11.06.2012 · Spanien hat jahrelang über seine Verhältnisse gelebt. Jetzt geht es dem Land miserabel. Doch die Menschen bewahren Haltung und schützen sich mit Würde und Bescheidenheit vor Verbitterung.
Von Paul Ingendaay, MadridRichtlinien für Lesermeinungen
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Stolz wäre u.U. noch gerechtfertigt, wenn Spanien in der
jüngeren EU-Geschichte alles richtig gemacht hätte und
unverschuldet in die jetzige Situation gerutscht wäre.
Was hier seit Tagen medial als Stolz verkauft wird, ist das
unverschämte ausblenden jeglicher wirtschaftlicher Realität,
das unverblümte kaschieren, eigenen politischen und
wirt-schaftlichen Totalversagens!
Es sind die natürlichen Folgen, 10 Jahre fett zu ernten ohne auch
nur ein einziges Jahr in Demut gesät zu haben!
Die Einzigen die wirklich stolz sein können
sind die Deutschen. Solidaritätszuschlag, Lastenausgleich das sind
die Reaktionen der Deutschen auf finanzielle Notlagen, nicht das
Herumlaufen mit dem Hut. Wir haben gründlich unsere Vergangenheit
aufgearbeitet und gezahlt. Die Spanier haben ihren Bürgerkrieg
immer noch nicht verarbeitet. Jemand der da mal in die Akten einsteigen
will, wird gemoppt. Alles falscher Stolz. Verlogen.
Der Stolz der Spanier, Italiener, Griechen, Protugiesen und Franzosen
beruht auf Realitätsverlust. Real Madrid hinterzieht massiv Steuern
und Sozialabgaben. Kann man darauf stolz sein? Dann kann man leichter
Stars einkaufen, wen wundert es.
Hochtief ist gekauft worden mit Schulden der Stadt Madrid für die
wir jetzt gerade stehen. Das ist Betrug an unserem gemeinschaftlichen
Geld, dem Euro. Es klang so als sollten wir uns da was abgucken!
Genau so isses, Herr Schmidt!
Wir lassen uns mobben, ausplündern und haben das in stolzer Demut auszubaden.
MfG aus Bonn
hb
Ich lebe seit Jahren in diesem Land, beobachte es und spreche mit den Menschen hier. Hinter den Kulissen sieht das ganz anders aus. Das war vor der Krise so und ist es auch jetzt. Richtig ist nur, daß die Spanier eine Tendenz dazu haben, ein Trugbild durch ein anderes zu ersetzen - zumindest versuchen sie es. Wären die beschriebenen Tugenden keine Pose, sondern eine innere Haltung, hätte es gar nicht so weit kommen dürfen. Das gilt nicht nur für Spanien! Allerdings bewies Vicente del Bosque vor kurzem wesentlich mehr Realitätssinn als Mariano Rajoy, was sich in einem öffentlichen Widerspruch des Teamtrainers ausdrückte, Fußball nicht mit den politischen und wirtschaftlichen Umständen in Verbindung zu bringen.
Wenn ich den aus allen Poren quellenden Stolz
in diesem Beitrag auf meine Weise interpretiere, dann heißt das
auf Spanisch, sich die Taschen voll zu lügen, indem sie unsere
leeren.
Indessen, es kommt noch besser: "Man hält durch, beißt
die Zähne zusammen". Wohldenn ihr spanischen Granden, es sind
ja nicht die eigenen, sondern die der Steuerzahler der Geberländer,
und die dürfen sich gern ihr noch halbwegs intaktes Gebiss
ruinieren, es sei denn, jene (wir) schlucken die unverdaulichen Brocken
ohne zu kauen.
Nein: die einzig mögliche "gesichtswahrende Lösung"
stolz in Demut zu sein kann nur heißen, sich allein durch das
unverdauliche Gericht zu "fressen", auch wenn man dabei auf
viel Granit bei verfallenden Immobilien beißt. Schwund gehört
nun mal zu jeder Sache.
Apropos Bankenkrise: Es grenzt schon an Haarspalterei, sich an dem
Unterschied der durch toxische US-Hypotheken-Papiere hervorgerufenen
Schieflage oder wie in Spanien an klassischen Immo-Krediten zu reiben.
