Ein Mann fällt in den Sumpf, aus dem er sich mit großer Mühe retten kann, nur seine Hose bleibt darin zurück. Wenn es ein Mann mit Stolz ist, wird er sich die Haare glattstreichen und die Brille putzen, damit man die Schlammspritzer nicht sehe. Er könnte auch anführen, ihm sei doch nichts passiert, er sei gerettet. Und sein Hemd: kaum befleckt! Dennoch mag es den einen oder anderen geben, der auf die unbedeckte Zone untenherum deutet und fragt: Wo ist denn deine Hose? In dieser Situation darf man die Frage stellen, welchen Sinn es für den Mann hätte, auf seine nackten Beine zu starren. Würde er sich wohler fühlen? Könnte er besser laufen? Wahrscheinlich nicht.
Wir sind es gewohnt, dergleichen mit dem Begriff „Wirklichkeitsverleugnung“ zu brandmarken. In Deutschland pflegen wir das Ideal der unbeschönigten Wahrheit, zu deren öffentlicher Erforschung wir jeden Werktag einem halben Dutzend Talkshow-Gäste beim Sprechen und Wassertrinken zusehen, und dahinter steht die Vorstellung, die Wirklichkeit einerseits und unser Reden über sie andererseits ließen sich zur Deckung bringen. Eine ehrwürdige, hochherzige Idee.
Eine reale gesellschaftliche Kraft
So ist es aber in Spanien nicht. Oder nicht ganz. Und am wenigsten in der öffentlichen Arena. Die „nackte Wahrheit“ wird nämlich nicht gern gesehen, eben weil sie nackt ist. Dass Ministerpräsident Mariano Rajoy lange Zeit die Evidenz geleugnet und standhaft behauptet hat, Spanien könne die Immobilien- und Schuldenkrise ohne europäische Hilfe bewältigen, stößt deshalb im Land selbst nicht nur auf Kritik. Im Gegenteil. Man könnte auch sagen, der Regierungschef habe die Burg so lange verteidigt, wie es eben ging. Er liefert sie nicht schon aus, wenn ein Stück Seife fehlt, sondern erst dann, wenn die Belagerten anfangen, Katzen und Esel zu verspeisen.
Auch Wirtschaftsminister Luis de Guindos, in den vergangenen Tagen die fast schon comichafte Verkörperung spanischen Widerstandswillens, leugnete noch vor zehn Tagen, dass es in Spanien zu einer gigantischen Kapitalflucht gekommen sei, obwohl die verheerenden Quartalszahlen - etwa hundert Milliarden Euro sind zwischen Januar und März aus dem Land gebracht worden - gut sichtbar auf dem Tisch lagen. So ist das nun mal in diesem Land. Man hält durch, beißt die Zähne zusammen. Man „bleibt ganz“, statt in Stücke zu zerfallen, und für diese spanische Tugend gibt es das Wort „entereza“, was wörtlich „Vollständigkeit“ heißt und im übertragenen Sinn so viel wie Mut und Tapferkeit. Man braucht nur die Spanienbücher von George Orwell, Ernest Hemingway oder Martin Andersen Nexö zu lesen. Selbst wenn man deren Befunde aller Spanienromantik entkleidet, bleibt die Einsicht übrig: Der spanische „Stolz“, der in Deutschland so gern belächelt und mit Stierkampf- oder Flamenco-Bildern illustriert wird, ist eine reale gesellschaftliche Kraft.
Regierungsnahe Blätter stellten Rajoys diskretem, aber hartnäckigem Krisenmanagement daher gute Noten aus und titelten am Sonntag: „Rettung ohne Demütigung“. Die gesichtswahrende Lösung ist den Menschen psychologisch wichtiger als ein paar Milliarden mehr oder weniger. Es gehe um Finanzhilfen für die spanischen Banken, nicht für den spanischen Staat, hieß es in den optimistischeren Zeitungen, und diese frischen Kredite in Höhe von bis zu hundert Milliarden Euro seien nicht an Bedingungen gebunden.
Die Blindheit der Eliten hat etwas Surreales
Natürlich stimmt das nicht. Bedingungen gibt es zuhauf. Man braucht nur das Kleingedruckte zu lesen. Der Druck auf Spanien wächst, und die Verschuldung steigt abermals. Aber es geht gerade nicht um objektive Daten, sondern um ihre kollektive Wahrnehmung. Und hier ist festzuhalten, dass Spanien außerordentlich vernünftig reagiert, nämlich sowohl mit Ruhe als auch mit politischer Debatte. Die Bewegung der „Empörten“ des 15. Mai zum Beispiel wird den ehemaligen Wirtschaftsminister und Ex-Bankia-Chef Rodrigo Rato verklagen. Die Opposition zaust derweil Mariano Rajoy dafür, dass er sich in dieser schwierigen Zeit nicht zeigt und statt dessen zum Fußballspiel der spanischen Auswahl gegen Italien fährt. „Rajoy leugnet die Rettung“, überschreibt „El País“ seinen Leitartikel nach einem traumatischen Wochenende, das zurzeit in allen Medien erklärt, geradegerückt, hochgehängt oder tiefergelegt wird. Gemeint ist: Rajoy leugne, dass es sich um eine Rettung handelt. Welche es aber eindeutig sei: nicht Hilfe, sondern Rettung von außen.
