08.02.2012 · Wie man nach einem schweren Fehler zurückkommen und die Zuneigung des Publikums wieder gewinnen kann. Ein kleiner Ratgeber in Sachen Wiederauferstehung.
Von Marcus Jauer1. Die meisten Menschen werden die Frage, ob sie ein Comeback brauchen, vermutlich zuerst einmal mit „ja“ beantworten. Entweder, weil ihnen in der letzten Zeit einige Dinge schwer misslungen sind, sie sich aufgrund widriger Umstände für unterschätzt halten oder den Eindruck haben, nicht mehr ganz der Alte zu sein. Sollten Sie zu diesen Menschen gehören, steht Ihnen hier leider eine Enttäuschung bevor. Denn das Gefühl, irgendwie weg vom Fenster zu sein, ist noch keine Voraussetzung für ein Comeback - ein Umstand, der jedem klar sein dürfte, der jemals nach einem langen Urlaub in eine leere Wohnung zurückgekehrt ist. Es genügt nicht, dass Sie weg waren, es muss auch jemandem auffallen. Nur wer schon einmal jemand war, kann auch wieder jemand sein. Dies trifft vor allem auf Leute zu, die in der Öffentlichkeit stehen, also eine Karriere gemacht haben, die in ein Amt, einen Hit oder einen Preis mündete oder wenigstens in eine Schlagzeile. Sollten Sie das bisher nicht vorweisen können, ist das kein Grund, die Lektüre an dieser Stelle abzubrechen. Selbstverständlich können auch Sie noch eine Karriere machen, die dann plötzlich zu Ende geht. Wenn Sie, um darauf vorbereitet zu sein, das Szenario daher gern mitspielen möchten, bietet es sich an, dass Sie sich einen Fehler vorstellen, den Sie sich nicht verzeihen und dessentwegen Sie am liebsten von sich selbst zurücktreten würden. Aber natürlich ist das nur eine Hilfskonstruktion, denn über die wichtigste Voraussetzung für ein Comeback verfügen Sie - von sich selbst einmal abgesehen - eben nicht: ein Publikum.
2. Als ein Mensch, der sein Leben an einem Erfolg ausrichtet, der ihm in irgendeiner Weise von einem Publikum verschafft werden kann, sollten Sie sich darüber klar werden, dass Sie mit diesem Publikum ein Verhältnis eingehen, das von diesem jederzeit und ohne Angabe von Gründen beendet werden kann, während Sie diese Möglichkeit als Normalmensch nicht haben. Das Publikum ist nach dem Ende des Verhältnisses immer noch das Publikum, Sie aber sind danach nichts mehr. Bis zu diesem Moment und aus Angst davor, dass er jemals eintritt, verpflichten Sie sich zur Lieferung von Auftritten, Reden, Liedern oder Filmen, die Ihnen bei Gefallen mit Wählerstimmen, Verkäufen, Auflage oder Quote bezahlt werden, ohne dass Sie einen Anspruch auf diese Aufmerksamkeiten hätten. Das führt bei vielen Leuten, die sich in diesem Bereich bewegen, zu einer steten Existenzangst, die vor allem bei den Anfängern der Branche deutlich zu sehen ist. Denken Sie hierbei nur an Ihren örtlichen Jungpolitiker, der Ihnen in der Einkaufsstraße von seinem Stand aus zulächelt. Wie am Ende der große Staatsmann steht er zuerst einmal nur für sich selbst, nur dass zwischen ihm und dem Staatsmann vierzig Jahre Arbeit liegen. Die Demütigung dieser Anfangsjahre, das Gefühl, sich den Leuten aufdrängen zu müssen, die Wut darüber, dass es noch nicht anders herum ist, werden von vielen Anfängern oft als eine Art Frondienst verstanden, der helfen soll, das immer schiefe Verhältnis zum Publikum später zu den eigenen Gunsten zu drehen. Machen Sie diesen Fehler bitte nicht. Es gibt kein Verhältnis mit dem Publikum, bei dem Ihnen das Publikum am Ende etwas schuldet. Sollten Sie das glauben, wird Sie bald die erste und womöglich letzte Bewährungsprobe ereilen, die es in dem Geschäft zu bestehen gilt: der Fehler.
