Home
http://www.faz.net/-gqz-6z08t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Soziales Netzwerk Pinterest Das neueste Ding vor dem nächsten Ding

 ·  Pinterest heißt die Plattform im Internet, bei der jetzt jeder sein muss. Oder vielleicht nicht? Ein Selbstversuch.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)
© dpa Vergrößern Wächst steiler als Facebook und Twitter und bietet viel Platz zum Anheften von Katzen- und Küchenbildern: das soziale Netzwerk Pinterest

Oh nein, bitte keine neue Internetsensation. Keine Profilbildrevolutionen, Must-have-Accounts und „neuen Möglichkeiten“ mehr. Ich bekenne: Ab sofort pfeife ich auf die Schwarmintelligenz der Web-Nomaden. Keinen Meter werde ich der Herde noch hinterhertrotteln. Erst hatten sie ihre Blogs; dann waren sie bei Myspace, X-ing, Linked-in; bald zogen sie zu Facebook, Twitter, Google+; jetzt raunen sie einem zu: „Hey, bist du schon bei Pinterest?“

„Pinter-was?“, fragte ich zurück, als ich das Wort zum ersten Mal hörte, vor ein paar Wochen, bei einer Party unter jung gebliebenen Erwachsenen. „Na ja, das ist so eine neue, äh, Plattform“, erklärte ein Freund und Low-budget-Maler. „Pin-“ stehe für „Pinnwand“, „-terest“ für „Interest“. Er stelle da seine Werke aus, die seien nun bis in die Vereinigten Staaten bekannt. „Aber gibt es dafür nicht Dawanda, Flickr, Tumblr?“, merkte ich an. Worauf er „pfff“ machte und sich wegdrehte, um sich einer Frau mit ironischem Katzenpulli und „Look at me, I’m cute“-Haardutt zuzuwenden.

„Pinterest“: Wieder einmal kam ich mir furchtbar alt vor. Obwohl ich mich doch sehr bemühe, ein vollwertiges Mitglied der Gegenwart zu sein, mit an die zwanzig verschiedenen Web-Konten bisher. Eine gewisse Account-Müdigkeit kann ich indes nicht leugnen.

Die weibliche Plattform

Googelt man nach Pinterest, stellt man schnell fest, dass es tatsächlich das kommende Ding im Internet ist - zumindest sehen es einige Medien- und PR-Leute so. 2008 ging der Prototyp des Dienstes online, seit 2010 läuft die Sache heiß. Zurzeit ist Pinterest die am schnellsten wachsende Social-Media-Plattform, mit steileren Zuwachsraten, als Facebook oder Twitter sie je erlebten. Die magische Marke von täglich zehn Millionen Besuchern ist überschritten.

Amerikanische Magazine wie „Cosmopolitan“ oder „Real Simple“ verzeichnen schon jetzt mehr Besucherkontakte über Pinterest als über Facebook. Der Branchendienst AdA meldet: „Pinterest ist ein großartiges Werkzeug zur Publikums- und Zielgruppen-Entwicklung. Hier lernen Menschen Marken kennen, denen sie sonst vielleicht nie begegnet wären.“

Das Besondere an Pinterest: Es gilt als „weibliche“ Plattform. Frauen stellen die Mehrheit der Nutzer; von „Social Media für Hausfrauen“ schrieb die „Financial Times Deutschland“. Genau das ist für die Werbewirtschaft besonders interessant. Die amerikanische Werbeforscherin Faith Popcorn hat es schon im vergangenen Jahrzehnt festgestellt, in ihrem Buch „Evaluation. Die neue Macht des Weiblichen“: Ob es um Möbel, Kleidung oder Nahrungsmittel geht, meist entscheiden Frauen, wofür das frei verfügbare Haushaltseinkommen ausgegeben wird.

