19.08.2009 · Die spanischen Gefängnisse platzen aus allen Nähten. Was tun die Anstalten? Sie packen die Insassen in Gefängnisbusse und kutschieren sie gemächlich, von Knast zu Knast, durchs Land.
Von Paul IngendaayDas letzte Wochenende war in Spanien das blutigste des Jahres: Einunddreißig Tote an zweieinhalb Augusttagen waren zu beklagen, an denen sich fünf Millionen Menschen ins Auto setzten, um ihre Sommerferien zu beginnen oder zu beenden. Natürlich müsste das nicht sein; die spanische Verkehrsbehörde gab bekannt, dass auf den Autobahnen kaum Staus entstanden. Es lag also an überhöhter Geschwindigkeit und mangelnder Vorsicht.
Eine andere Nachricht in diesem Zusammenhang ist schon schwerer zu deuten. Die Zeitung „ABC“ berichtet, spanische Gefängnisse seien so überfüllt, dass die einzige Abhilfe darin bestehe, die Häftlinge unablässig zu verlegen und auf mehrtägige Reisen durchs ganze Land zu schicken. Wie das? fragt sich der Laie. Nun, jede Stunde, die sich die Häftlinge auf der Straße befinden, ist für die aus allen Nähten platzenden Haftanstalten eine gewonnene Stunde. Manche von ihnen leben mehr schlecht als recht mit einer Überbelegung von 175 Prozent. In den letzten sieben Jahren ist die Zahl der Inhaftierten in Spanien von fünfzigtausend auf fünfundsiebzigtausend gesprungen, und die Aggressivität unter den zusammengepferchten Häftlingen wächst.
Rollende Zellen
Zu den leichteren Fällen, die hinter Gitter wandern, gehören inzwischen auch fahrlässig handelnde Verkehrssünder. Doch der Gefängnisbau hält nicht Schritt, und so behilft sich der Strafvollzug, wie er kann. Von Madrid aus führen sieben, von anderen Orten aus fünf Transportrouten in verschiedene Winkel des Landes. Ein Gefängnisbus hat vierzehn Doppelzellen, also Platz für achtundzwanzig Menschen. Wenn man schön langsam fährt, und das scheinen die Transporter zu tun, dauert so eine Tour eine ganze Woche. Auf einer Strecke von siebenhundert bis tausend Kilometern gelangt man in Ruhe von einem Knast zum anderen, lädt die Gastschläfer für eine Nacht hier ab, dann dort ab, bis das Ziel im hohen Norden oder tiefen Süden erreicht ist.
Dann kommt neue Fracht. Natürlich dienen manche Fahrten auch dazu, Häftlinge ihren Familien anzunähern oder sie zum Gericht zu fahren. Aber die Verzweiflungsmethode der permanenten Verlegung hat doch so um sich gegriffen, dass in drei Monaten rund siebzigtausend Inhaftierte – fast die gesamte Häftlingspopulation – im Zellenbus über Spaniens Autobahnen rollen. Und auch wenn Reisen bildet und sich unterwegs wertvolle menschliche Begegnungen ergeben mögen, kann darin nicht die Lösung liegen. Hat schon mal jemand an den Schadstoffausstoß gedacht?
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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