04.05.2004 · Der Kampf der Kulturen wird beendet: Aus der Kathedrale von Santiago de Compostela wird eine berühmte Skulptur entfernt, die den „Maurentöter“ Jakob zeigt - mitsamt seinen muslimischen Opfern.
Von Paul Ingendaay, MadridDas Domkapitel der Kathedrale von Santiago de Compostela hat beschlossen, die Marmorskulptur Jakobs des "Maurentöters" aus einer Seitenkapelle zu entfernen, um die Gefühle Andersdenkender nicht zu verletzen.
Es bedarf keiner Erwähnung, daß es sich bei den potentiellen Anstoßnehmern um Muslime handelt. Die Entscheidung soll schon vor den Madrider Terroranschlägen des 11. März gefällt worden sein. Das große Standbild aus dem achtzehnten Jahrhundert, ein oft abgebildetes Werk von José Gambino, zeigt den heiligen Jakob mit erhobenem Schwert auf einem hochsteigenden Schimmel, unter dessen Hufen mehrere Köpfe mit Turbanen zu sehen sind. In der nächsten Sekunde, so suggerieren die Gesten, wird das blinkende Schwert auf die Hälse der am Boden kriechenden Mauren niedergehen.
Krude Eindeutigkeit
Die Darstellung ist ebenso dramatisch wie von kruder Eindeutigkeit, insofern ein getreues Abbild des kriegerischen Katholizismus, der die letzten tausend Jahre der spanischen Geschichte geprägt hat: Erst kam die Eroberung großer Teile der Iberischen Halbinsel durch die Araber, dann bis 1492 die "Reconquista", danach das Vertreibungsdekret der katholischen Könige sowie der Siegeszug des Katholizismus als Einheitsideologie für Staat, Gesellschaft und Kultur.
Die Frage ist heute, wo historische Vergegenwärtigung endet und anachronistische Mythenseligkeit beginnt. Bisher waren die Spanier in diesen Dingen nicht zimperlich. Der heilige Jakob als "matamoros" (Maurentöter) ist in Santiago de Compostela ein weitverbreitetes Emblem. Auch auf dem Dach des Rathauses prangt eine Skulptur des missionarischen Rambo, dem die fromme Phantasie sechzigtausend getötete Araber bei der Schlacht von Clavijo im Jahre 844 zuschreibt, den sie aber auch bei der blutigen Unterdrückung der Indianer in der Neuen Welt siebenhundert Jahre später am Werk gesehen haben will.
Die Skulptur auf dem Rathaus bleibt
Der Bürgermeister von Santiago hat schon gesagt, die Kathedrale solle machen, was sie wolle, er selbst denke nicht daran, die Skulptur auf dem Rathaus entfernen zu lassen. Ein altes Kunstwerk zu betrachten heiße ja nicht, an alle seine Konnotationen zu glauben. Und kaum jemand findet, die Pilger des Jakobswegs könnten durch die aggressive Darstellung des Sieges über die "Ungläubigen" zum Haß auf Muslime aufgestachelt werden.
Doch Glaube, Moral und private Empfindlichkeiten bilden ein heikles Gemisch. Als Franco seine marokkanischen Truppen 1936 nach Santiago führte, war er klug genug, die Bilder des Maurentöters verhängen zu lassen, um seine Mannen nicht zu beleidigen. Der Diktator selbst darf übrigens in ganz Spanien noch auf zahllosen Standbildern reiten und feierlich gucken.
Und da wir bei Empfindlichkeiten sind: Auch Katholiken müssen dieser Tage viel einstecken. In Madrid wurde soeben ein Theaterstück mit dem Titel "Ich scheiße auf Gott" aufgeführt, in welchem der junge Autor empfiehlt, den Katholizismus den schädlichen Substanzen wie Alkohol und Tabak zuzurechnen. Die Region Madrid hat beschlossen, dem veranstaltenden Kulturzentrum die Subventionen zu kürzen. Pikanterweise ist die Präsidentin der Region Madrid die Tante des Autors. Was uns lehrt, daß die wahren Abgründe nicht zwischen Rassen und Religionen, sondern mitten durch ein und dieselbe Familie verlaufen.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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