Dass Spanien früher oder später ohne Hose dastehen würde, war den Experten schon lange klar. José Carlos Díez, Chefökonom des Finanzdienstleisters Intermoney, hat diese schlichte Wahrheit jetzt noch einmal in seinem Blog geschrieben. „Es ist mir mit der gegenwärtigen spanischen Regierung genauso ergangen wie mit der früheren, es erging mir so mit der deutschen Regierung und auch mit der Europäischen Zentralbank: Ich verstehe nicht, wieso sich Politiker mit solcher Zuverlässigkeit irren und Dinge leugnen, von denen wir Ökonomen wissen, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit eintreten werden.“
Díez wusste seit mindestens Februar, dass der Rettungsschirm nicht zu umgehen sein würde. Ebenso, wie er vor mehr als zwei Jahren zutreffend schrieb, der Immobilienmarkt in Spanien werde sich nicht erholen. Jetzt ist er davon weiter entfernt als je zuvor. Mehr, der Immobilienmarkt und seine Fetischisierung, das systematisierte Leben auf Pump in den sogenannten „guten Jahren“ sind die zentralen Ursachen für Spaniens Krise. Das Thema wird auf öffentlichen Foren aber kaum erörtert. Die Blindheit der spanischen Eliten in Wirtschaft und Politik hat etwas Surreales. Es ist, als warteten alle darauf, dass der Spuk endlich vorbei sei. Dabei hat man selbst das Gespenst tief ins System eingebaut.
Seine Werte passen in drei Wörter
Ein sprechendes Beispiel dafür ist einer der erfolgreichsten spanischen Geschäftsleute Spaniens: Florentino Pérez, Chef des weltumspannenden (und hochverschuldeten) Immobilienkonzerns ACS und Präsident von Real Madrid. Von den Problemen bei der Übernahme von Hochtief und den gigantomanischen Projekten dieses Unternehmers soll jetzt nicht die Rede sein. Sondern eher von dem Pérez-Bild, das in der spanischen Gesellschaft zirkuliert. Dies ist der Mann, der die Marketingerlöse von Real Madrid in ungeahnte Höhen getrieben hat, der für 94 Millionen Euro Cristiano Ronaldo in die spanische Hauptstadt geholt und damit im Fußballgeschäft einen neuen Transferweltrekord aufgestellt hat. Dies ist der Mann, der in den Jahren seiner Präsidentschaft mehr als eine halbe Milliarde Euro ausgeben konnte, um Titeln nachzujagen, die dann doch nicht kamen, und der sich jetzt von dem Sportblatt „Marca“ feiern lässt, weil er sein Budget von galaktischen Höhen auf vertretbares Normalmaß heruntergefahren hat. Kein besseres Bild für spanische und deutsche Mentalität als der Vergleich zwischen Florentino Pérez und Bayern-Präsident Uli Hoeneß, der darauf besteht, bei den Münchnern würden keine Schulden gemacht, um Stars an Land zu ziehen, bei Real dagegen wohl.
Dem akrobatischen Zahlenspiel in den höheren Etagen der spanischen Gesellschaft entspricht eine erstaunliche Leidensfähigkeit im Keller. Arme Menschen bezeichnen sich selbst ohne Wehleidigkeit als „humildes“, was wörtlich „demütig“ bedeutet. Einfach und mittellos zu sein ist keine Schande und noch lange kein Grund, mit Neid nach oben zu blicken. In Spanien hat es deshalb nicht gegeben, was Griechenland erlebt hat: das Bröckeln der Institutionen, eine Verbitterung der Gesellschaft und tiefe Zweifel am Sinn der Zugehörigkeit zur Eurozone.
Gemessen an der miserablen Lage, ist die Atmosphäre in Spanien also von geradezu phänomenaler Entspanntheit. Die Menschen haben Erfahrung mit materieller Not, den jüngsten Boomjahren zum Trotz, und viele der Ärmsten können sich noch immer auf Familiensolidarität und funktionierende Gemeinschaften verlassen. Dieses Spanien ist, wenn man so will, demütig und stolz zugleich. Und seine ideale Verkörperung dürfte Vicente del Bosque sein, ein Mann mit Bauch, auch Seehundschnäuzer und ganz nebenbei Trainer des amtierenden Welt- und Europameisters. Del Bosques Werte passen in drei Wörter: Arbeit, Demut, Bescheidenheit. Irgendwo mittendarin sitzt auch der Stolz - nicht als Pose, sondern als Haltung.
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