31.07.2002 · Spontaner Sparzwang: Heute will die Stadt Erlangen entscheiden, ob sie sich das renommierte Poetenfest in vier Wochen wirklich leisten kann.
In einem Monat hatte es losgehen sollen: Wie immer am letzten Augustwochenende sollte sich auch bei der 22. Ausgabe des Erlanger Poetenfestes die deutschsprachige Literatenszene im Mittelfränkischen treffen. Das renommierte Festival gilt als wichtiges Barometer knapp sechs Wochen vor der Frankfurter Buchmesse. Viele Autoren nutzen es als Gelegenheit, erste Einblicke in offiziell erst in Frankfurt vorgestellte Neuerscheinungen zu geben. Besucher schätzen den direkten Kontakt mit Schriftstellern in Erlangen.
Jetzt steht das Erlanger „Poetenfest“ wegen knapper kommunaler Kassen unmittelbar vor dem Aus. Wie Erlangens Oberbürgermeister Siegfried Balleis (CSU) am Samstag bekannt gab, habe die Stadt in den vergangenen Tagen rund 24 Millionen Euro zu viel erhaltener Gewerbesteuer zurückzahlen müssen. Er habe deshalb nach der Haushaltssperre von Anfang Juli nun auch noch eine zehnprozentige Ausgaben-Kürzung anordnen müssen, sagte Balleis.
Absage teurer als Durchführung?
Derzeit prüfe die Stadt die beim Poetenfest bereits eingegangenen finanziellen Verpflichtungen. „Nur wenn der finanzielle Schaden einer kurzfristigen Absage größer als der Nutzen ist, werden wir das Poetenfest durchführen“, erläuterte Balleis. Die Stadt hatte bisher 100.000 Euro für das Literaturforum veranschlagt. „Selbst wenn wir nur 50.000 bis 60.000 Euro sparen können, werden wir in diesem Jahr auf das Poetenfest verzichten.“
An diesem Mittwoch soll entschieden werden, ob die armen Poeten auch in diesem Jahr im armen Erlangen feiern können. Anstelle des Poetenfestes könnten nach einem Vorschlag des Kulturreferenten Dieter Romeissl (SPD) mehrere für den Herbst geplante Ausstellungen abgesagt werden; das Poetenfest könnte für die bislang kostenlos besuchbaren Lesungen im Schlosspark Eintritt erheben. Festival-Organisator Karl-Manfred Fischer hält das allerdings für nicht praktikabel.
„Brüskierung aller Schriftsteller“
Inzwischen haben die zum Poetenfest eingeladenen Moderatoren in einem Offenen Brief, der in einigen Zeitungen veröffentlicht wurde, gegen dessen Absage protestiert. Unter Hinweis auf die Bedeutung des Festivals für die deutschsprachige Literatur nennen sie die mögliche Absage „eine kulturpolitisch unkluge und in jeder Hinsicht bedauernswerte Entscheidung“. Zudem würde sie so kurz vor dem Festival „als Brüskierung aller Schriftsteller, Publizisten und Literaturkritiker empfunden werden“. Unterzeichnet wurde der Brief von Verena Auffermann, Michael Braun, Friedrich Dieckmann, Liane Dirks, Sigrid Löffler, Martin Lüdke, Dennis Scheck, Wilfried F. Schoeller, Hajo Steinert und Hubert Winkels.