Home
http://www.faz.net/-gqz-xt0s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Spanischer Pilotenstreik Die Zitterlosen

 ·  Das Militär besetzt den Flughafen, der Ministerpräsident regiert das Land von einer Insel aus, und der König sitzt fest in Argentinien: Dieser Flugstreik ist zu pittoresk, um Spanien und seine Piloten zum Zittern zu bringen.

Artikel Lesermeinungen (2)

In Spanien liest man wieder die Formulierung, der Regierung oder der Justiz möge „die Hand nicht zittern“, wenn es an die Bestrafung der Fluglotsen geht, die mit ihrem spontanen Streik die Flughäfen des Landes lahmgelegt und mehr als eine halbe Million Reisende ins Chaos gestürzt haben. Weiter heißt es, dem ehemaligen Präsidenten Ronald Reagan habe seinerzeit im Ringen mit den amerikanischen Fluglotsen auch nicht „die Hand gezittert“. Wirft man einen Blick in spanische Geschichtsbücher, kann man dort lesen, dass auch dem Diktator Franco beim Unterzeichnen von Todesurteilen „die Hand nicht gezittert“ hat.

Unter den Kommentatoren der Fluglotsenaffäre herrscht immer noch Uneinigkeit darüber, was an diesem Wochenende das Erstaunlichste war. Die Tollkühnheit dieser privilegierten Spezies, die es gewagt hat, ein ganzes Land zu erpressen (auch ihr hat die Hand nicht gezittert)? Die prompte Reaktion der Regierung, den Alarmzustand auszurufen und durch das Militär die wichtigen Flughäfen Spaniens zu übernehmen (auch ihr zitterte die Hand nicht)? Oder die Aussicht, dass sich die Streikenden vor dem Militärgericht (wird ihm die Hand nicht zittern?) verantworten müssen und dass sie sogar für mehrere Jahre hinter Gittter gehen könnten?

In zweiunddreißig Jahren Demokratie hat es das nicht gegeben: Militär rückt aus, um die Kontrolle über Flughäfen an sich zu reißen; der Ministerpräsident sitzt in Lanzarote fest und regiert das Land von einer Vulkaninsel aus; und der König weilt im fernen Argentinien! Eine Blamage sei es gewesen, schreiben die Zeitungen, alle Welt lacht über uns! Ein bisschen lächeln wird man wohl noch dürfen, schließlich passiert so etwas Pittoreskes nicht alle Tage. Aber es liegt doch auch etwas Tröstliches in all dem. Das Militär muss ja nichts Schlimmeres bewältigen als einen Anschlag auf die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung. Nicht die Demokratie, sondern der Kurzurlaub steht auf dem Spiel. Kein Grund, um Spanien zu zittern.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

Jüngste Beiträge