Blase ist Blase - das macht keinen Unterschied.
Die Demütigung der Stolzen oder
Hochmut kommt vor den Fall!
Wieso geht es Spanien schlecht?
Das Land hat 10 jahre über seine Verhältnisse gelebt und erhält nun 100 Mrd. Euro, um weiter über seine Verhältnisse lebennzu können. Wenn diese Mittel aufgebraucht sind, wir Europa wieder seine "Solidarität" zeigen. Spanien geht es glänzend, ganz so als hätten sie einen neuen Geldschatz gefunden.
an den Spielfilm "Dinner um Acht" von 1933. Eine Komödie mit ziemlich tragischem Einschlag, in dem es um die Wahrung des Scheins in der Weltwirtschaftskrise geht.
Ob das eine zutreffende Situationsbeschreibung ist, kann auch bezweifelt werden
Das Problem wird sein, daß die Bankenrettung überhaupt noch keine Problemlösung darstellt. Der unerschöpfliche Geldregen den die EU über Spanien hat niedergehen lassen, hat dazu geführt, daß die Kostenstruktur der spanischen Wirtschaft jede Wettbewerbsfähigkeit verloren hat. Und solange die Wettbewerbsfähigkeit nicht wieder hergestellt ist, wird es weiter abwärts gehen. Und Wettbewerbsfähigkeit stellt man nicht mit einem weiteren Geldregen wieder her, sondern das Gegenteil wird der Fall sein. Jede Art von Kostensteigerung wird für lange Zeit sehr schädlich sein und das Elend nur verlängern. Das sollten sich Gewerkschaften, Unternehmen und vor allem auch die staatl. Administration vor Augen halten. Gerade letztere versuchen über maßlose Gebührenerhöhungen an Geld zu kommen. Selbst wenn sofort die richtigen Schritte unternommen würden, würde der Beginn einer Erholung noch mindestens 10 Jahre dauern - eher länger. Der Lebensstandard wird in dieser Zeit stark sinken (müssen).
Stolz wäre es, wenn man nicht 20 Jahre auf Kosten anderer leben würde.
In den Jahren, als Deutschland Probleme hatte, konnte der Spanier die
Nase nicht hoch genug tragen. Es wurden Strafen seitens der EU
gefordert. Man war bereit die Hand zu beißen, die einen
füttert. Das ist kein Stolz, das ist Dummheit. Und jetzt
beansprucht man Sonderbehandlungen. Auch das ist kein Stolz, so was
nenne ich dummdreist.
die Spanischen Banken waren aber -wie übrigens auch die
italienischen und griechischen Banken -auf dem US-amerikanischen
Immobilienmarkt gar nicht investiert vor und zu Zeiten der Finanzkrise
(anders etwa als die Deutsche Bank!) und haben auch keinerlei
diesbezüglichen Verbriefungsgeschäfte getätigt.
.
Insofern kann die "Finanzkrise 2008" weder an den
Staatsschulden dieser Länder noch an den Bankenschulden in diesen
Ländern schuld sein ,meinen Sie nicht auch ?!
@Markus Teuber
"Insofern kann die "Finanzkrise 2008" weder an den
Staatsschulden dieser Länder noch an den Bankenschulden in diesen
Ländern schuld sein ,meinen Sie nicht auch ?!"
Ich behaupte auch nicht, dass die Bankenkrise die alleinige Schuld an
den Staatsverschuldungen hat. Aber sie hat die Schuldensituation vieler
Staaten stark verschärft. Es gibt keine scharfe Trennung "Gute
Märkte - böse Politik". Die Grenze verläuft unscharf.
Die Spieler feiern dies gemeinsam mit ihren Freunden aus Wirtschaft und Politik. Die Spanier auf der Straße erinnern mich an die Japaner nach Fukushima.
Spanien hat jahrelang über seine Verhältnisse gelebt?
Sind und waren denn alle Spanier gleich wohlhabend? Dieses pauschale, kollektive Aburteilen ganzer Nationen ist ebenso unklug wie falsch. Was auch mal erwähnt werden sollte: Vor(!) der Bankenkrise hatte Spanien einen ausgeglichenen Staatshaushalt.
