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Spektakulärer Briefwechsel Rudolf Augstein rief Carl Schmitt zu Hilfe

 ·  Im Nachlass des verfemten Staatsrechtlers Carl Schmitt ist unerwartet ein Briefwechsel mit dem „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein aufgetaucht, der diesen in ein neues Licht rückt. Die Hintergründe von Lutz Hachmeister und Stefan Krings.

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Eigentlich waren sie für Samstagabend verabredet. Carl Schmitt wartete an jenem 18. Oktober 1952 allerdings vergeblich auf seinen Gast. Erst am folgenden Vormittag traf Rudolf Augstein im sauerländischen Plettenberg ein - in Begleitung einer jungen Journalistin. Eine Autopanne habe die beiden zu einer Zwischenübernachtung gezwungen, wie Augstein in einem kurzen Telegramm mitteilen ließ. Am Sonntag nahm sich Schmitt dann bei einem Spaziergang die Zeit für ein vertrauliches Gespräch mit dem „Spiegel“-Herausgeber.

Doch was motivierte den damals neunundzwanzigjährigen Augstein zu einem Besuch bei dem verfemten Staatsrechtler, den man den „Kronjuristen des Dritten Reiches“ genannt hat? Bei einem Mann, der einst den jüdischen Geist aus dem deutschen Rechtsgelehrtentum hatte austreiben wollen? Erst wenige Monate zuvor hatte ein Artikel von Schmitt in Hans Paeschkes Monatszeitschrift „Merkur“ dazu geführt, dass zahlreiche Autoren mit Kündigung gedroht hatten. Dabei ging es gar nicht um den Inhalt des Aufsatzes, sondern darum, dass „dieser Schmitt“ überhaupt im „Merkur“ publizieren konnte.

„Freundschaftlicher Nachsicht“ sicher

Das konkrete Motiv für Augsteins Stippvisite in Plettenberg war die Beschlagnahmung des „Spiegel“ im Rahmen einer Affäre, die sich um einen ehemaligen Agenten des französischen Nachrichtendienstes namens Hans-Konrad Schmeißer rankte. Unter Berufung auf Schmeißer hatte das Nachrichtenmagazin am 9. Juli 1952 berichtet, Ministerialrat Herbert Blankenhorn, früher Adenauers persönlicher Referent und nunmehr Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt, habe im Auftrag des Kanzlers französische Agenten mit geheimen Informationen versorgt. Im Gegenzug hätten die französischen Behörden versprochen, Blankenhorn und die Familie Adenauers im Falle eines Einmarschs der russischen Armee rechtzeitig nach Spanien in Sicherheit zu bringen. Außerdem, so der „Spiegel“ weiter, soll Blankenhorn 1949 versucht haben, von den Franzosen rund 800.000 D-Mark für den Wahlkampf der Christdemokraten zu bekommen.

Adenauer nannte den damals noch in Hannover ansässigen „Spiegel“ wegen dieser und anderer Vorwürfe ein „Drecksblatt“. Er stellte Strafantrag wegen übler Nachrede und Verleumdung gegen Schmeißer, die verantwortlichen Redakteure sowie den Herausgeber Augstein. Auf kurzem Wege erreichte der Kanzler, dass die bereits ausgelieferte „Spiegel“-Ausgabe Nummer 28 bundesweit von der Polizei beschlagnahmt wurde. Denn laut Beschluss des Amtsgerichts Bonn enthielt der Artikel „schwerwiegende Angriffe“ gegen den Bundeskanzler und andere „hochgestellte politische Personen“, so dass die Zeitschrift „im Falle einer Aburteilung der für den Inhalt strafrechtlich verantwortlichen Personen“ eingezogen werden müsse.

Augstein sah in der Beschlagnahmung einen massiven Angriff auf die Pressefreiheit; rechtlich humpele die Aktion „auf wackeligen Beinchen einher“, wie er im „Spiegel“ 29/1952 schrieb. Als sein Einspruch aber vom Landgericht Hannover zurückgewiesen wurde, erwog Augstein erstmals in seiner Karriere eine Verfassungsbeschwerde. Deshalb wandte er sich ratsuchend an Carl Schmitt. Bei dem politischen Theologen und Entscheidungstheoretiker Schmitt fühlte sich Augstein „freundschaftlicher Nachsicht einigermaßen sicher“ - so jedenfalls schrieb am 30. Juli 1952 der junge Publizist an Schmitt. Das mag erstaunen, da Schmitt zwei Jahrzehnte zuvor in seinem theoretischen Zugriff konsequent die autoritäre Medienpolitik der Nationalsozialisten vehement verteidigt und darauf hingewiesen hatte, dass selbst ein „noch so liberaler Staat“ Zensur ausübe.

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Lutz Hachmeister ist Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) in Berlin, Stefan Krings Doktorand am Institut für Journalistik der Universität Dortmund. Das Berliner IfM wertet zurzeit in dem Forschungsprojekt „Die Sprache des Politischen“ den Briefwechsel Carl Schmitts mit Journalisten, Publizisten und Verlegern aus.

Quelle: F.A.Z., 23.08.2007, Nr. 195 / Seite 29
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