Vor zwei Jahren gewannen die Architekten Enrique Sobejano und Fuensanta Nieto aus Madrid den renommierten Aga Khan Preis für das „Museo Madinat al-Zahra“ bei Córdoba. Die Auszeichnung wird in der Regel für Bauprojekte in der islamischen Welt vergeben. Dass diesmal eine Ausnahme gemacht wurde, liegt wohl daran, dass das unweit der archäologischen Ausgrabungsstätte Madinat al-Zahra eröffnete Bauwerk an die vor 1100 Jahren entstandene Kalifenstadt des Omayaden-Reichs auf spanischem Boden erinnert. Folgerichtig hob die Jury hervor, wie gekonnt in dem modernen Baukörper die arabische Bautradition der Patios wiederbelebt worden sei.
Im galizischen Lugo bauten Nieto und Sobejano kürzlich das „Museo Interactivo de la Historia de Lugo“, das die römische Geschichte des Ortes sichtbar macht. In Córdoba hatten die beiden Madrilenen ihr Bauwerk aus Respekt vor der nahen Ausgrabungsstätte von Madinat al-Zahra in die Erde gesenkt, hier tieften sie das Museum ein, um den von mehreren Wohnblocks umgebenen Parque de la Milagrosa zu schonen. An diese Gemeinsamkeiten der Museumsprojekte denkt allerdings niemand, der sich zum ersten Mal im Museum in Lugo aufhält.
Man muss weit außerhalb des historischen Stadtkerns suchen, bis aus der leicht abschüssigen Parkwiese verrostet wirkende Stahlzylinder auftauchen, die wie Periskope aus U-Booten lugen. Nachgebildet sind sie den runden Bastionstürmen der vollständig erhaltenen römischen Stadtmauer. Die in Höhe und Durchmesser variierenden Zylinder aus oxydiertem Cortenstahl dienen der Erschließung, Entlüftung und Versorgung mit Tageslicht.
Analogie zum Museo Madinat al-Zahra
Außer der Tieflegung gibt es eine zweite Analogie zu Córdoba: Die Strukturierung des Raumprogramms, ausgehend von drei Patios, die den zylindrischen Körpern angegliedert sind und natürliches Licht in die unterirdischen Räume strömen lassen. Zudem wirken sie als Strukturelemente, die sofort erkennbar machen, wo sich Café und Foyer, Haupteingang und Verwaltung befinden. Diese Innenräume wirken allerdings nur von außen gesehen als getrennt. Tatsächlich sind sie unterirdisch überraschend eng miteinander verbunden. Wer vom Parque de la Milagrosa hinabsteigt ins Museumsareal, dem bieten sich fließend verbundene, kreisrunde Ausstellungsräume, die mit den ebenfalls runden Patios harmonieren.
Lugo als „Museumspark“ kommentierend, bezeugen Nieto und Sobejano mit der Auseinandersetzung der besonderen Gegebenheiten des Ortes und der Landschaft, aber auch dem deutlichen Interesse für Tektonik, wie sehr sie in der Tradition der spanischen Moderne verwurzelt sind. Genauso verhält es sich mit dem fast zeitgleich vollendeten Erweiterungsbau für das „Museo San Telmo“ im baskischen San Sebastián. Das bislang wenig bekannte Museum geht auf ein im 16. Jahrhundert errichtetes Dominikanerkloster zurück, das vor achtzig Jahren zum zentralen Stadtmuseum umgebaut wurde, mit Gemälde- und kunsthandwerklichen Sammlungen.
In den letzten Jahren stand das Museo San Telmo im Schatten von „Chillida-leku“, Eduardo Chillidas Skulpturenpark im benachbarten Hernani. Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano widmeten sich zunächst der Renovierung des Altbaus, dessen wunderschöner Kreuzgang zur Gelenkstelle zwischen Alt und Neu gestaltet wurde. Der Lage am nördlichen Rand der Altstadt und am äußersten Punkt der Playa de la Concha trugen sie schließlich Rechnung, indem sie das Museum mit einen quergestellten schmalen Riegel ergänzten, der die angrenzende Plaza Zuloaga einfasst und den nahen Berg Urgull einbezieht - so vermittelt die Architektur zwischen Stadtraum und Landschaft.
Wenn Nieto und Sobejano die Fassade des Erweiterungsbaus mit einer Leinwand vergleichen, dann wegen der vorgehängten metallischen Haut, aus deren Poren einheimische Gräser, Moose und Pflanzen sprießen wie aus den Felsspalten des Monte Urgull. Dieses Spiel mit natürlichen Elementen resultiert aus der Zusammenarbeit mit den Künstlern Leopoldo Ferrán und Augustina Otero.
Patios und sprießende Gräser
Die vegetabile Aluwand, die in den nächsten Jahren weiter zuwachsen wird, folgt einem Trend Spaniens, der sich am bisher eindrucksvollsten an Herzog & de Meurons Zusammenarbeit mit dem Botaniker und Künstler Patrick Blanc für das Madrider CaixaForum zeigt. Das Forum wird mittlerweile von einer wild sprießenden Brandmauer flankiert.
In San Sebastián wird das Ineins von Stadt- und Naturraum von einer Freitreppe unterstrichen, die, vorbei am San Telmo-Annex, zu einer Aussichtsplattform aufschließt und, oberhalb des Anbaus, auf einen Weg mündet, der zum Monte Urgull hinaufführt. Dort oben überrascht nicht nur der Ausblick auf die Plaza Zuloaga und deren neogotische Kirche. Völlig unerwartet erkennt man auch einen Patio, der, gesäumt von Restaurationswerkstätten, den Mitarbeitern zu mußevollen Pausen dient.
Das Gütesiegel der Architekten
Das Spiel mit den Patios setzt sich im Innenbereich des Museums fort. Wo Alt- und Neubau aufeinander treffen, wurde ein begehbarer Zwischenraum freigelassen, der die unterschiedlichen Mauerwerke deutlich sichtbar hervorkehrt. Um den Kontrast zu verstärken, wählten die Architekten auch hier für den Annex eine Metallverkleidung aus vorgehängten, perforierten Gussaluminiumplatten, aus denen Pflanzen wuchern.
Während die vegetabilen Mauerelemente zwei unterschiedlich große Pavillons für Wechselausstellungen in Erd- und Obergeschoss abschließen, hat die stadteinwärts gewandte Seite eine andere Funktion. Im Gegensatz zum tageshellen Foyer dämpft sie das Tageslicht in der Bibliothek und im anschließenden Café. Dort sorgen die aufklappbaren Fassadenelemente zudem für überraschende räumliche Wirkungen.
Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano haben sich nach ihren Museumsbauten in Las Palmas de Gran Canaria und Córdoba, nach der Renovierung der Moritzburg in Halle und den kürzlich vollendeten Projekten in Lugo und San Sebastián als Museumsexperten etabliert. Ihr Gütezeichen ist das Verweben von Landschaft, Stadt und Bau. Doch bei aller Zuverlässigkeit - für Überraschungen sind die beiden Madrilenen immer gut.