3. Im Grunde ist es ganz egal, welche Art Fehler Ihnen unterläuft, es wird in jedem Fall ein Fehler sein, der aus dem Bild fällt, das Sie dem Publikum bislang von sich gezeichnet haben. Sonst wäre es kein Fehler. Wenn also herauskommt, dass Sie auf Ihren Fahrten von Wetterstation zu Wetterstation nebenbei mehreren Frauen die Ehe versprochen haben, ist das zwar kein schöner Zug. Es ist aber auch kein schöner Zug dienstlich erflogene Bonusmeilen für private Reisen zu benutzen oder anderer Leute Gedanken für die eigene Doktorarbeit zu zitieren, ohne zu sagen, dass es anderer Leute Gedanken sind. Schwierig wird es erst, wenn Sie sich bisher als perfekter Schwiegersohn gegeben haben, zu bieder waren, um zu mauscheln oder sich auf eine Tradition bezogen, der Ehre und Anstand etwas bedeuten. Nun stehen sie auf einmal als Hallodri da, als Schnäppchenjäger oder Trickser. Anders liegt der Fall, wenn Sie immer schon ein unzuverlässiger Trinker waren, bei dem es nicht verwundert, wenn er nun dabei erwischt wird, wie er eine Prostituierte für eine Sex-Party in den Schrank eines Hotelzimmers gesperrt hat. Der Fehler, der Ihnen unterlaufen ist, erzählt etwas über Sie, das Sie bislang erfolgreich verheimlichen konnten. Das ist immer unangenehm, aber in dem Moment, da er öffentlich wird, nicht mehr zu ändern. Die Frage ist nur noch, wie Sie damit umgehen.
4. Der natürliche Impuls desjenigen, der sich bei einem Fehler ertappt sieht, ist ihn abzustreiten oder zu vertuschen. Machen Sie auch das bitte nicht. Die Gefühle, die Sie nun, da in der Öffentlichkeit auf ganz andere Weise über Sie gesprochen wird, als Sie es bislang gewohnt waren oder angestrebt haben, bewegen, mögen Sie überwältigen. Sie können sich selbst bedauern, dass Ihnen ein großes Unrecht geschieht, da der aufgedeckte Fehler in Ihren Augen entweder keiner ist oder im Vergleich mit Ihrer Karriere verschwindet, für die Sie so hart gearbeitet haben. Sie können meinen, dass die betreffende Sache Ihre Privatangelegenheit ist, die Sie höchstens im Kreis Ihrer Familie besprechen als jenen Menschen, die Ihnen überhaupt nur zu verzeihen haben. Sie können auch vermuten, dass sich hinter all dem eine Intrige Ihrer Feinde verbirgt, die Ihnen Ihren Aufstieg neiden und die Presse nun für eine Hexenjagd anstacheln, die im Mittelalter auf dem Scheiterhaufen geendet hätte. Das können Sie alles finden, nur sagen dürfen Sie es nicht. Zumindest jetzt noch nichts. Denn im Moment ist Ihre Affäre, und die Zeitungen nennen sie ja schon so, in der Phase, in der Sie keine Stimme haben, weil das Publikum bestimmt, was es von Ihnen hören will. Das alles mag Ihnen noch wie der Auftakt zu einer längeren Auseinandersetzung mit Presse, Anwälten und Gegnern erscheinen, aber da irren Sie sich. Sie sind schon mittendrin. Wenn Sie jetzt zwischen all den hektischen Telefonaten, in denen Sie gerade noch versuchen, Ihre Karriere zu retten, keinen klaren Kopf bewahren, verspielen Sie bereits Ihre Chance auf ein Comeback.
