15.11.2009 · Keine Aufgabe zu umfänglich, kein Ziel zu edel, keine Anstrengung zu viel: Auf ihrem Dresdner Parteitag spricht sich die SPD den Mut zur Erneuerung zu - und wirkt dabei verzweifelt. Alle Hoffnungen gelten derzeit Sigmar Gabriel.
Von Nils MinkmarVerdammt schwer, mit einem vollen Teller zu rennen: Tempo drosseln, die ergatterten Lebensmittel nicht aus den Augen lassen und den Eingang durch die Tür zum Plenum richtig abschätzen, schließlich ist die aus Metall. Die großen roten Delegiertenkarten mit dem weißen „D“ baumeln heftig, aber es hat halt bereits zum zweiten Mal gegongt. Wahlen stehen an, die deutschen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sind aufgerufen - dabei hatten sie gerade etwas essen wollen. Aufgerufen diesmal, ihr Präsidium zu wählen, das duldet keinen Aufschub, aufgerufen aber immer auch, Frieden zu sichern, Bildung für alle Kinder bereitzustellen, gute Jobs zu schaffen und die Natur zu pflegen. Überall auf der Welt und für immer.
Zwei Tage in der Wärme der sozialdemokratischen Großfamilie, und man fühlt sich als Teil der Liga der Superhelden aus den Marvel-Comics: Keine Aufgabe kann zu umfänglich, kein Ziel zu edel, keine Anstrengung zu viel sein. In den sechsundsechzig Redebeiträgen, mit denen der dysfunktionale, schwer gestörte Club sich nach Jahren im Machtrausch selbst zu therapieren suchte, gab es keine Hemmungen mehr bei der Beschwörung des Guten, der Verurteilung des Bösen und bei der Forderung nach heftigerer Anstrengung. Da wurde mehrfach Hannah Arendt zitiert, die ja viel geschrieben hat und sich auch nicht mehr wehren kann, und zwar mit dem Satz, Politik sei „Liebe zum Leben“. Also die der SPD jedenfalls. Ob die anderen Parteien in Todessehnsucht vergehen? Schwer zu sagen, kaum jemand in der Dresdner Messehalle scheint etwas über Politiker anderer Parteien, Politiker außerhalb Deutschlands, Leute außerhalb der SPD oder schlicht „die Menschen“ zu wissen.
Darüber wurde immer gemutmaßt, immer ein bisschen sorgenvoll, es war wie in einem Stück von René Pollesch, wo alle rumsitzen und sich fragen: „Das Leben der anderen. Was könnte das sein?“ Schwere Frage. Denn obwohl, so der Konsens in der Messehalle, die SPD das perfekte Programm und die dazu passenden Helden hatte, will niemand ihre Hilfe: Batman schaut in den Nachthimmel, doch kein Scheinwerfer zeigt das Fledermaussymbol.
Im Veränderungstaumel
Dabei ist es doch nicht schwer, selbst die Menschen könnten das verstehen: Bildung und Arbeit. Jeder sollte Bildung und Arbeit wollen, also die Kinder die Bildung und die Eltern die Arbeit, das sind die beiden Zauberwörter, und je öfter sie beschworen werden, desto besser wird der Mensch, wird das Land. Und die Menschen, die sich so schon ganz wohl fühlen, denen eine Kanzlerin zuflüstert, es sei alles im Wesentlichen in Ordnung in der Bundesrepublik des Jahres 2009 und werde noch besser?
Für Genossen unfassbar, unmöglich! In das Zentrum seiner schönen Rede stellte Sigmar Gabriel das Verwandlungsversprechen: Die Idee der Sozialdemokraten sei die Metamorphose, sagte er, dass alle Zustände und alle Lebensläufe und alle Machtverhältnisse veränderbar seien, das Leben könne man verändern, versprach er, und mehr noch, die SPD werde sich wieder mal, ohne zu ermüden, anstrengen und dorthin gehen, wo es anstrengend sei, denn da sei das Leben: „Wo es anstrengend ist, wo es schlecht riecht.“ Und je mehr Gabriel von Anstrengung, Arbeit und Unruhe und tätigem Fleiß sprach, desto begeisterter nickten Erhard Eppler und Hans-Jochen Vogel.
