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Spannende Fragen Falscher Fuffziger

28.12.2009 ·  Was wird nicht alles als „spannend“ bezeichnet: Eine Geschichte, ein Fußballspiel oder ein „Tatort“ - das lässt man sich noch gefallen. Doch meistens ist das, was „spannend“ sein soll, das genaue Gegenteil.

Von Edo Reents
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Spannend: Mit diesem Wort stimmt etwas nicht. Schon grammatisch ist es eine Mogelpackung. Es rangiert unter den Adjektiven, obwohl es eindeutig ein Partizip ist - ein Trick möglicherweise, der seine inhaltliche Dürftigkeit kaschieren soll. Denn semantisch ist es erst recht ein falscher Fuffziger. Was mit ihm bezeichnet wird, ist meistens das genaue Gegenteil. Es enthält seine eigene Negation schon in sich und wäre insofern dem Wort „modisch“ vergleichbar: „Modische Herrenoberhemden“ sind in der Regel ja überhaupt nicht modisch. Wer es nötig hat, sein Produkt so zu bezeichnen, der will davon ablenken, dass es die ihm zugeschriebene Eigenschaft gar nicht besitzt.

Aber was wird nicht alles als „spannend“ bezeichnet?! Eine Geschichte, ein Fußballspiel oder ein „Tatort“ - das lässt man sich noch gefallen. Aber dass jede Frage, jeder Aspekt, jede Themenstellung nun schon „spannend“ sein soll, das kann nicht angehen und wäre auch gar nicht wünschenswert, denn das hielten die ohnehin zum Zerreißen gespannten Nerven eines halbwegs sensiblen Menschen nicht aus und führte auf die Dauer zur Zerrüttung.

Die Welt als Abenteuerspielplatz

Auch Berlin ist nicht eigentlich spannend, wie man immer wieder hört. An der Sommeruni Bayreuth, die dieses Jahr ein Symposion zur Wiedervereinigung ausrichtete, behauptete man sogar: „Deutschland ist spannend.“ Ob so ein wahlloser Erlebnishunger, der aus solchem Gerede spricht, weiß, wie schwer es ist, dass er auf seine Kosten kommt? In der DDR gab es eine Buchreihe, die hieß „Spannend erzählt“, und dass sie sich vorzugsweise an Kinder und Jugendliche wandte, sagt doch schon alles: Nur infantile Naturen denken sich die Welt als Abenteuerspielplatz; vernünftige Leute finden ihr Genüge in Nuancen, die sie mit einem stillen Lächeln zur Kenntnis nehmen.

Dass Anne-Sophie Mutter unlängst „das Streben nach Perfektion“ als „spannend“ bezeichnete, mag man gleichfalls als inflationären Gebrauch abtun; aber die Meistergeigerin wollte damit vermutlich nur sagen, dass die Perfektion als solche schon nicht mehr spannend ist, sondern eben einfach perfekt und damit irgendwie langweilig. Es ist deshalb sehr vernünftig, dass der Schriftsteller Burkhard Spinnen schon zwei Anläufe unternommen hat, das Wort „spannend“ zum Unwort des Jahres zu erklären, leider vergeblich. Bis es dazu kommt, halten wir es mit Walter Kempowski, der einmal sagte, „spannend“ sei eigentlich nur Hitchcock. Wo das geschrieben steht? Das ist natürlich auch so eine spannende Frage.

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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