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„Holodomor: Bittere Ernte“ : Vergessener Massenmord

In der Ukraine wird im November der Toten des Holodomor gedacht. Bild: dpa

Ein Spielfilm thematisiert endlich den Massenmord durch Hunger in der Ukraine und anderen unterdrückten Nachbarstaaten der Sowjetunion. Er will aufklären. Das ist ein Anfang.

          Es ist das Trauma nicht nur der Ukraine, der Massenmord durch erzwungenen Hunger. Auch im Nordkaukasus, an der Wolga und in Kasachstan starben 1932 und 1933 aus dem gleichen Anlass Millionen von Menschen. Ob es sieben Millionen Tote insgesamt waren oder mehr, wird nie ganz aufgeklärt werden, weil die sowjetische Führung nicht nur unter Stalin, der den Hungermord anordnete, alles tat, um dieses Staatsverbrechen zu verschleiern. Ging es anfangs noch um die Zwangskollektivierung, wurde der Hunger bald auch als Waffe gegen die Dörfer, vor allem in der aufsässigen Ukraine und im Kuban, eingesetzt, wo seit Ende 1932 jeden Tag bis zu 25.000 Menschen starben. Gleichzeitig kam es zu Säuberungen im Parteiapparat, zu Massenerschießungen und Deportationen. Nicht nur die Ernten, das Saatgut, das Vieh und der persönliche Besitz der Bauern wurden beschlagnahmt und gestohlen. Man nahm ihnen schließlich auch alle Nahrungsmittel und riegelte die Hungergebiete ab.

          Trotzdem wurde Getreide in großen Mengen nach Westeuropa exportiert, trotz aller Warnungen von Exil-Ukrainern. Moskau lud loyale Journalisten, etwa von der „New York Times“, ein, und Schriftsteller wie Rolland, Barbusse und Shaw, die alle keinen Hunger gesehen haben wollen, sondern vom Triumph des großen Menschenexperiments schwärmten. Mit Lügenkampagnen wurde eine Mauer des Schweigens errichtet, die jahrzehntelang hielt. Zwar ist der Holodomor in der Ukraine längst fest verankert im nationalen Gedächtnis, wissen Osteuropa-Historiker Bescheid. Im großen Rest der Welt ist dieses Menschheitsverbrechen aber ein blinder Fleck in der Wahrnehmung geblieben. Auch stehen Exil-Ukrainer, vor allem jene vom amerikanischen Kontinent, immer noch unter Verdacht, antikommunistische Hirngespinste zu verbreiten.

          Nur so ist vielleicht zu erklären, warum jüngst im „Spiegel“ der erste Spielfilm über den Holodomor („Bittere Ernte“, DVD Pandastorm Pictures) mit dem Titel „Böse Russen, guter Mäzen“ angekündigt wurde. Zynisch heißt es in dem Artikel, ein reicher Mann, der schon alles habe, leiste sich statt noch einer Yacht oder einer Scheidung eben diesen Film. Der kanadische Exil-Ukrainer Ian Ihnatowycz finanzierte die millionenteure Produktion, die ein Massenpublikum aufklären will und den Opfern gewidmet ist. Dass er das kann, steht dahin, ein Spitzenwerk der Filmkunst ist es nicht, und der komplexen Tragödie wird er nur bedingt gerecht. Nur gibt es für die Meinung des „Spiegels“, hier würden „alle Russen“ als Schurken vorgeführt, im Film kein Indiz. Die Marodeure, die aushungern und töten, sind für die Bauern „Bolschewisten“ oder „Sowjets“ – was der historischen Wahrheit entspricht. Auch der Hinweis, ob die Hungersnot von der Sowjetführung ausgelöst wurde, sei unter Historikern umstritten, führt in die Irre. Nur Trolle behaupten das noch, nicht die Wissenschaft, die sich auf offizielle Dokumente stützen kann. „Bittere Ernte“ ist ein erster Versuch, nicht mehr, und es wäre gut, ihm würden bald andere folgen.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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