Tatsächlich wirkt schon die Pinterest-Startseite fast klischeehaft „weiblich“. Es ist eine wild zusammengestückelte Bildergalerie, dominiert von Pastelltönen und nostalgischen Schwarzweißfotos. Sonnenuntergänge, Hollywood-Film-Stills, Katzen- und Kinderbilder, Kalendersprüche, Schuhe, Handtaschen, Heimdekor. Öfter blitzen mal Kate Moss, Katy Perry oder ein Marken-Logo auf. Vor allem sieht man: Essen. Appetitlich aufgemotzte Aufläufe, kunstvoll arrangierte Obstsalate, Cupcakes, Cookies, Pancakes. In ihren Bildkommentaren fassen die Nutzer sich auffallend kurz. „Cute!“, schreiben sie, oder „Delicious!“, „I want that!“, „Yummy!“, sehr oft auch nur: „ ?“

Kein Reinkommen ohne Facebook und Twitter

„Sortiere und teile die Dinge, die du magst“, heißt es auf der Startseite von Pinterest. Nachdem ich auch bei einigen Facebook-Bekannten Mitteilungen lesen konnte wie: „Anja hat ein neues Pinterest-Board kreiert“, beschloss ich, mich incognito dort anzumelden - um beim nächsten Mal mitreden zu können - und vor allem, um recht zu haben: dass nämlich kein Mensch noch eine weitere Plattform braucht, erst recht nichts mehr mit Katzenbildern!

Beim Erstkontakt fragt Pinterest nach meinem Facebook- oder Twitter-Account. Ohne komme ich nicht hinein. Da ich Twitter stets gemieden habe, wähle ich Facebook - und soll prompt mein Passwort herausrücken. „Ja, spinnt’s ihr?“, frage ich den Bildschirm. „Ich gebe doch den Zugang zu meinem heiligen Privatkonto nicht heraus!“ Also weiche ich auf mein kaum genutztes Notfall-Facebook-Konto aus. Es läuft auf den Männernamen Hank Hartmann. „Wenn du deine Anmeldung bestätigst, wird deine Facebook-Pinnwand automatisch auf die Timeline umgestellt“, heißt es. Als Hank Hartmann bin ich recht schmerzfrei und klicke: „Sei’s drum!“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Von Katja Kullmann ist soeben die Reportage „Rasende Ruinen. Wie Detroit sich neu erfindet“ in der Edition Suhrkamp digital erschienen, als Taschenbuch und E-Book, 96 Seiten, 5,99 Euro.

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren (36) Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitere Empfehlungen
Kommentarflut auf Facebook Spammen für den Weltfrieden

Seit Tagen erleben die Facebookseiten deutscher Medien eine Kommentarflut, die vorgibt, die Russland-Berichterstattung kritisch zu hinterfragen. Die Initiatoren kommen aus dem Dunstkreis rechter Verschwörungstheoretiker. Mehr

17.04.2014, 15:27 Uhr | Feuilleton
Online-Anzeigen Werbung zum Wegklicken

Konsumenten wollen im Internet keine Anzeigen – sie wollen Antworten auf ihre Fragen. Doch das haben viele Unternehmen noch nicht verstanden. Mehr

15.04.2014, 16:46 Uhr | Wirtschaft
Konkurrenz für Facebook Ein digitaler Maskenball

Eine aufstrebende Gruppe sozialer Netzwerke erlaubt Nutzern Anonymität - und grenzt sich damit von Facebook ab. Sie heißen Secret und Whisper. Aber auch hier tun sich Abgründe auf. Mehr

22.04.2014, 13:19 Uhr | Wirtschaft

11.04.2012, 22:46 Uhr

Weitersagen

Shakespeares Bett

Von Hubert Spiegel

In Weimar diskutierten Albert Ostermaier und Feridun Zaimoglu über die globale Bedeutung Shakespeares und die Schwierigkeit sein Werk neu zu adaptieren. Dürfen deutsche Dichter den „Othello“ verbessern? Mehr