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Sommerstreit : "Deutsche wollen unseren Mozart!"

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Die „Kronenzeitung“, volltönendste Volksstimme Österreichs, sieht Gefahr im Verzug: „Deutsche wollen unseren Mozart stehlen“, titelt das Blatt. Und das ZDF verteidigt sich bereitwillig.

          "Deutsche wollen unseren Mozart!" empört sich die österreichische "Kronenzeitung" schlagzeilenfett auf der Titelseite, um den Ausruf im Blattinnern noch mit "stehlen" zu ergänzen. Das besitzanzeigende, hitzige und oft auch aufhetzende Fürwort "unser" gehört zu den bevorzugten patriotischen Kampfeinsatzmitteln auch dieses Boulevardblattes, wenn es die Volksseele aufheizen möchte. (Wäre bei den Temperaturen gar nicht nötig.)

          "Unser Musik-Genie ist laut ZDF-Fernsehen kein Österreicher", heißt es im Protest gegen die ZDF-Auswahl von dreihundert größten Deutschen, in der Wolfgang Amadeus Mozart, aber auch Joseph Haydn und Sigmund Freud aufgelistet sind. Als "zweifelhaftes Geschichtsverständnis", als "schwerwiegenden Fauxpas" des deutschen Senders wertet das Kleinformat mit der riesigen Leserzahl die Vereinnahmung der quasi staatstragenden Österreicher.

          Doppelidentität war möglich

          "Unser Wolferl ein Deutscher?" "Na, so was!" Nie und nimmer (auch wenn Haydns Kaiserhymne 1952 zur Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland wurde, wie das ZDF auf seiner Webpage erläutert) ist auch der gebürtige Niederösterreicher Haydn ein Deutscher. "Ebensowenig" wie der in Nordmähren geborene Freud, "geradezu ein Übersymbol für die Wiener Seele" (die ihn aber nie recht gebrauchen konnte). Ein Streitfall sei die in Bayern geborene österreichische Kaiserin "Sissi", räumt Volkes Stimme ein. Um ein bißchen Sommerstreit ging es wohl auch den Mainzern.

          Ihr Chefhistoriker Guido Knopp stand gestern im Mittagsjournal des ORF-Radiosenders Ö 1 Rede und Antwort: "Mozart ist natürlich Österreicher, völlig klar." Aber er, ein Untertan des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, habe auch von "Teutschland", seinem geliebten Vaterland, geschrieben. Damals sei eben eine Doppelidentität möglich gewesen. Mozart, "ein österreichischer Komponist im deutschen Kulturkreis" bleibe auf der ZDF-Liste - und man freue sich auf die Diskussionen in Wien und Berlin.

          Daß bei derartigen Heroenlisten auch in Österreich immer wieder gern Berühmte - Kafka, Canetti, Celan - einverleibt werden, dann eben als "Altösterreicher", daran muß in der Hitze des nationalstolzen Gefechts auch noch erinnert werden. Wenn es um die Größten einer Nation geht, werden die Grenzen überall großzügig geöffnet.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2003, Nr. 182 / Seite 36

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