Eine Gesellschaft von realitätsfernen Zockern
Niemand sollte behaupten, dass es nur ein paar wenige waren, die bei
dieser Zockerei mitgemacht haben. Gerade auch mittlere und untere
Einkommensklassen haben kräftig mitgemischt bei der Immobilienspekulation.
Eine weiterer Punkt, bei dem Spanien völlig hirnrissig gehandelt
hat, war die Akzeptanz und Legalisierung von Millionen von Immigranten
für die niederen Tätigkeiten. In den 10 Jahren vor der Krise
ist die Bevölkerung so rasant gestiegen, dass die
Arbeitslosenzahlen jetzt niemand verwundern sollten. Eine gleichzeitige
Enwickllung einer Realwirtschaft gab es nie.
Zwar ist die Beobachtung in diesem Artikel nicht falsch. Dennoch ist es
sehr verwunderlich, dass hier keinerlei Kritik an den spanischen Eliten
vorgetragen wird. Ein Realitätsverlust bleibt ein
Realitätsverlust. Und anders als beispielsweise in Italien ist sich
auch weiterhin niemand in Spanien einer Schuld bewusst und folgerichtig
wird sich am strukturellen Problem Spaniens nichts ändern.
Das praktisch alle Fernsehsender die immer abstruseren Schuldzuweisungen
noch immer nicht gegen eine heilende Selbstkritik austauschen wird weder
Spanien noch seinen Gläubigern helfen.
Das die aktuelle spanische Regierung lieber ideologische Projekte
durchboxt, die Spanien zurück in die 1970'iger Jahre katapultieren
soll, statt professionelle, zweckdienliche Politik zu betreiben zeigt
schon der Umstand, dass es in Spanien kein Ministerium für Bildung
und Forschung mehr gibt.
Normalerweise muss es schlimmer werden, bevor es besser wird. Manchmal
wird es aber schlimm bleiben.
Der Artikel dokumentiert indirekt den totalen Realitätsverlust der
Griechen. Dort sieht man im spanischen Bankendeal die Möglichkeit,
das eigene Rettungspaket neu zu verhandeln.
Der spanische Deal zeigt aber ganz genau das Gegenteil: Wer seine
Hausaufgaben macht, kann mit Solidarität rechnen, selbst wenn viel
an der Krise selbst verschuldet ist. Spanien beweist, dass die Griechen
in der EU nichts zu suchen haben.
"....ist die Atmosphäre in Spanien also von geradezu
phänomenaler Entspanntheit."
Klar doch, die wissen, wer ihnen ihre Schulden abnimmt. Das Wort
"Stolz" hat für mich inzwischen eine fast perfide
Bedeutung. Wenn die Spanier so "stolz" wären,
könnten sie sich - wie übrigens auch die Italiener - dadurch
selbst retten, wenn sie einen Teil (!) ihres riesigen privaten
Vermögens zur Schuldentilgung abschöpfen würden, etwa
durch Zwangsanleihen. Dann wäre Ruhe im Karton und "die
Märkte" würden Schlange stehen, um denen wieder Geld zu
leihen. Aber der doofe deutsche Michel wird schon zahlen, Versailles II
lässt grüßen.
Man hält durch, beißt die Zähne zusammen - wenn das nur stimmen würde
die Zähne haben sie nicht zusammengebissen, sondern sich Geld geliehen und minimale Auflagen durchgesetzt. Das ist aber alles andere als die Zähne zusammenbeissen. Ich würde es Schmarotzertum nennen.
Nettes Euro-Kolorit, dem Sie da huldigen, aber der Spass ..
hört auf, wenn wir für solche stolz verkleideten Selbstbetrügereien mitbezahlen müssen. Spanien wollte in die EU, die Griechen wollten nicht, wurden aber mit teuren Geschenken reingelockt. Beide haben auf ihre, eben auf mediterrane Weise den erweiterten Kreditrahmen übervoll ausgeschöpft, um bis an den Rand zu prassen. Warum also mit zweierlei Mass messen, den Spaniern einen Sympathiebonus gewähren, was mit Sicherheit die Einsicht der Griechen, der Portugiesen und der Iren nicht gerade steigern wird ?
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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