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Spam Es ist die Pest, die reine Pest

08.07.2003 ·  Wie zweihundert zwielichtige Gestalten das Internet verschmutzen: Durch "Spam" entstehen der amerikanischen Wirtschaft jährlich Verluste an Produktivkraft und Ausgaben für Anti-Spam-Maßnahmen in Höhe von zehn Milliarden Dollar.

Von Jordan Mejias, New York
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Im Supermarkt ist die kleine Dose schon für 2,19 Dollar zu haben. Spam steht darauf geschrieben, und darin befinden sich mikroskopisch zerkleinerte Überreste vom Schwein, vermengt mit nicht minderen Köstlichkeiten wie modifizierter Kartoffelstärke und dem bei solch kulinarischen Exerzitien obligaten Sodiumnitrat. Die Speise ist also möglichst zu meiden. Spam, das aus dem Internet kommt, ist genauso ungenießbar, zudem aber auch fast unvermeidlich für alle, die sich elektropostalisch vernetzt haben. Für sie gilt: Friß oder zurück marsch, marsch in die Vorgeschichte der Menschheit, als die Segnungen von E-Mail und weltweitem Netz noch niemandem drohten.

Spam, in den Giftküchen des Internets nicht eben liebevoll zubereitet, ist das, was unaufgefordert und meist auch unwillkommen im elektronischen Briefkasten liegt. Womit nicht der überraschende Gruß einer vergessenen Jugendliebe gemeint sei. Vor allem an Grrlz, wie Girls nicht ohne Grund für die digitale Kontaktaufnahme umbenannt wurden, herrscht freilich kein Mangel. In allen Haut- und Haarfarben, Körperformen, Spezialisierungsfächern und Preisklassen sind sie anklickbar, sofort nach Eingabe der Kreditkartennummer. Wer darauf allergisch reagiert, braucht deswegen dem Genuß von elektronischem Spam nicht zu entsagen. Sex in so gut wie allen nur denkbaren Varianten und die dafür empfehlenswerten Hilfsmittel, von Potenzverstärkern in Pillenform bis zu mechanischen Apparaten zur Optimierung des körperlichen Instrumentariums, sind zwar die Renner im Angebot. Nebenbei aber darf sich auch der Elektropostempfänger Hoffnung machen, der schon immer mal einen billigen Kredit aufnehmen, einen Lotteriepreis in Empfang nehmen und eine praktisch kostenlose Reise unternehmen wollte. Und unermeßlicher Reichtum und eine entsprechend schlankere Taille sind dank Spam gleichfalls nur einen Mausklick entfernt.

Apokalyptische Aufregung

Von Wurfsendungen, wie sie einst die für die Schneckenpost reservierten Briefkästen verstopften, und den hinteren Seiten bunter Zeitschriften sind die Quacksalber und ernsthafteren Gauner dieser Welt weiter ins Internet gezogen, wo sie sich vertrauten Aktivitäten widmen. Warum dann die apokalyptische Aufregung? Weil sich beim Umzug vielleicht nicht die Ware, aber doch die Geschäftspraxis entscheidend verändert hat, und zwar zum Nachteil des potentiellen Käufers. Längst ist aus der privaten Unannehmlichkeit das öffentliche Desaster hervorgegangen. Nach Schätzungen der fürs Internet zuständigen amerikanischen Behörde, der Federal Trade Commission, entstehen der Wirtschaft des Landes durch Spam jährlich Verluste an Produktivkraft und Ausgaben für Anti-Spam-Maßnahmen in Höhe von zehn Milliarden Dollar. Bei dreizehn Milliarden unerwünschten E-Mails, die pro Tag rund um die Welt verschickt werden, ist das womöglich keine zweckdienliche Übertreibung.

Wie das Fachblatt "Technology Review" in seiner jüngsten Ausgabe meldet, soll Spam mehr als die Hälfte sämtlicher E-Mails ausmachen und bald mit neunzig Prozent zu Buche schlagen. Kein Wunder, daß sich das Tempo im Internet verlangsamt und Serviceanbieter wie AOL, MSN oder Earthlink allein durch die Masse der E-Mails in Bedrängnis geraten. Selbst technologisch ständig neu aufgerüstete Anlagen sind dem wachsenden Ansturm der Kommunikationseinheiten, deren Zahl leider auch Moores Gesetz gehorcht und sich folglich alle anderthalb Jahre verdoppelt, heute schon kaum gewachsen. Anfang des Jahres wurde auf einer nur der Spam-Schwemme gewidmeten Tagung am Massachusetts Institute of Technology den fleißigen Spammern zugetraut, als neue Stars des organisierten Verbrechens die Kontrolle über das Internet zu gewinnen.

Betrügerische Gepflogenheiten

Ein Verbrechen ist Spam aber noch keineswegs, auch wenn damit gesetzesfürchtigen Bürgern die Lust genommen wird, sich im Internet zu ergehen. Es kommt schließlich einem Überfall gleich, wenn der Besuch in einem Chat Room oder bei einer News Group oder auch die Bestellung eines von Grund auf respektablen Buches zur Folge hat, daß sich ein Spammer unserer Internetadresse bemächtigt und uns fortan mit dubiosen Angeboten einmüllt. Juristisch bewegt er sich jedoch auf unangreifbarem Terrain, sofern er nicht zum Betrug ansetzt. Das allerdings tut er häufig. Betrügerisch sind bereits seine Gepflogenheiten, einen falschen Absender anzugeben oder eine Erzeugnis anzubieten, das nicht hält, was es verspricht.