5. Nun an hängt alles davon ab, wann und wie Sie sich zum ersten Mal zur Ihrer eigenen Affäre äußern. Hoffen Sie nicht darauf, dass ein plötzlich ausgebrochener Vulkan oder Krieg Sie retten wird. Versuchen Sie nicht, diesen einen wichtigen Moment zu umgehen. Er ist vielleicht der letzte, an dem Sie noch über sich selbst bestimmen können. Viele Betroffene glauben dabei, es hänge von der Art des Fehlers ab, wann Sie sich zu ihm äußern können. Manche müssen für kompliziert vergebene Kredite erst in ihren Bankunterlagen nachsehen, andere haben zwischen Fußnoten und Kleingedrucktem die Übersicht verloren. Nicht jeder ist einfach betrunken über eine rote Ampel gefahren und dabei von der Polizei gesehen worden. Lösen Sie sich trotzdem von dem Gedanken, Sie müssten tatsächlich jede kleine Verfehlung auflisten oder erklären können. Sollten Sie in diese Lage kommen, ist es für Sie ohnehin zu spät. Auch jene Teile des Publikums, die nie in der Situation waren, zu einer Nacht in einem Luxushotel oder zu einem Fußballspiel eingeladen worden zu sein, wissen, dass Fehler gerade nicht in dem Bewusstsein gemacht werden, sie nachher erklären zu müssen. Das ist das Missverständnis, das den meisten ersten Äußerungen der Betroffenen zugrunde liegt. Sie glauben, es gehe um den Fehler. Es geht nicht um den Fehler.
6. Jeder, der schon einmal vor einem Kind gestanden hat, das gerade eine Fensterscheibe eingeworfen hat, weiß, dass die Scheibe nicht wieder ganz wird,nicht ganz wird, indem er das Kind für seinen Fehler schimpft. Aber jeder wird hören wollen, dass das Kind weiß, dass es einen Fehler gemacht hat, um danach entscheiden zu können, wie sehr man seinen Fehler missbilligt. Wo der Stein lag und warum es nun genau dieses Fenster sein musste, ist dabei unerheblich. Wenn Sie sich also zu Ihrer Affäre einlassen, halten Sie sich nicht mit Kleinigkeiten auf, die es dem Publikum erschweren, sich ein Bild zu machen und nur den Eindruck hinterlassen, dass da noch mehr kommen könnte. Geben Sie stattdessen eine Erzählung, in welcher Situation Sie waren, wie Sie gedacht haben, was Ihre Ängste und Hoffnungen gewesen sind, da Ihnen dieser Fehler passiert ist. Nach den Angriffen der letzten Tage mögen Sie vielleicht denken, dass das Publikum von Ihnen als Person befremdet ist und nach Details giert, die Sie ihm nur noch fremder erscheinen lassen. Aber wenn Sie bis zu diesem Moment ein Publikum hatten, dann wird es erst einmal versuchen, Sie oder das Bild von Ihnen in dieser Geschichte wiederzuerkennen. Der Fehler ist erst einmal nur ein Fehler, entscheidend sind Sie und was Sie daraus machen. Es versteht sich daher von selbst, dass Sie deshalb die erste Erklärung persönlich abgeben müssen und sie nicht etwa an die recherchierenden Redaktionen faxen lassen. Journalisten sind, vor allem bei Affären, eitle Leute, sie lassen sich nicht gern etwas vorsetzen, das nicht hinterfragt werden kann. Legen Sie also alles auf den Tisch.
