13.12.2004 · Noch in den Fünfzigern mußten ganze Schiffsladungen der Söhne und Töchter Irlands auswandern, um andernorts Arbeit zu finden, heute ist es selbst das reiche Land jenseits des Meeres oder am anderen Ende des Kontinents.
Von John Banville, DublinIn Irland erfolgt Wandel nicht in einer gleichmäßig ansteigenden Kurve, sondern in einer Reihe von Stufen, und nach jeder Stufe fahren wir auf wie ein Schlafwandler, der gewaltsam aus seiner Trance gerissen wird. Plötzlich geschieht etwas, wir öffnen die Augen und erwarten, unser vertrautes, anheimelndes, wenn auch ein wenig stickiges Schlafzimmer zu sehen, doch wir finden uns auf einer steilen Treppe inmitten eines fremdartigen elektrischen Lichts wieder.
Das unsanfte Erwachen, das der irische Geist in den letzten zehn Jahren erlebte, hat uns entnervt, aber auch gestärkt. Der Machtverlust, den die katholische Kirche in der ersten Hälfte der neunziger Jahre hinnehmen mußte, war bis dahin völlig unvorstellbar gewesen, und in einem so stark von der Religion geprägten Land hätte man eigentlich mit einem nationalen Trauma rechnen können. Aber wir rieben uns nur die Augen, gaben uns einen Stoß und gingen die Treppe hinunter, um uns der wilden Party anzuschließen, die für das übrige Europa und Amerika Ende der achtziger Jahre begonnen hatte und erst am Morgen des 11. September 2001 enden sollte.
In ständiger Furcht vor der „Knute des Krummstabs“
Es ist aufschlußreich, einmal auf die Umstände des kirchlichen Machtverlustes in Irland zurückzublicken. Seit den siebziger Jahren war zumindest in kirchlichen und journalistischen Kreisen bekannt, daß der charismatische und mächtige Bischof von Galway, Eamon Casey, eine Affäre mit einer Amerikanerin hatte und daß aus dieser Verbindung ein Sohn hervorgegangen war. Doch in der Presse erschien nicht der geringste Hinweis auf diesen Skandal, bis Bischof Casey im Frühjahr 1992 zurücktrat, eine Woche, bevor die Geschichte durch Zeitungen und Fernsehen Irlands ging. Fast schon als nebensächlich erschien damals die Enthüllung des Bischofs, wonach er Zehntausende von Pfund aus der Kasse des Bistums "geliehen" hatte, um seine illegitime Verbindung zu finanzieren. Damals wußten wir noch nicht, daß diese freche Unterschlagung nur der Vorbote weiterer, ausgesprochen schmutziger Affären im weltlichen Bereich sein sollte.
Warum das lange, nachsichtige Schweigen über die Verfehlungen des Bischofs, und warum dann die plötzliche Eile der Presse? Auch abgesehen von dem drakonischen Presserecht, das die Herausgeber irischer Zeitungen zu beachten hatten, lebten sie seit der Gründung der Republik in den zwanziger Jahren in der ständigen Furcht vor der "Knute des Krummstabs", also vor einem öffentlichen Tadel seitens eines der katholischen Bischöfe, den bis 1992 wahrscheinlich mächtigsten und ganz sicher arrogantesten Figuren in der Öffentlichkeit des Landes. Ein Wink mit dem Bischofsstab, und man war seinen Job los. Selbst in Irland spürte man ein wenig von dem Wind des Wandels, der nach 1989 durch Europa blies. Es gibt im Englischen oder Irischen keine genaue Entsprechung für den Begriff der Perestroika, doch plötzlich begann man in Irland, Dinge laut auszusprechen, die man nie in der Öffentlichkeit zu hören erwartet hätte.
