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Soziales Netzwerk Pinterest Das neueste Ding vor dem nächsten Ding

 ·  Pinterest heißt die Plattform im Internet, bei der jetzt jeder sein muss. Oder vielleicht nicht? Ein Selbstversuch.

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© dpa Wächst steiler als Facebook und Twitter und bietet viel Platz zum Anheften von Katzen- und Küchenbildern: das soziale Netzwerk Pinterest

Oh nein, bitte keine neue Internetsensation. Keine Profilbildrevolutionen, Must-have-Accounts und „neuen Möglichkeiten“ mehr. Ich bekenne: Ab sofort pfeife ich auf die Schwarmintelligenz der Web-Nomaden. Keinen Meter werde ich der Herde noch hinterhertrotteln. Erst hatten sie ihre Blogs; dann waren sie bei Myspace, X-ing, Linked-in; bald zogen sie zu Facebook, Twitter, Google+; jetzt raunen sie einem zu: „Hey, bist du schon bei Pinterest?“

„Pinter-was?“, fragte ich zurück, als ich das Wort zum ersten Mal hörte, vor ein paar Wochen, bei einer Party unter jung gebliebenen Erwachsenen. „Na ja, das ist so eine neue, äh, Plattform“, erklärte ein Freund und Low-budget-Maler. „Pin-“ stehe für „Pinnwand“, „-terest“ für „Interest“. Er stelle da seine Werke aus, die seien nun bis in die Vereinigten Staaten bekannt. „Aber gibt es dafür nicht Dawanda, Flickr, Tumblr?“, merkte ich an. Worauf er „pfff“ machte und sich wegdrehte, um sich einer Frau mit ironischem Katzenpulli und „Look at me, I’m cute“-Haardutt zuzuwenden.

„Pinterest“: Wieder einmal kam ich mir furchtbar alt vor. Obwohl ich mich doch sehr bemühe, ein vollwertiges Mitglied der Gegenwart zu sein, mit an die zwanzig verschiedenen Web-Konten bisher. Eine gewisse Account-Müdigkeit kann ich indes nicht leugnen.

Die weibliche Plattform

Googelt man nach Pinterest, stellt man schnell fest, dass es tatsächlich das kommende Ding im Internet ist - zumindest sehen es einige Medien- und PR-Leute so. 2008 ging der Prototyp des Dienstes online, seit 2010 läuft die Sache heiß. Zurzeit ist Pinterest die am schnellsten wachsende Social-Media-Plattform, mit steileren Zuwachsraten, als Facebook oder Twitter sie je erlebten. Die magische Marke von täglich zehn Millionen Besuchern ist überschritten.

Amerikanische Magazine wie „Cosmopolitan“ oder „Real Simple“ verzeichnen schon jetzt mehr Besucherkontakte über Pinterest als über Facebook. Der Branchendienst AdA meldet: „Pinterest ist ein großartiges Werkzeug zur Publikums- und Zielgruppen-Entwicklung. Hier lernen Menschen Marken kennen, denen sie sonst vielleicht nie begegnet wären.“

Das Besondere an Pinterest: Es gilt als „weibliche“ Plattform. Frauen stellen die Mehrheit der Nutzer; von „Social Media für Hausfrauen“ schrieb die „Financial Times Deutschland“. Genau das ist für die Werbewirtschaft besonders interessant. Die amerikanische Werbeforscherin Faith Popcorn hat es schon im vergangenen Jahrzehnt festgestellt, in ihrem Buch „Evaluation. Die neue Macht des Weiblichen“: Ob es um Möbel, Kleidung oder Nahrungsmittel geht, meist entscheiden Frauen, wofür das frei verfügbare Haushaltseinkommen ausgegeben wird.

Tatsächlich wirkt schon die Pinterest-Startseite fast klischeehaft „weiblich“. Es ist eine wild zusammengestückelte Bildergalerie, dominiert von Pastelltönen und nostalgischen Schwarzweißfotos. Sonnenuntergänge, Hollywood-Film-Stills, Katzen- und Kinderbilder, Kalendersprüche, Schuhe, Handtaschen, Heimdekor. Öfter blitzen mal Kate Moss, Katy Perry oder ein Marken-Logo auf. Vor allem sieht man: Essen. Appetitlich aufgemotzte Aufläufe, kunstvoll arrangierte Obstsalate, Cupcakes, Cookies, Pancakes. In ihren Bildkommentaren fassen die Nutzer sich auffallend kurz. „Cute!“, schreiben sie, oder „Delicious!“, „I want that!“, „Yummy!“, sehr oft auch nur: „ ?“

Kein Reinkommen ohne Facebook und Twitter

„Sortiere und teile die Dinge, die du magst“, heißt es auf der Startseite von Pinterest. Nachdem ich auch bei einigen Facebook-Bekannten Mitteilungen lesen konnte wie: „Anja hat ein neues Pinterest-Board kreiert“, beschloss ich, mich incognito dort anzumelden - um beim nächsten Mal mitreden zu können - und vor allem, um recht zu haben: dass nämlich kein Mensch noch eine weitere Plattform braucht, erst recht nichts mehr mit Katzenbildern!

