http://www.faz.net/-gqz-zgjn

Spanische Nationalbiographie : Franco, der Tapfere

Monument der Franco-Verehrung: die Basilika im Tal der Gefallenen nahe Madrid Bild: AFP

Der „Generalísimo“ ist ein „tapferer und katholischer Mann“: Ein großangelegtes biographisches Lexikon verstört mit seinem nostalgischen Blick auf den Diktator. Die Unterdrückung durch das Franco-Regime wird ausgeblendet, liberale Stimmen werden ignoriert.

          Er habe die politischen Extreme einander erklärt, weil er beide durchlebt habe, hieß es in Spanien zum Tod von Jorge Semprún, und allgemeines Bedauern ist zu spüren, dass es einen solchen Intellektuellen nicht noch einmal gibt. Ja, er fehlt Spanien schon jetzt. Wie fremd Semprúns unideologisches Denken dem akademischen Milieu geblieben ist, zeigt die Groteske um die gerade erschienenen ersten fünfundzwanzig Bände des „Diccionario Biográfico Español“, ein auf das doppelte Volumen angelegtes biographisches Lexikon. Denn statt des erwarteten Jubels über eine akademische Gemeinschaftsleistung, die eine klaffende Lücke in der spanischen Geschichtsschreibung schließen sollte, herrschen Streit, Rechthaberei und Betretenheit. Jetzt hat sogar die spanische Regierung eingegriffen. Wegen parteilicher und tendenziöser Darstellung soll die Königliche Akademie der Geschichte, die Herausgeberin des Werkes, „unverzüglich“ alle Beiträge berichtigen, die „Sorgfalt und wissenschaftliche Objektivität“ vermissen lassen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Und das sind nicht wenige. Allen voran der Eintrag zu Franco, in welchem der Mediävist Luis Suárez - Patronatsmitglied der Francisco-Franco-Stiftung und Vorsitzender der ultrarechten „Bruderschaft des Tals der Gefallenen“ - den Diktator „Generalísimo“ oder „Staatschef“ nennt, aber nicht „Diktator“. Franco sei ein „intelligenter und gemäßigter“, ein „tapferer und katholischer“ Mann gewesen, so Suárez, der eine „autoritäre, aber nicht totalitäre“ Herrschaft errichtet habe. Nach dreißig Jahren Aufarbeitung der franquistischen Repression wirkt diese einst auch außerhalb Spaniens gängige Unterscheidung anachronistisch.

          Nostalgisch gefärbter Blick auf die Diktatur

          Viele spanische Historiker sind entsetzt über die Rechts-Nostalgie in einem Lexikon, an dem fünftausend Autoren mitgewirkt haben. Politiker der Spanischen Republik würden darin negativ dargestellt und die Werte des Regimes umstandslos reproduziert. Den Eintrag zu General Alfonso Armada etwa, einem Kopf des Militärputsches vom 23. Februar 1981, verfasste ein Mitglied der Königlichen Akademie für Geschichte - der Schwiegersohn des Generals. Dagegen fehlen als Autoren einige der wichtigsten liberalen Historiker der letzten Jahrzehnte wie Santos Juliá, Paul Preston oder Julián Casanova. Völlig ausgeblendet, so die Kritiker, werde die jüngere Geschichtsschreibung zur Unterdrückung durch das Franco-Regime.

          Sehe man nur die Autorenliste, wisse man schon, was dabei herauskomme, gaben einige der übergangenen Historiker zu Protokoll. Gedacht war aber an etwas anderes. Gedacht war an ein ehrgeiziges, mit strengen Maßstäben arbeitendes Werk von 43 000 Einträgen, das an das große Vorbild, das „Oxford Dictionary of National Biography“, heranreichen sollte. Mehr als sechs Millionen Euro sind seit 1999 in das Projekt geflossen, das die konservative Regierung Aznar beschlossen hatte. Und jetzt herrscht Katzenjammer, leider auch bei vielen, die für das Lexikon gute und unanfechtbare Forschung abgeliefert haben. Mehrere Opferverbände kündigten inzwischen an, gegen die Autoren der anstößigen Artikel wegen „Verherrlichung des Völkermords“ klagen zu wollen.

          Der vielen Gesichter eines Diktators

          Eine besonders unglückliche Figur bei alldem macht Gonzalo Anes, der neunundsiebzigjährige Direktor der Geschichtsakademie. In einem Gespräch mit der Zeitung „El País“ wies er alle Vorwürfe zurück, betonte, dass die Rechte an den Einträgen nicht bei der Akademie, sondern bei den jeweiligen Verfassern lägen, und gab zu, den umstrittenen Franco-Eintrag noch nicht gelesen zu haben. Der Frage, ob Franco in seinen Augen ein Diktator gewesen sei, wich Anes aus. „Er hatte verschiedene Epochen und handelte jeweils auf unterschiedliche Weise“, sagte er. „Es gab mehrere Francos, und keiner von ihnen hat mir gefallen.“ Aber, so fragte die Zeitung nach, glaube er denn nun, dass Franco ein Diktator war? Oder nicht? „Bitte“, sagte der Direktor, „ich bin müde und muss gehen.“

          Etwas sagte er aber doch noch. Nämlich, dass der Skandal in keinem anderen europäischen Land entstanden wäre. Dass etwa in Deutschland, wenn ein Lexikon über Hitler nicht das geschrieben hätte, „was man sagen muss“, niemand . . . Da unterbrach der Interviewer mit der Bemerkung, die deutschen Lexika führten gewiss sämtliche Greueltaten Hitlers auf. „Gut“, so die Antwort, „dann nehmen Sie das Hitler-Beispiel weg.“ Wer weiß, ob das noch so einfach ist. Die Rufe nach dem Rücktritt des Direktors werden lauter, und auch die Zusammensetzung der Königlichen Akademie für Geschichte ist jetzt zum öffentlichen Thema geworden. Etwa der Umstand, dass sich unter ihren 36 Mitgliedern (fünfzehn von ihnen haben schon die achtzig Jahre überschritten) nur drei Frauen befinden und - 36 Jahre nach Francos Tod - auffallend viele Altfranquisten.

          Weitere Themen

          Mandarinen statt Schweinekadaver

          FAZ.NET-Sprinter : Mandarinen statt Schweinekadaver

          Während Angela Merkel in ihren letzten politischen Zügen für mehr Frauen in Spitzenpositionen eintritt, könnte es im Atomstreit zwischen Amerika und Nordkorea einen gefährlichen Rückschlag geben. Was sonst noch wichtig ist, lesen Sie im FAZ.NET-Sprinter.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Bloß keine russischen Verhältnisse

          November 1918 : Bloß keine russischen Verhältnisse

          Wie Friedrich Ebert die revolutionäre Energie in Deutschland kanalisierte: Robert Gerwarth deutet in seinem neuen Buch den gesellschaftspolitischen Umsturz im November 1918.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Brände in Kalifornien : Zahl der Toten steigt immer weiter

          Große Gebiete Kaliforniens stehen in Flammen. Das „Camp“-Feuer ist schon jetzt das mit den meisten Todesopfern in der Geschichte des Bundesstaats. Winde und Trockenheit drohen, die Lage weiter zu verschärfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.