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Soziologie : Die alltägliche Normalität der Gewalt

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Gute Gründe für Zivilisationspessimismus

Sofsky bestreitet darin jeden spezifischen Zusammenhang von Gewalt und Moderne. Gewalt gehört für ihn zum Menschen, tritt immer wieder auf und muss also nicht in ihren spezifischen Formen und Ausprägungen untersucht werden. Sofsky wendet sich damit vehement gegen jeden aufklärerischen Modernitäts- und Zivilisationsoptimismus und hat ein paar gute Gründe auf seiner Seite.

Und zwar vor allem dort, wo es um die Missachtung der alltäglichen Gewalt in fast allen Modernisierungstheorien geht, wie das gerade besonders erfolgreich Steven Pinkers in seinem Bestseller „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“ vorgeführt hat. Laut Pinker, der in Harvard Psychologie lehrt, habe die Gewalt trotz der massenhaften Gewaltausbrüche des 20. Jahrhunderts im Verlauf der Menschheitsgeschichte kontinuierlich abgenommen, weil unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle stetig zugenommen habe und wir uns im Stadium des allgemein akzeptierten Gewaltmonopols liberaler moderner Gesellschaften befänden. Eine Diagnose, die Christ nicht teilen kann, nicht nur wegen des merkwürdigen methodischen Vorgehens Pinkers, der die Vernichtung Hunderttausender Menschen innerhalb weniger Stunden mit modernen Waffen mit dem Phänomen der Sklaverei vergleicht, das immerhin 1800 Jahre gedauert hat.

Christ stört an Pinker, dass Gewalt bei ihm als ein Charakteristikum vormoderner Gesellschaften erscheint. Das Gewalt aber zur Normalität der NS-Gesellschaft gehörte, kann dabei gar nicht mehr in den Blick kommen, weil zunehmender Gewaltverzicht das Prinzip ist, welches in Pinkers Vorstellung der Moderne für normal gehalten wird. Michaela Christ lehnt diese Kopplung von gewaltfreier Normalität und Gewalt als vormoderner Handlungsweise mit guten Gründen ab. Gewalt, schreibt sie, sei im Nationalsozialismus kein Mittel der Politik gewesen, sondern Politik eine Form der Gewalt. Und eine Analyse der alltäglichen Gewalterfahrungen von Opfern, Helferinnen, Rettern, Zuarbeiterinnen oder Zuschauern der Gewalt im Nationalsozialismus stehe noch aus.

Aufhören, sich der Gewalt gegenüber blind zu stellen

Im Grunde will sie danach fragen, was aus diesen Erfahrungen in den Körpern und in den Köpfen der Beteiligten geworden ist. Die Mittel für solche Forschungen, die Theorien (wie ein ausgearbeiteter Gewaltbegriff) und die Methoden (wie die Analyse der Denunziationspraxis in einer Hausgemeinschaft im „Dritten Reich“) stehen zur Verfügung. Man brauche, so Christ, weder übermenschliche Fähigkeiten noch spezielle wissenschaftliche Werkzeuge. Man müsse nur aufhören, sich der Gewalt gegenüber blind zu stellen und sie ins Unsagbare zu schieben.

Ohne darauf besonders hinzuweisen, folgt Christ damit einem Vorschlag Michel Foucaults. Foucault hatte einmal angemerkt, dass man von der Machtstruktur der Nazis wenig verstanden habe, solange man nicht berücksichtige, dass die Nazis auch noch dem in der Hierarchie letzten Volksgenossen potentiell das Recht zugestanden, jeden als Ungeziefer benannten Außenstehenden straffrei umzubringen. Eine Ermächtigung, die natürlich nie in irgendeinem Gesetz auftauchte und auch nicht von jedem in die Tat umgesetzt wurde. Die jedoch als Tatmöglichkeit und als Tat immer da war. Es handelt sich dabei um eine Form der Gewalt, die als Normalität spezifisch auf den Einflussbereich der Nazis beschränkt blieb. In aller Regel gehen der physischen Gewalt, hier der Ermordung eines als aussätzig bestimmten Menschen, andere Formen der Gewalt voraus und begleiten sie.

Die Fragen, die Christ hier anschließen will, lauten: Wie verändern sich die Lebensbedingungen, die Selbsterfahrung und die Selbstwahrnehmung der Beteiligten in solchen Prozessen? Wie sehen ihre inneren Dynamiken aus? Was macht manche Menschen und Situationen anfälliger für den Gewaltgebrauch als andere? Wobei man angesichts der jüngsten Ereignisse kollektiver Gewalt nur hoffen kann, das die Soziologinnen bald mit ihren Forschungen beginnen können. Einblicke in die Entstehungsprozesse, Dynamiken und Wirkungsweisen massenhafter Gewalt werden dringend benötigt.

Michaela Christ, Maja Suderland (Hg.): „Soziologie und Nationalsozialismus – Positionen, Debatten, Perspektiven“. Suhrkamp, 611 Seiten, 24 Euro

Quelle: F.A.S.

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