Doch ruhen Internet-Technologen nicht, das Problem auf ihre Art zu lösen, nämlich mit Filtern aller elektronischen Arten, in denen Spam hängenbleiben soll. Stellt ein Serviceanbieter sie nicht kostenfrei zur Verfügung, müssen sie für gutes Geld erworben werden. Das erfreut etwa den Filterhersteller Bill Gates, dem darum nicht so recht geglaubt wurde, als er sich im "Wall Street Journal" über Spam als eine "sich ausbreitende Pest" erregte. Da seine Firma von der Vermietung zusätzlichen Briefkastenraums profitiert und Anti-Spam-Produkte vertreibt, ist es nicht verwunderlich, daß Microsoft sich einer Washingtoner Lobby zugesellt hat, die eine durchgreifende Gesetzgebung weniger fördert als verzögert.

Kreative Umwege

Filter haben den Nachteil, nicht nur Spam, sondern auch erwünschte und erwartete Post nicht durchsickern zu lassen. Ein mißverständliches Wort genügt, um den Brief von Opa, der ein paar Fragen zu "Sex and the City" hatte, zu konfiszieren oder auch die Anfragen eines Journalisten abzublocken, der Anti-Spammer vom beinah legendären Schlag eines Ray Everett-Church und Steve Linford um Auskunft bitten wollte. Umgekehrt lernen Spammer rasch, wie Filter zu neutralisieren sind. Wo Girls nicht zugelassen werden, haben Grrlz Zutritt. Wer Viagra auf den Index gesetzt hat, könnte sich für V-gra empfänglich zeigen. Jede Filteraktion regt die Spammer an, sie kreativ zu umgehen. Im schlimmsten Fall würden wirksamere Filter die Spam-Attacken gar noch intensivieren. Denkbar wäre das, weil Spam so billig ist. Für ein paar tausend Dollar versenden osteuropäische oder fernöstliche Server Millionen und Abermillionen E-Mails pro Monat. Eine winzige Anzahl positiver Repliken reicht aus, um das Geschäft des Spammers, dem als Waffe ein Computer im Wohnzimmer genügt, zum Blühen zu bringen. Funktionierten die Filter nun besser, müßte er bloß mehr Spam verschicken. Kosten fallen eh kaum an.

Zugleich werden Spammer immer geschickter, Spam als E-Mails von Freunden oder Geschäftspartnern zu tarnen. Darauf antworten die Briefkastenverteidiger mit: Blacklists. Wer auf einer solchen Liste steht, wird nicht hereingelassen. Zu dumm nur, daß Spammer sich immer neue Adressen und Identitäten zulegen. Immerhin sind sie machtlos gegen Whitelists, auf der nur die guten, zur Kommunikation autorisierten Absender stehen. Whitelists verhindern leider jede spontane Korrespondenz. Als akzeptable Lösung taugt auch das E-Mail-Porto nicht. Damit würden Spammer schwer getroffen, aber alle andern E-Mail-Versender auch. Nach einem raffinierteren Plan würden E-Mails ihre Anonymität aufgeben und so der Spammer wie ein Anrufer ausfindig zu machen sein. Und unvergleichlich elegant wäre das Verfahren, statt Gebühren für jede E-Mail einige Sekunden Computerzeit zu berechnen. Individuelle User würden das kaum bemerken, Spammer aber gerieten arg in Bedrängnis. Nur hapert es noch mit der Technik.

Wütende Proteste

Zukunftsmusik ist auch eine internationale Schaltzentrale, die lediglich seriöse Werbung gegen Gebühr passieren ließe. Auch kein idealer Eingriff für Surfer, die jegliche Kontrollinstanz verabscheuen. Am Ende werden sie es wohl doch dem Staat erlauben müssen, gesetzgeberisch ein Machtwort zu sprechen. Das europäische Parlament hat den Anfang gemacht mit einer "Opt-in"-Richtlinie: Wer werben will, muß sich beim Kunden die Erlaubnis einholen. Deutschland hat dem Vorschlag zugestimmt. Amerika, wo die Politik gern dem Business den Vortritt läßt und trotzdem sich ein Anti-Spam-Gesetz durch den Kongreß kämpft, scheint die weichere "Opt-out"-Methode zu begünstigen. Konsumenten müßten sich bemühen, von Spam verschont zu bleiben. Viel wird davon abhängen, wie rigoros das Gesetz formuliert wird. Der erste Vorschlag der amerikanischen Volksvertreter ging dahin, jedem User zuzumuten, jeden Spammer einzeln aufzufordern, seine Aktivitäten einzustellen. Wütende Proteste aus der Internet-Gemeinde waren die Folge., Nachdem jetzt eine "Do Not Call"-Regelung in Kraft getreten ist und sie viele Millionen Fernsprechteilnehmer dazu animiert hat, ihre Telefonnummern für Telemarketer zu sperren, ist es nicht länger undenkbar, daß eine ähnliche Prozedur auch fürs Internet ins Auge gefaßt wird.

Abzuwarten bleibt, ob damit eine ebenso durchschlagende Wirkung garantiert ist. Denn Spam ist mit Werbung per Post, Telefon oder Fax nicht zu vergleichen. In seiner Grenzenlosigkeit, Kostenfreiheit und Offenheit hat das Internet sich auch als leicht verletzlich erwiesen. Selbst die Gesetze der Supermacht Amerika könnten sich als Makulatur erweisen, wenn Server in entfernten Weltregionen weiter Unrat ausspuckten. Weniger als zweihundert Personen, überwiegend Amerikaner, sollen für neunzig Prozent von Spam verantwortlich sein. Sie mit technologischen und gesetzgeberischen Mitteln zur Strecke zu bringen, sollte kein Ding der Unmöglichkeit sein. Aber ihnen das Handwerk zu legen und dabei die kommunikative Freiheit des Internets zu wahren, das wird nicht ohne Mühe und ein paar brillante Gedanken zu bewerkstelligen sein.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.07.2003, Nr. 156 / Seite 36
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