27.03.2010 · Was ist los mit Spanien? Zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit, die Schattenwirtschaft boomt, der Winter hat ganze Landstriche ruiniert, und die Armen erdulden das alles. Das Land, das sich seinen Wohlstand doch gerade erst erarbeitet hat, ist in der Krise.
Von Paul Ingendaay, MadridIm vergangenen Dezember erhielt ich den Anruf eines spanischen Landhotels, in welchem ich fünf Tage Aufenthalt gebucht hatte. Der Heißwasserboiler sei kaputt, ob ich die Reservierung stornieren wolle? Es gebe mindestens zwei Tage lang kein heißes Wasser zum Duschen. Ich stornierte nicht. Und fünf Tage lang war ich in dem ehemaligen Kloster „Convento del Carmen“ in Pastrana (Provinz Guadalajara), das heute ein Drei-Sterne-Hotel mit siebenundzwanzig Zimmern ist, der einzige Gast.
Am zweiten Tag schleppten mir zwei Männer einen Kessel heißes Wasser, das sie in der Küche erhitzt hatten, ins Badezimmer. Die beiden kochten auch für mich, legten für den einsamen Esser die langen Wege zwischen Herd und Restaurant zurück und sorgten dafür, dass es an nichts fehlte. Mein Zimmer, eine ehemalige Mönchszelle, wurde sogar geheizt, was sich von den endlos langen Fluren nicht sagen lässt. An einem Abend nahm ich das Essen in einem großen, bitterkalten Saal ein, in eine schwere Wolldecke gehüllt, um im Fernsehen ein Spiel des FC Barcelona zu sehen.
Solche Erlebnisse wären vor ein paar Jahren undenkbar gewesen. Früher beherbergte das hübsche Hotel in Pastrana unter der Woche Individualreisende, Vereine und Seminare, während am Wochenende gutgelaunte Ausflügler aus Madrid eintrafen, um sich zu entspannen und anständig zu essen. Doch beide Kundengruppen sind im Zeichen der Krise stark geschrumpft. Die Firmen sparen sich die Fortbildung, und viele Privathaushalte haben die berühmte „escapada“, des Spaniers liebste Form des kleinen Urlaubs, aus Kostengründen gestrichen.
Angebote aus der Schattenwirtschaft
Also wurde die Belegschaft des Hotels in Pastrana auf ein Minimum heruntergefahren. Ein Kellner berichtete, er habe seit Monaten kein Gehalt bekommen, glaube aber nicht, dass es an der Krise liege. Leider habe auch seine Frau, die aus der Dominikanischen Republik stammt, ihre Arbeit in der Altenpflege verloren. Später ergänzte seine Frau, sie habe von sich aus gekündigt: Sie sei nicht mehr bereit gewesen, ganztägig für fünfhundert Euro im Monat zu arbeiten.
Auf Schritt und Tritt begegnet man heute einem anderen Spanien, fast könnte man sagen: dem früheren, als die Iberische Halbinsel noch längst nicht das Wohlstandsniveau des übrigen Westeuropa erreicht hatte und die Vermischung von bäuerlicher Lebenswelt und kleinem Handwerkertum zu den pittoresken Seiten dieses Landes zählte. Dieses Spanien zählt, wie Griechenland, zum gefährdeten Süden. Wer heute durch die Städte geht, sieht an vielen Häusern „Zu verkaufen“-Schilder, trifft vor Supermärkten auf Bettler, die ganze Tage ausharren, begegnet Scharen von Schwarzafrikanern, die beim Einparken behilflich sind, und liest an den Laternenpfählen weiße Abreißzettelchen mit den neuesten Angeboten aus der spanischen Schattenwirtschaft: Arbeite als Putzhilfe oder Kinderbetreuung, als Maurer oder Gärtner. Fleißig und zuverlässig. Günstige Tarife.
Es dürften nicht nur Arbeitsimmigranten sein, die sich so zu verdingen suchen, sondern auch große Teile der Millionen Menschen, die ihren Job im Bausektor verloren haben. Viele dieser Stellen wachsen nicht nach, auch wenn die Regierung der Branche mit einem großen Gebäudesanierungsprogramm unter die Arme greift. Inzwischen weiß man nicht mehr, wo die Mittelklasse aufhört und das Prekariat beginnt. Die spanische Caritas sprach im vergangenen Monat von sechshunderttausend Menschen, die in wirklicher Armut lebten. Die Arbeitslosigkeit in Spanien, inzwischen bei zwanzig Prozent angekommen, hat mit Sicherheit noch nicht den Gipfel erreicht, und allein die Vorstellung, dass in Andalusien fast jeder zweite Jugendliche unter fünfundzwanzig Jahren keine Stelle hat, lässt Schlimmes befürchten.