Beim Erstkontakt fragt Pinterest nach meinem Facebook- oder Twitter-Account. Ohne komme ich nicht hinein. Da ich Twitter stets gemieden habe, wähle ich Facebook - und soll prompt mein Passwort herausrücken. „Ja, spinnt’s ihr?“, frage ich den Bildschirm. „Ich gebe doch den Zugang zu meinem heiligen Privatkonto nicht heraus!“ Also weiche ich auf mein kaum genutztes Notfall-Facebook-Konto aus. Es läuft auf den Männernamen Hank Hartmann. „Wenn du deine Anmeldung bestätigst, wird deine Facebook-Pinnwand automatisch auf die Timeline umgestellt“, heißt es. Als Hank Hartmann bin ich recht schmerzfrei und klicke: „Sei’s drum!“

Fünf Themen-Boards sind per Voreinstellung eingerichtet, sie heißen etwa „My Style“ oder „Products I like“. Ich bin aufgefordert, Bilder hochzuladen und an meine „Bretter“ zu „pinnen“. Zu diesem Zweck soll ich einen Pinterest-Funktionsknopf in meinem Browser installieren. So könne ich alles, was ich an hübschen Dingen im Internet sehe, sogleich den anderen zeigen. Die Idee stammt von einem jungen IT-Trio aus dem Silicon Valley - wobei einer der Gründer, Paul Sciarra, 28, schon wieder ausgestiegen ist, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Vor einer Klagewelle in Sachen Urheberrecht haben Medienrechtler gewarnt, denn die Nutzer werden geradezu aufgefordert, eher fremdes Bildmaterial auszutauschen als selbstgemachte Fotos. Auch deshalb will Pinterest seine Copyright-Belehrungen jetzt „deutlicher formulieren“.

Liken und Laden

Ich suche nach Motiven, die zu einem Hank Hartmann passen könnten. In der Rubrik „My Style“ poste ich ein Foto von Tom Wolfe im weißen Anzug. Bei „Products I like“ eine Flasche Hendrick’s Gin. Unter „Food“ lade ich ein Wiener Schnitzel hoch.

Während ich auf eine Reaktion warte, ein blinkendes Lämpchen, irgendwas, stelle ich fest, dass ich zwölf wildfremden Pinnern als Follower zugeteilt bin. Über zweitausend Fotos hat allein Marjorie aus Ohio hochgeladen, ihre Boards heißen zum Beispiel „Hochzeitskleider“, „Lieblingssüßigkeiten“ und „Lustige Sachen“. Aus Höflichkeit klicke ich einmal „like“, beim Bild eines gähnenden Leoparden. Marjorie reagiert nicht, vielleicht normal, bei mehr als sechshundert Followern.

Mike aus Oregon hat sich auf „Tattoo Art“ und „Photography“ spezialisiert, Daniel aus New Jersey auf „Magazine Covers“ und „Landscapes“. Dann entdecke ich die hübsche Amy, 324 Follower. Sie kommt aus Houston in Texas und muss sehr einsam sein; bei ihr ist es jetzt fünf Uhr morgens, und sie hat einen akuten Upload-Schub.

Ein Reisefoto nach dem anderen lädt sie hoch, Katalogbilder von Palmenstränden und Lavendelfeldern. Bei mehreren klicke ich „like“, einmal schreibe ich: „Beautiful!“ Eine von Amys Riesendünen „re-pinne“ ich bei mir, was eine Art Ehrerbietung bei Pinterest darstellt. Daraufhin „liked“ Amy meinen Tom Wolfe. Ich trage mich als Follower bei ihr ein - prompt folgt sie auch Hank Hartmann. Der vergisst jetzt allen Bilderkram und schaltet voll auf Eroberungsmodus. Nur: Wie komme ich bei Amy weiter?

Eine Chat- oder E-Mail-Funktion gibt es nicht. Eines ihrer Bilder, es zeigt einen klaren Bergsee, trägt die Überschrift: „Don’t know where this is“. Ich kommentiere: „Maybe Switzerland?“ Mein Herz klopft. Ich warte einige Minuten. Will ihr etwas Zeit geben. Schlendere so lang durch die Galerien anderer Leute. Als ich nach einer Viertelstunde zu Amy zurückkehre, hat sie siebzehn weitere Bilder hochgeladen - und noch immer kein Wort verloren.

Wortlose Gefolgschaft

So geht das tagelang weiter. Ich „like“ und „re-pinne“ Küchenregale, gehäkelte „Star Wars“-Figuren, Siebziger-Jahre-Autos, diverse Kuchen, zwei, drei Fashion-Bilder und mehrere tausend niedliche Pelztiere. Keine Reaktion, auf keinen meiner Kommentare. Von wegen: „Frauen reden zu viel!“ Wortlos haben sich ganze drei Follower mir zugesellt, ein Mann darunter, und ungefähr sieben Fremde haben einige meiner Bilder weitergepinnt. So viele Fotos fliegen mir um die Ohren, dass ich gar nicht mehr weiß, ob ich all das schon mal gesehen habe, ob es von mir kommt, mir gefällt oder nicht.

Am fünften Pinterest-Abend höre ich mich grunzen und beginne, nach dem Schlagwort „Höhlenmalerei“ zu suchen, nach Zeugnissen aus der Zeit, bevor der Mensch die Sprache erfunden hat. Die Schlichtheit der Dinge, die Semantik der Sachen, Objektsexualität - know what I mean? Als Hank Hartmann dann nach Tagen wieder mal auf seinem Heimatplaneten Facebook vorbeischaut, schreibt er: „Noch eine Katze, und ich muss k. . .“ in seine Statuszeile. Und weil er das extremely cute findet, setzt er sich selbst ein „gefällt mir“.

Von Katja Kullmann ist soeben die Reportage „Rasende Ruinen. Wie Detroit sich neu erfindet“ in der Edition Suhrkamp digital erschienen, als Taschenbuch und E-Book, 96 Seiten, 5,99 Euro.

Quelle: F.A.S.
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