29.11.2004 · Die Unesco hat überraschend die Aufführung eines Stückes von Wilhelm Furtwängler in Paris abgesagt: Sie fürchtet um ihren Ruf, sollte sie mit dem Vorzeigedirigenten der Nazis in Verbindung gebracht werden.
Wilhelm Furtwängler ist der größte und innovativste Dirigent, den das Zeitalter der Interpretation bislang hervorgebracht hat - und er war der Vorzeigedirigent der Nationalsozialisten. Auch fünfzig Jahre nach seinem Tod sind die Akten nicht geschlossen. Wie heikel der Umgang mit dem umstrittenen Künstler bis heute ist, zeigt sich daran, daß ein für Mittwoch geplantes Konzert von der Unesco überraschend abgesagt worden ist - weil sie um ihr Ansehen fürchtet.
Bis Montag abend erschien, wenn man bei „Google“ nach dem Namen Wilhelm Furtwängler suchte, auf den ersten Klick die Ankündigung auf dem Schirm: „1. 12. 2004 - Salle de Conférence Générale de l'Unesco à Paris, Wilhelm Furtwängler, Te Deum, Ausführende: Le Khloros Concert Paris, Leitung Odile Perceau.“ Auf den zweiten Klick ist das Datum aus der Agenda verschwunden. Es wurde gelöscht irgendwann im Laufe der letzten drei Wochen. Die Absage der geplanten französischen Erstaufführung des Furtwänglerschen „Te Deum“ erfolgte Ende Oktober. Auch die aus diesem Anlaß angesetzte Verleihung der Mozart-Medaille an Madame Furtwängler wurde abgesagt. Bis jetzt liegt keine Erklärung der Unesco vor, die diesen Affront begründet.
Sorge um Namen und Ruf
Lediglich mündlich erfuhren die Musiker, daß man auf Wunsch oder vielmehr Druck („pression“) einiger Unesco-Delegierter kurzfristig jede Zusammenarbeit aufkündige, um zu vermeiden, daß Name und Ruf (“le nom et l'image“) der Unesco mit Namen und Ruf Furtwänglers in Verbindung gebracht würden. Das Versenden von Einladungen wurde gestoppt, aber man vergaß offenbar, bereits Geladene wieder auszuladen. Und noch Mitte November, als bereits intern die ersten Protestbriefe eintrudelten, kündigte extern „Le Figaro“ das Pariser Konzert immer noch an, als fände es statt, als sei nichts geschehen.
Wilhelm Furtwängler hatte im Jahr 1902, als Sechzehnjähriger, mit der Komposition seines „Te Deum“ für vier Soli, Chor und Orchester begonnen. Das Werk wurde 1909 vollendet und ein Jahr später in Breslau uraufgeführt. In Deutschland wurde es zuletzt vor acht Jahren vom Philharmonischen Orchester und der Singakademie Frankfurt/Oder für die Schallplatte eingespielt.
Daß seine Wiederaufführung nun in Paris verhindert wird, ist ein nicht ganz geheuerer Vorgang mit vielen Fragezeichen. Die wichtigste Frage lautet, welche Unesco-Delegierten sich da um den guten Ruf der Unesco sorgten dergestalt, daß sie in aller Heimlichkeit ein Musikstück wieder aus der Welt schaffen wollen, das kaum hineingefunden hat. Aber sie kann, solange eine klärende Stellungnahme des Pariser Unesco-Generaldirektors Koichiro Matsuura, die für die nächsten Tage erwartet wird, noch aussteht, in aller Öffentlichkeit nicht beantwortet werden.