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Sommerserie Europa : Selbstzweifel und Selbstversicherung

Ärger zwischen Berlin und Malaga: an das Gerangel im Fußball kommt das in der Politik noch längst nicht heran. Bild: Picture-Alliance

Europa der Regionen? Das war einmal. Euro-Krise, Flüchtlingskrise und Brexit dominieren heute die Debatte. Vielleicht liegt im Zank aber auch ein Sinn. Nur in Europa lässt sich so schön streiten!

          Man muss es nicht schlecht finden, dass zu Europa die permanente Europa-Debatte gehört. Da die europäische Vision ernsthaft mit den deutschen Romantikern begann, ist das institutionalisierte Palaver in Festreden, Tagungen und Talkshows über die Frage, was Europa heute darf, kann oder muss, nur die Fortsetzung einer jahrhundertealten Reflexion. „Heinrich Mann hielt zu Recht fest, dass die Europa-Idee ohne die Schriftsteller gar nicht existierte“, sagt uns der Germanist Paul Michael Lützeler, der zahlreiche Anthologien zum Thema herausgegeben hat. Dann erinnert er an einen wahrhaft nach vorn schauenden Kopf: Victor Hugo.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Insofern ist alles in Ordnung. Reden wir weiter, auch laut. Geraten wir in Streit! Selten gab es einen würdigeren Gegenstand. Manche bezeichnen den Staatenbund, aus dem die Europäische Union in ihrer heutigen Form hervorging, als größte historische Leistung des zwanzigsten Jahrhunderts.

          Spätestens mit der Finanz- und Bankenkrise ist allerdings ein schriller Ton in die Europa-Betrachtung gekommen. Brüssel repräsentiert teure Notreparaturen an einer entfesselten Finanzwirtschaft. Brüssel stand ebenfalls für die Dominanz von „Merkozy“, deren Spardiktat und das programmatische Weiterwursteln. Als die Europäische Union dann im Jahr 2012 aus schwer erfindlichen Gründen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, waren dazu in den Medien bissige bis höhnische Kommentare zu lesen. Von einem wohlfeilen „Friedensmoralpreis“ war die Rede, von einer „undemokratischen und diskussionsfeindlichen Anbetung der Union, die von Regierungen und Brüsseler Funktionärseliten immer ausgeprägter über die Köpfe der Bürger hinweg von oben gesteuert“ werde, so die „Financial Times Deutschland“.

          Orakeln von der Schurkenkoalition

          Das ist – lange vor dem Aufkommen der AfD und der von ihr besorgten Vulgarisierung des Arguments – scharfe Kritik an Selbstzufriedenheit, Pfründesicherung und Immobilität. Seitdem reißen die Debatten, in deren Zentrum Europa steht, nicht mehr ab. Euro-Krise, Griechenland-Rettung, Ukraine-Konflikt. Flüchtlingskrise, neuer Nationalismus, Brexit. Aufgeregtes Hufescharren nach der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten. Noch mehr Aufregung beim Gedanken daran, dass Frankreich und die Niederlande „fallen“ könnten. Ende letzten Jahres orakelten bange EU-Fans von einer Schurkenkoalition, auf deren langen Tisch eine böse Fee viele Namenskärtchen gezaubert hatte: Trump, Putin, Orbán, Kaczynski, Le Pen, Wilders, Petry, Höcke und so weiter. Man wähnte sich in einem Fantasy-Film. Dann die Entwarnung. Holland gerettet! Frankreich gerettet! AfD gebändigt! Jetzt muss doch die Rettung Deutschlands gelingen. First we take Manhattan!

          Bild: F.A.Z.

          Bei all diesen Themen spielte die Europäische Union – meistens als Schuldige, eben durch „Versagen“, Passivität, Kleinmütigkeit, manchmal aber auch als „letztes Bollwerk“ – eine zentrale Rolle. Dass die EU nicht all dies zur selben Zeit sein kann und entweder massiv über- oder systematisch unterfordert wird, scheint dabei kaum jemandem aufzufallen. Aus den Büchern der letzten zehn Jahre, die Europa zum Gegenstand haben, könnte man deshalb einen hohen Turm bauen.

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