7. Bevor Sie ins Fernsehstudio oder in die Pressekonferenz gehen, sollten Sie sich selbstverständlich darüber im klaren sein, ob Sie zurücktreten wollen. Diese Entscheidung nimmt Ihnen niemand ab. Auch wenn Sie sich dabei mit Ihrer Frau oder Ihrem Mann beraten, hören Sie auf Ihre eigenes Gefühl. Sie werden mit dieser Entscheidung leben müssen. Als Hinweis kann dabei gelten, wie weit der Fehler, den Sie einzugestehen haben, von dem entfernt ist, wofür Sie bislang standen, und dem, was nun über Sie bekannt wurde. Es zeigt sich hier im Nachhinein immer, welch große Bürde Makellosigkeit sein kann. Das Publikum, lange erstaunt darüber, dass Ihnen in Ihrem Leben scheinbar alles so gut gelang, sieht sich nun in der Erkenntnis bestätigt, die es aus dem eigenen Leben kennt: dass nämlich doch nicht alles so einfach ist. Geben Sie dem Ärger, sich nun wieder auf Verhältnisse zurückgeworfen zu sehen, denen Sie eigentlich entkommen wollten, nicht nach. Zeigen Sie Demut und zeigen Sie sie nicht nur, sondern empfinden Sie sie auch. Natürlich läuft diese Verteidigung immer darauf hinaus, dass man eben Mensch ist und Fehler macht; aber zu einfach sollte Ihnen das nicht über die Lippen gehen. Auch der als Mensch im Publikum angesprochene Mensch weiß, dass eine Entschuldigung nur vom Anderen gewährt werden kann. Man kann sich nicht selbst entschuldigen. Das Publikum hat ein feines Gespür für diesen Unterschied. Machen Sie es also gleich beim ersten Mal richtig, Sie bekommen keine zweite Chance. Wenn Sie im Amt bleiben wollen, hängt alles davon ab, dass man Ihnen glaubt. Wenn Sie zurückkommen wollen, auch.
8. Lassen Sie nach der Äußerung einige Zeit vergehen, in der Sie sich nicht zu Wort melden. Sollten Sie im Amt bleiben wollen, zeigt sich hier schon die Schwierigkeit dieses Vorhabens. Haben Sie in Ihrer Position Gelegenheit, Auslandsreisen zu machen, tun Sie das. Vermeiden Sie auf jeden Fall die Formel, dass Sie verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen wollen. Handeln Sie. Stellen Sie sich. Zeigen Sie Ihre Demut. Sollte die Presse Sie weiter verfolgen, jedoch keine stichhaltig neuen Erkenntnisse zutage fördern, wird sich irgendwann eine Stimmung des Mitleids einstellen. Sogar ein amerikanischer Präsident kann eine Affäre zu einer Praktikantin überstehen, wenn er sich zur Ehrlichkeit entschlossen hat, so weit es die Geschmacksgrenzen zulassen, und dennoch weiter gejagt wird. Leichter fällt das Comeback allerdings, wenn Sie tatsächlich erst einmal weg sind. Sie müssen dazu nicht das Land verlassen, aber die Öffentlichkeit. Nehmen Sie sich eine wirkliche Auszeit, in der Sie sich mit gänzlich anderen Dingen beschäftigen, als Sie das bisher getan haben. Wenn Sie zurückkommen, dann werden nicht als der zurückkommen können, der Sie waren. Eine neue Frisur genügt dazu nicht, drei Monate Pause allerdings auch nicht. Sie müssen nachweisen können, dass Ihnen in der Zeit der inneren Einkehr ein Wissen zugewachsen ist, das nur demjenigen zu eigen ist, der zuerst da und dann weg war. Beides sind Eigenschaften, die Sie stets von Ihrem Publikum unterscheiden, und um das Publikum geht es schließlich immer. Wenn Sie sich nach einer Zeit dann zurückmelden, geben Sie ein Interview, lassen Sie sich für ein Buch befragen, aber vermeiden Sie den Eindruck, es gehe Ihnen nur um die Rückkehr. Sehen Sie sich eher als Verbannten, der von einer sehr langen Reise erzählen kann, bevor Sie sich wieder an die Arbeit machen.
9. Prüfen Sie sich zuvor allerdings, ob Sie das wirklich wollen. Die meisten Menschen würden sich für sich selbst immer ein Comeback wünschen. Außer einige von denen, die das alles schon einmal hatten.