Ein Lebensstil ist zu Ende gegangen
Zusammen mit dem scharfen Knick im Konsumverhalten, einem Haushaltsdefizit von 11,4 Prozent im Jahr 2009, fehlenden Steuereinnahmen und einer bis auf weiteres schrumpfenden Wirtschaft sieht das nach dem düstersten Szenario der vergangenen Jahrzehnte aus. Ob ein Land wie Spanien bankrottgehen kann, weiß niemand zu sagen; aber es ist nicht wahrscheinlich. Was noch nicht alle erreicht hat, ist die Erkenntnis, dass ein Lebensstil zu Ende gegangen ist und nicht so schnell wiederkehren wird. Er hieß einmal: Wir wachsen dem Wohlstand entgegen.
Denn Spanien wird bedroht von einer Situation, auf die es sich nicht vorbereiten konnte. Die gemeinsame Währung erlaubt nicht mehr die drastische Geldentwertung - das Patentrezept früherer Jahrzehnte, um den Export anzukurbeln -, während über das Gelddrucken in Frankfurt entschieden wird. So konnten die Preise in zehn Jahren um gut fünfunddreißig Prozent steigen, die Löhne nachziehen und die Immobilienpreise sich mehr als verdoppeln. Wer immer die Mittel dazu hatte, vom Ingenieur bis zum Arbeiter, kaufte Wohnraum als Spekulationsobjekt oder für den Nachwuchs und fuhr lange Zeit sehr gut damit. Spaniern den Aktienmarkt schmackhaft zu machen war aussichtslos, weil die Renditen des Immobiliengeschäfts sichere zehn bis fünfzehn Prozent im Jahr abwarfen.
Doch nicht nur der ungesund aufgeblähte Immobilienmarkt liegt darnieder, auch der überlebenswichtige Tourismussektor ist anfällig. Der diesjährige Winter war so regenreich wie keiner zuvor, seit es in Spanien statistische Wettererfassung gibt. Dramatische Überschwemmungen haben ganze Landstriche lahmgelegt und Tausenden in der Branche die Einkünfte genommen. Inzwischen ist die große Frage, wie das Haushaltsdefizit bis 2013 wieder unter drei Prozent gedrückt werden kann und wo sich fünfzig Milliarden Euro einsparen lassen. Selbst wohlgesinnte Blätter wie „El País“ sind dazu übergegangen, die Zapatero-Regierung zu zausen und zur Eile zu drängen.
Sichtbare gesellschaftliche Verwerfungen gibt es nicht
Bekanntlich hat der Ministerpräsident, der in den guten Zeiten durch Lächeln und Lässigkeit punkten konnte, die Weltwirtschaftskrise am Anfang zäh geleugnet; dann hat er sie den Amerikanern in die Schuhe geschoben und geglaubt, damit wäre es gut; und seit es wirklich ernst wurde, lautet sein Mantra, die Errungenschaften des Sozialstaats dürften nicht abgebaut werden. Mag sein, dass es mit diesem Regierungschef nicht geht. Dann wird es ein anderer tun müssen. Die angekündigte Erhöhung der Mehrwertsteuer dürfte kaum reichen.
Erstaunlicherweise gibt es bisher keine gewaltsamen öffentlichen Reaktionen, weder Proteste von Studenten noch sichtbare gesellschaftliche Verwerfungen. Überhaupt ist die überfällige Bildungsreform nicht das Thema der Stunde, obwohl sie unmittelbar mit Spaniens Wettbewerbsfähigkeit zu tun hat. Was sonst noch? Der König wollte zwischen den Tarifparteien vermitteln, hat dadurch aber nur erreicht, dass man sich fragt, was der Monarch zu sagen hat, wenn sich die politischen Parteien nicht einig werden. Die Gewerkschaften wiederum haben höflich dagegen demonstriert, die Pensionsgrenze von 65 auf 67 Jahre anzuheben.
Natürlich sehen die Demonstranten schwerlich dem sozialen Elend ins Auge, sondern verteidigen nur ihren Besitzstand - jeder, wie er kann. Die wirklich Armen leiden lautlos und mit einem Beharrungsvermögen, das sie in der langen Geschichte des spanischen Fehlmanagements sowohl miserable Lebensbedingungen als auch die Jahrzehnte der Diktatur überstehen ließ. Es hatte wohl schon immer seinen philosophischen Hintersinn, dass das spanische Verb „esperar“ sowohl „hoffen“ als auch „warten“ bedeutet.
Gerade war ich wieder fünf Tage im „Convento del Carmen“ in Pastrana, diesmal mit heißem Duschwasser, und abermals war ich der einzige Gast. Einmal, ein einziges Mal, aß im Speisesaal drei Tische weiter ein junges Paar zu Mittag. Laura, die Putzfrau, hatte auch nicht viel zu tun; seit sie hier arbeitet, ist sie von Mann und Kind getrennt und wohnt wieder bei ihren Eltern. Gut ist, dass sie deren Auto benutzen darf. Irene dagegen, die neue Küchenhilfe, hat ihren zweijährigen Sohn mit zur Arbeit gebracht, weil es in den Dörfern ringsum keine Kinderbetreuung gibt. Da tappt der kleine Isaac durch die langen Gänge, tastet sich an den Wänden entlang, fällt vielleicht auch mal hin, doch dann steht er wieder auf und läuft weiter. An Platz mangelt es nicht, und Zeit spielt keine Rolle.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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