Die Werbeflächen blieben leer
Als ich in den fünfziger Jahren aufwuchs, fanden sich auf den letzten Seiten der bekannten, aus England eingeführten Sonntagszeitungen wie "People" oder "News of the World" leere Flächen, an denen man in den für Irland bestimmten Exemplaren die Anzeigen für Durex-Kondome getilgt hatte, weil die Londoner Zeitungen wußten, daß diese Exemplare sonst vom irischen Zoll beschlagnahmt worden wären. Damals und bis in die achtziger Jahre hinein waren Mittel zur künstlichen Empfängnisverhütung in Irland verboten. Die einzige von der katholischen Kirche geduldete Verhütungsmethode war die sogenannte Temperaturmethode, die es erforderte, daß die Frau umständliche Berechnungen mit Daten und Temperaturskalen anstellte, bevor sie in den ehelichen Geschlechtsverkehr einwilligte.
Kirche und Staat sahen in der Temperaturmethode ein ideales Verfahren, doch für Ehepaare hatte sie einen erheblichen Nachteil: Sie funktionierte nur selten. Man kann nur spekulieren, wie viele Iren mittleren Alters heute nur deshalb leben, weil ihre Mütter es nicht schafften, die Temperatur bestimmter Körperflüssigkeiten korrekt zu bestimmen.
Der Bus der Kondome
So war ich denn sehr verwundert, als ich Anfang der neunziger Jahre bei der Überquerung der O'Connell Street, der wichtigsten Hauptstraße Dublins, einen Doppeldeckerbus sah, der über die gesamte Außenfläche mit einer Werbung für Durex-Kondome bemalt war.
Seit dieser Zeit hat Irland einen tiefgreifenden Wandel erfahren. Aber ist er wirklich tiefgreifend? Gewiß sind wir heute reicher, als wir es jemals für möglich gehalten hätten. Unsere Wirtschaft gehört zu den führenden Volkswirtschaften Europas, zum Teil weil wir der weltweit führende Exporteur von Computersoftware sind und auch ein wichtiger Hersteller des Potenzmittels Viagra. Aber entspricht diesem finanziellen Reichtum auch eine Verbesserung unserer Weltgewandtheit, unserer Bildung und unseres Verantwortungsgefühls auf öffentlicher wie auch privater Ebene? Wer abends durch die schmutzigen, mit Erbrochenem besudelten Straßen in Temple Bar, Dublins angeblicher Rive gauche, geht, der kann sich des Verdachts nicht erwehren, daß Irland, wie Oscar Wilde einst über Amerika sagte, direkt von der Barbarei zur Dekadenz übergegangen ist, ohne dazwischen eine Phase der Zivilisation durchzumachen.
Geschenke, nicht Bestechungsgelder
Die bemerkenswerte Erholung unserer Finanzen, von den mageren achtziger Jahren, als unser Land fast bankrott war, zu den üppigen Zeiten Anfang des neuen Jahrtausends, in denen wir so reich sind, daß wir kaum wissen, was wir mit all dem Geld anfangen sollen - im Radio erzählte kürzlich der Geschäftsführer eines modischen Ladens in Dublin, er habe eine Warteliste für Damenhandtaschen einer bestimmten Marke, die mehr als zweitausend Euro kosten -, diese Erholung hat eine Reihe komplexer Ursachen, deren wichtigste die bei Politikern innerhalb und außerhalb der Regierung aufkommende Erkenntnis war, daß man dem Niedergang unbedingt Einhalt gebieten mußte.
Einer dieser Politiker war der charismatische, aber nicht ganz saubere Charles Haughey, der in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre das Amt des Taoiseach (des Premierministers) bekleidete. Selbst seine Gegner, und davon gibt es viele - Conor Cruise O'Brien sagte einmal von ihm, er sei von vielen beschimpft worden, und das durchaus zu Recht -, räumen ein, daß Haughey einer der wichtigsten Väter der Haushalts- und Steuerreformen war, die zu der spektakulären Erholung der neunziger Jahre führten. Es gehört zu den zahlreichen Ironien des modernen irischen Lebens, daß Haughey eine der ersten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens war, gegen die man ein Untersuchungsverfahren wegen des Verdachts auf politische Korruption eröffnete, als bekannt wurde, daß er als Taoiseach mehrere hunderttausend Pfund als Geschenk von einem der Besitzer einer überaus erfolgreichen Supermarktkette erhalten hatte - er bestand darauf, daß es sich um Geschenke und nicht um Bestechungsgelder gehandelt habe.
