Eine Folge des verschärften Gesetzes zum Nichtraucherschutz in Spanien ist, dass ein Teil der Gesellschaft von Kontrollwahn, ja von „Diktatur“ spricht. „Verbote sind verboten“, heißt das Motto eines rauchenden Toleranzklubs. Eine zweite, vielleicht dauerhaftere Folge jedoch könnte sein, dass Gewohnheiten verschwinden und sich die spanische Gesellschaft schleichend verändert, ob zum Besseren, muss offenbleiben.
Jedenfalls ist seit Inkrafttreten des Gesetzes, das Rauchen an öffentlichen Orten grundsätzlich verbietet, eine neue Spezies auffällig geworden. Das sind jene, die unter dem Vorwand, „mal eben eine rauchen zu gehen“, die Bar verlassen, ohne ihre Rechnung bezahlt zu haben, und weil sie auf diese unschöne Weise verschwinden – „sin pagar“ –, nennt man sie „simpa“, was naturgemäß nicht „simpático“ ist.
Wirtsmaximen
Zu einer verschärften Auseinandersetzung kam es jetzt, als eine Frau, die Toast und Kaffee verzehrt, aber das Bezahlen vergessen hatte, von der Kellnerin in einigen Metern Entfernung von der Bar gestellt und um das Begleichen der Rechnung gebeten wurde. Doch fern von Reue und Zerknirschung begann die Ertappte (ob sie gerade eine Alibizigarette rauchte, ist nicht überliefert), mit Fäusten auf die arme Kellnerin einzuschlagen, und da im Nahkampf auch ihre Fingernägel zum Einsatz kamen, musste der medizinische Notdienst dem Opfer eine Tetanusspritze verabreichen.
Die Polizeistreife, die gerade des Wegs kam, nahm die tobende „Simpa“ mit. Der geprellte Wirt sagte, wenn es so weitergehe, werde ihm nichts anderes übrigbleiben, als künftig sofort zu kassieren. Und genau das wäre der umstürzende gesellschaftliche Wandel, von dem oben die Rede war. Das Bezahlen erfolgt in Spanien traditionell unmittelbar vor dem Aufbrechen. Jeder Esser, jeder Trinker wird einen ganzen Abend hindurch für kreditwürdig gehalten. So sehr ist der Austausch zwischen dem Restaurant und dem Gast auf das Wesentliche konzentriert, nämlich Speisen und Getränke, dass die Prozedur des Bezahlens diskret, beiläufig, nahezu unsichtbar abgewickelt wird.
Man sagt auch nicht „Stimmt so!“, um huldvoll Trinkgeld zu geben. Man hinterlässt das (traditionell magere) Trinkgeld auf dem Schälchen, bevor man geht, so dass man das (traditionell asketische) Gesicht des Kellners beim Vorfinden der kleinen Münzen nicht sehen muss. All das könnte bald vorbei sein. Wäre die rasende „Simpa“ nicht schon wieder auf freiem Fuß, müsste man sie fragen, ob sie diese kulturelle Umwälzung beabsichtigt hat.