22.07.2004 · Das Schlechteste für das deutsche Fernsehen wäre es, wenn ein auf Nummer Sicher gehender Erbsenzähler RTL-Geschäftsführer würde. Marc Conrad ist ziemlich genau das Gegenteil davon.
Von Stefan NiggemeierDas Schlechteste für das deutsche Fernsehen wäre es, wenn ein auf Nummer Sicher gehender Erbsenzähler RTL-Geschäftsführer würde. Marc Conrad ist ziemlich genau das Gegenteil davon.
Conrad, der am 1. November RTL-Geschäftsführer wird, hat Leidenschaft - eine Eigenschaft, die vielen Fernsehmachern heute abgeht und dem Fernsehen fehlt. Es ist vielleicht keine Leidenschaft für das einzelne Programm, dafür war, als er noch Programmchef von RTL war, sein Umgang mit Sendungen, deren Publikum zu klein oder zu alt war, zu gnadenlos, sein Glaube an die Quote und die Marktforschung zu ungetrübt. Ihn treibt ein unbedingter Wille zum Erfolg, und der Weg dahin ist nicht die Vermeidung von Risikos, sondern das Engagement für das, woran man glaubt. Conrads Firma "Typhoon" produzierte für Sat.1 "Die Anstalt", das ehrgeizigste Fernsehprojekt im Herbst vor zwei Jahren, eine Serie über den Alltag in der Psychiatrie. Es war ein Versuch, bei dem von Anfang an feststand, daß er mutig war. Er mißlang, doch wichtig ist: Conrad hatte an die Serie geglaubt. Berührungsängste hat er nicht: Seine Produktionsfirma "Typhoon" schmückt sich mit den Preisen für die RTL-Polizeiserie "Abschnitt 40", stellt aber auch die "Freitag Nacht News" her, am billigsten Ende des Comedy-Spektrum positioniert.
Niemand außer Helmut Thoma hat RTL so geprägt
Eigentlich hatte es so ausgesehen, als wäre für Leute wie ihn in der ersten Reihe des deutschen Privatfernsehens kein Platz mehr. Der heute 43jährige war vom ersten Tag an bei RTL. Er war Nachrichtenredakteur, kam im Alter von nur 28 Jahren in die Geschäftsleitung und wurde 1992 Programmdirektor und stellvertretender Geschäftsführer.
Der Satz des scheidenden Geschäftsführers Gerhard Zeiler, niemand außer der Gründer Helmut Thoma habe RTL so geprägt wie Conrad, ist keine Girlande, sondern eine Tatsache. Seine Karriere war rasant, Leichen pflasterten seinen Weg, seine Opfer nannten ihn einen "Radfahrer", der nach oben buckelt und nach unten tritt. Man nannte den 1,70-Meter-Mann "Stalin" oder "Napoleon". Nachdem Thoma geschaßt wurde, mußte 1998 auch sein erklärter Kronprinz Conrad gehen.
Überall taten sich Baustellen auf
In der Branche wird die Berufung eines ausgewiesenen Programm-Mannes wie Conrad als ein Signal verstanden - und als einen Kontrast zur Entscheidung von Haim Saban, einen unbekannten Sanierer wie Dejan Jocic zum Geschäftsführer von Pro Sieben zu machen. In den vergangenen Monaten hatte sich bei RTL unübersehbar ein Vakuum aufgetan. Gerhard Zeiler war seit März 2003 quasi nur noch Halbtags-Geschäftsführer in Köln und leitete den Rest der Zeit die Muttergesellschaft von Luxemburg aus.
Solange die etablierten Sendungen gut liefen und es wenig Bedarf gab, am Programm zu schrauben, ging das noch, doch dann taten sich überall Baustellen auf. Mit Frank Berners hatte Zeiler zwar einen zweiten Mann in Köln, der gerne als wandelndes Fernsehlexikon beschrieben wird, die Lücke aber nicht füllen konnte. Programm-Entscheidungen wurden aufgeschoben, Produktionsfirmen vertröstet, immer häufiger reagierte RTL auf die Konkurrenz anstatt selber zu agieren - eine unwürdige Rolle für den Marktführer und für den Sender, der Jahrelang fast ein Monopol auf das Setzen neuer Trends hatte.
So könnte Zeiler seinen Einfluß sichern
Conrad gilt als überaus entscheidungsfreudig und impulsiv - auch wenn sich ein paar Extreme in den fünf Jahren, seit er RTL mit Thoma verlassen mußte, abgeschwächt haben dürften. Mit Berners, mit dem er früher schon eng zusammengearbeitet hat, ergänzt er sich gut: Berners als Gewissen des Senders, Conrad als derjenige, der Entscheidungen trifft und dann mit aller Konsequenz durchsetzt. Zu den unangenehmen Angewohnheiten des Marktführers RTL gehörte in jüngster Zeit, alle Formate erst einmal zu kaufen und dann abzuwarten. Conrad steht dafür, sich zu entscheiden, was zu RTL paßt und was nicht, und das eine schnell umzusetzen und das andere gar nicht. Conrads RTL wird weniger Langeweile verströmen, aber das, was dann läuft, wird nicht immer schön anzusehen sein.
Die buchhalterische Seite des Geschäfts sind eher nicht seine Stärke, aber das kann durchaus im Interesse Zeilers sein. So könne er, munkelt man, auch in Zukunft als Chef der RTL Group Einfluß auf die Geschäfte der wichtigsten Tochter nehmen.