Der Zug der Korruption
Der Fall Haughey öffnete die Schleusen, und bald sah sich das Land knietief in äußerst schmutzigem Wasser stehen. Gegenwärtig sind erschreckend viele kostspielige Ermittlungen wegen Rechtsbeugung durch Politiker, wegen Korruption in der Polizei und wegen des Mißbrauchs von Kindern durch Priester im Gang, und ein Ende ist nicht absehbar. Ein Untersuchungsausschuß zur Klärung von Bestechungsvorwürfen im Bausektor wird möglicherweise weitere zehn Jahre brauchen. Die Ergebnisse dieser Ermittlungen zeichnen ein Bild des wahren irischen Lebens in den letzten zwanzig oder dreißig Jahren, das viele nur ungern wahrhaben wollen. Und wenn sie es schließlich tun, weil es nicht anders geht, wird das dann zu neuer Weisheit und dem Wunsch nach Ehrlichkeit führen oder aber zu einem nationalen Zynismus?
Seit Jahrhunderten gehört zu den irischen Eigenheiten unser unerschütterlicher Glaube - an Gott wie auch an den Menschen. Woran werden wir in Zukunft glauben? Die größte Herausforderung, vor der die Iren gegenwärtig stehen, dürfte in der Klärung der Frage liegen, was denn "das Volk" ausmacht. Die ganz in der Nähe der O'Connell Street gelegene Moore Street ist ein altes, für die Stadt überaus typisches Marktviertel. Generationen Dubliner Arbeiterfrauen haben auf ihren Marktständen dort Gemüse, Fleisch oder Fisch verkauft, und die Rufe, mit denen sie ihre Waren anpriesen, hatten sich seit den Tagen eines Jonathan Swift kaum verändert. Kürzlich besuchte ich Moore Street zum ersten Mal nach gut einem Jahrzehnt. Als ich in einen Laden trat, erlebte ich eine ähnliche Überraschung wie Anfang der neunziger Jahre, als ich die Durex-Werbung auf dem Bus bemerkte. Es handelte sich um einen Friseursalon, und alle im Laden, Personal wie Kunden, waren Schwarze. Inzwischen habe ich erfahren, daß Moore Street zu einem wichtigen Geschäftszentrum für die vielen tausend Nigerianer geworden ist, die in den letzten zehn Jahren nach Irland gekommen sind, neben Tausenden von Wirtschaftsmigranten aus Osteuropa.
Die Nigerianer sind in der Mehrzahl Katholiken, die in den sechziger und siebziger Jahren die Schulen irischer Missionare besucht hatten. Und welch einen Farbtupfer verleihen sie unserem ansonsten so grauen Sonntagmorgen, wenn sie mit den Gewändern und Turbanen ihrer Stämme zur Messe gehen. Die plötzliche Anwesenheit so vieler Fremder verwirrt die Iren, macht sie aber auch ein wenig stolz, wird dadurch doch deutlich, daß unser Land, das noch in den fünfziger Jahren gezwungen war, ganze Schiffsladungen seiner Söhne und Töchter nach England oder Amerika zu schicken, damit sie dort Arbeit fanden, heute das reiche Land jenseits des Meeres oder am anderen Ende des Kontinents ist, von dem junge Menschen in Nigeria, auf dem Balkan oder selbst in Rußland träumen. Hoffen wir, daß dieser Stolz in einer zukünftigen, weniger prosperierenden Zeit nicht in eine vorurteilsbehaftete Einstellung umschlägt.