neulich, beim kollektiven Knut-Besuch, mit Vornamen und Altersangabe und einer kleinen Meinung in die Zeitung geschafft haben. Ich bin dann allein losgefahren, ans Wasser, weil der G-8-Gipfel jetzt überallhin ausstrahlt, auch nach Kreuzberg-Friedrichshain. Da hing ein Kameramann von der Oberbaumbrücke, in einer Affenschaukel, in der sonst Arbeiter sitzen und einen Schiffsrumpf anstreichen, ein Spot wurde gedreht, von „dropping knowledge e. V.“, einer gemeinnützigen Organisation, welche „den sozialen Wandel in der globalen Gesellschaft unterstützt“ und im Rahmen ihres „Summercamps“ ein Kunstprojekt veranstaltet.
„Und, wie war's?“, hat mein Sohn dann gähnend gefragt, als ich morgens um halb neun schon wieder zu Hause war. Es war, na ja, es war so: Ein fünf Meter langes Baby trieb in der Spree, es war braun, hieß Madele und sah aus wie ein zu groß geratenes Spielzeug, das wir vor langer Zeit mal ganz arglos „Negerpuppe“ nannten. „Und warum?“ Ich druckste herum. Weißt du, das Baby war Afrika, es verkörperte die Afrikaner. „Weil Afrika im Wasser schwimmt?“ Kann man so sagen, ja, hat er gut beobachtet auf der Weltkarte.
„Das ist aber nicht nett, dass sie sich nicht kümmern“
Und dann waren da zwei Boote, hinter jedem liefen vier Leute auf Wakeboards, das ist eine Art Wasserski, sieben von ihnen hatten Anzüge an, nur eine Frau trug eine rote Jacke, und vorm Gesicht trugen sie alle Masken mit den Gesichtern von Politikern. Dass es die Gesichter der Staatschefs waren, die am G-8-Gipfel teilnehmen, muss man einem Siebenjährigen nicht erklären. Er kennt sowieso nur Frau Merkel aus dem Fernsehen, sie lief hinter dem „Merkel-Boot“, wie der Aufnahmeleiter es nannte, und dann ist die Prodi-Maske kaputtgegangen.
„Wer ist Prodi? Und was für einen Film haben die gedreht?“ Die wollen zeigen, sagte ich, dass niemand in den reichen Ländern sich um Afrika kümmert, und deshalb fahren die Wasserskiläufer, also die Politiker, einfach an dem Baby vorbei. Und ab Montag kann man sich den Film im Internet anschauen. „Das ist aber nicht nett, dass sie sich nicht kümmern“, sagte mein Sohn und widmete sich wieder seinem Fußballbilderalbum.
„Nur ,anti' wollen wir auf keinen Fall sein“
Vom schönen dunstigen Morgen am Osthafen zwischen Oberbaumbrücke und Elsenbrücke, von Männern in klatschnassen Anzügen und von den Schwierigkeiten, die Boote so zu wenden, dass ein drittes Boot mit dem Kameramann sie nicht aus den Augen verliert, wollte er nichts mehr hören; der tote Fisch, der in der Spree trieb, erregte gerade noch schwaches Interesse. Und auf Youtube wird er sich den Spot wohl auch nicht ansehen, da guckt er sich lieber zum 35. Mal Messis Tor an. Oder Knut.
„Dropping knowledge“ wird's verkraften. „Nur ,anti' wollen wir auf keinen Fall sein“, sagte die Pressesprecherin, man lege Wert auf eine große Bandbreite der Meinungen, wolle Medium sein und, deshalb das überdimensionale Baby, welches der Künstler Ernst Handl entworfen hat, auch ein bisschen Kunst. Und ein bisschen fragt man sich dann, nachdem auch Schäuble sich jetzt als Demonstrantenversteher versucht, ob es eine Kunst ist, einen Spot zu drehen, zu dem jeder G-8-Teilnehmer bestimmt wohlwollend nickt.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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