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Sommer in Tokio I scream

02.08.2004 ·  Welch eine Auswahl in der Hitze: Das Eismuseum in Tokio zeigt dreihundert schräge Sorten, die dem einheimischen Geschmack schmeicheln. Alle kann man im Internet bestellen.

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Die Temperatur in Tokio geht nachmittags auf vierzig Grad. Der Wetterbericht sagt Regen voraus. Schwül, Zeit für ein Eis. Und welche Auswahl einzigartiger, nirgendwo sonst auf der Welt erhältlicher Sorten hat der Kunde! Erdbeer, Vanille, Schokolade sind altes zwanzigstes Jahrhundert.

Wer den Tokioter Themenpark zur Weltausstellung des Speiseeises besucht - sie steht unter dem Motto "Ice Cream Renaissance" -, findet das neue Eis der globalisierten Ära: das koreanische "Papins" oder das türkische "Dondurma", das dem Vernehmen nach nur von zweihundert ausgewiesenen Meistern hergestellt werden darf. Am Holzlöffel zieht es abenteuerlich lange Fäden. Die Japaner lassen sich viel bieten, wenn es dabei unterhaltsam zugeht.

Die "Nouvelle Icecream" hat aber nicht nur den globalen Austausch, sondern auch die regionalen Eigenheiten begünstigt. Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, daß inzwischen jede Region, fast jedes Dörfchen seine eigenen Sorten kreiert hat.

Und das kam so: Erst mal waren nach dem Krieg naturgemäß nur amerikanische Softeis-Sorten erhältlich. Die Eis-Hegemonie der Vereinigten Staaten dauerte ungefähr vierzig Jahre, dann kamen findige Leute auf die Idee, eine italienische Eismaschine zu importieren. Man nannte das, was nun entstand, auch in Japan "Gelato", um es vom Softeis unterscheiden zu können. Und dann kamen die japanische Wirtschaftskrise und die Idee der Regierung, mit regional spezialisierten Produkten den Aufschwung schaffen zu können

Ein Dorf, eine Spezialität, Aufschwung

Schon immer waren es lokale Leckerbissen, mit denen die japanische Küche prunken konnte. "Isson - Ippin - Undo" heißt die amtliche Parole: ein Dorf, eine Spezialität, Aufschwung. Und so zeigt das Eismuseum in Tokio dreihundert Sorten, die dem einheimischen Geschmack schmeicheln. Alle kann man im Internet bestellen. Da kommt aus der Provinz Nagoya das Bandnudelsuppen-Eis, aus einer anderen Ecke das Eis nach Art der gebratenen Auberginen. Eis von grünem Tee war immer schon beliebt. Aber Maroni-Eis und Süßkartoffel-Eis sind neuer. Ob das Knoblauch-Eis sich durchsetzen wird? Wenn jeder einmal zum Spaß probiert, hat es sich vielleicht für den Produzenten schon gelohnt.

Der japanische Weg in die Moderne hat die Neugier als Motor. Also nur zugelangt beim Haifischflossen-Suppen-Eis, beim Gegrillte-Hühnerflügel-Eis, beim Pferdefleisch-, Austern-, Krebs-, Shrimps- und Seetang-Eis und beim (Greenpeace, eine Sekunde weghören bitte!) Wal-Eis. In einem Monat, wenn die Temperaturen wieder auf erträgliche Maße sinken, wartet die nächste Spezialität: Dann kommt Panacotta auf den Tisch. In den einschlägigen Geschmackssorten, versteht sich.

Quelle: tak., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2004, Nr. 178 / Seite 29
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