Schinden sollen sich die Helden, schinden sollen sich die Menschen, sollen weitermachen, emporstreben und sich nicht so sauwohl fühlen in der Welt. Greta Wehner saß daneben und machte sich Notizen, sie ahnte ja nicht, dass das dicke Ende auch für sie bald kommt. Denn nachdem Sigmar Gabriel es geschafft hatte, anderthalb Stunden ganz ohne den schlimmen sozialdemokratischen Jargon auszukommen und immerhin so etwas wie eine zeitgemäße Rhetorik zu präsentieren, nachdem er die ausgeschiedenen Minister gelobt und die Traditionen diskutiert hatte, wusste er nicht mehr, was er machen sollte.
Ein Bühne für Sigmar Gabriel
Begeistert vom Versprechen nun unmittelbar anbrechender Erneuerung konnten die Delegierten sich nicht mehr halten, es war ein hysterischer Zustand mit Applausbewegungen, der weniger freudig als verzweifelt wirkte. Sie hörten einfach nicht auf. Der einstige Pop-Beauftragte begab sich also auf eine Tour um die Bühne, Stagediving wäre jetzt gut, wird er sich gedacht haben, aber das Podium war zu niedrig. Also eilte er auf flinken Füßen um die Tribüne herum, auf den Tisch der Ehrengäste zu, nun hatte ihn der Schwarm der Kameras erreicht, und dann fiel er über Herbert Wehners Witwe her, auf dem Bildschirm sah man nur noch Flecken ihres rosa Pullovers und ansonsten überall Gabriel über ihr, in Dunkel, es sah so aus, wie ein Genosse so bitter die politische Landkarte beschrieben hatte: „Ein schwarzes Meer der Fläche.“
Noch mal und immer wieder wurde in Dresden gefragt: Wie konnten die Menschen so irren? Sicher, es gab Selbstkritik in Dresden, der Aufruf zu heftigerer Anstrengung in der Selbstkritik, aber sofort auch immer das Lob über die Selbstkritik. Niemand übe so schön und gut Selbstkritik wie die SPD, hieß es aus der SPD.
Ein Ruf erschallt ins Nirgendwo
Und es folgten auch Taten. Während Sigmar G., Held und König von Dresden, alle Journalisten um sich versammelte, mit ihnen scherzte, sie milde ärgerte, sich ganz allgemein bescheiden und sympathisch gab, erläuterte Olaf Scholz in diesem medialen Windschatten Punkte des Leitantrags: Bahnprivatisierung nicht mit uns, Einnahmen aus Ferienjobs sollen Jugendliche in Hartz IV behalten dürfen, ohne dass es ihren Eltern abgezogen wird, die Leiharbeit soll eingedämmt und den Universitäten muss geholfen werden.
Alles Revisionen einst verbittert verteidigten sozialdemokratischen Regierungshandelns. Nun ist es leicht, sich sympathisch zu geben, in der Opposition. Die ernsten, bösen Männer sind ja auch alle weg: Kein Schröder, kein Clement, kein Schily, und sie wurden auch nicht mehr genannt. Genannt wird seit Freitagabend außer den Heiligen Hannah Arendt und Willy Brandt nur noch der neue: „Wie Sigmar gesagt hat.“ „Sigmar, du hast uns gestern so richtig . . .“ „Ganz wie der Sigmar will auch ich . . .“
Freitag früh hieß Sigmar noch Franz. Und einige Jahre davor war der Kurt der Sigmar, und der Matthias, der Björn und der Oskar, der war der Obersigmar und wird, wegen der Sache damals, erst recht nie wieder erwähnt. Alle waren mal Sigmar, und immer waren die Delegierten so begeistert, dass sie jeden Teller in Gefahr gebracht hätten, wenn sie gerufen hätten. Solange sie bloß gerufen werden, egal wohin.