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Zu viel Smartphone : Das totalitärste Produkt der Geschichte

Von der Wiege bis zur Bahre: Es gibt nur noch einen treuen Begleiter. Bild: dpa

Handys nehmen uns unser Geld, Energie und die klaren Sinne: Was wir brauchen, sind extradigitale Zonen und eine staatliche Sanktionierung der Surfzeit.

          Handys: Sie nehmen uns unser Geld, sie fesseln unsere Sinne, lassen uns müde werden, unkonzentriert, unzufrieden, ausgekühlt. Mitten in der Nacht leuchten sie auf, reißen uns aus dem Schlaf. Den Vorsatz, unsere Telefone abends auszustellen oder in den Kühlschrank zu legen, haben wir ungefähr so oft gebrochen wie den Schwur, weniger Kaffee zu trinken oder uns mehr um die Eltern zu kümmern. Handys töten auch: Mehr als die Hälfte aller Verkehrsunfälle gehen inzwischen auf ihr Konto, weil wir am Autosteuer, am Fahrradlenker oder am Zebrastreifen Blick und Ohr nicht von ihnen lassen können. Kinder ertrinken, weil Eltern ihre Kurznachrichten kontrollieren, Menschen verbluten, weil Passanten zuerst die Handykamera anschalten und dann Erste Hilfe leisten. Banken werben unterdessen damit, dass ihre Kunden jederzeit den Kontostand abfragen können.

          In einem neuen Werbefilm der UBS sitzt ein junger Mann müde und gelangweilt in einer morgendlichen Sitzung; er zieht sein Telefon mit der inzwischen üblich gewordenen, leicht verschämten, aber doch selbstverständlichen Geste unter dem Tisch hervor. Der Blick fällt auf den Bildschirm und leuchtet auf: Gewinne, Einnahmen, Saldotop – der Tag ist gerettet und alle Müdigkeit verflogen. Der Slogan beschwichtigt: „Man muss nicht jederzeit den Kontostand checken. Trotzdem schön, dass es so einfach geht.“ Schon wieder „schön“? Nicht eher gesundheitsgefährdend und seelenzerstörend?

          Von keine Droge werden wir mehr beherrscht

          Mit Risiken und Nebenwirkungen behaftet, die kein Apotheker einschätzen kann? Was macht das mit uns, dass wir von morgens bis nachts, von der Wiege bis zur Bahre, nur noch den einen treuen Begleiter kennen? Wir lassen uns von ihm wecken, zum Sport antreiben, die Kilometer zählen, die Katastrophen-Nachrichten anzeigen, die schnellste Zugverbindung raussuchen, die Termine des Tages festlegen, den Medikationsplan speichern, das Abendessen bestellen, die Geburtstage unserer Geschwister erinnern und bei Bedarf auch den geeigneten Liebespartner für die Nacht raussuchen. Und wenn unser Großvater stirbt, dann machen wir ein Handyfoto vom Totenbett und schicken es in die Welt.

          Das Handy: Es scheint zwar ganz unterwürfig in unserer Hand zu liegen, in Wahrheit sind wir fest in seiner – von keiner Ideologie, keiner Droge werden wir mehr beherrscht. Auf seinem Display wird uns der Bundesligaaufstieg des Lieblingsvereins ebenso angezeigt wie die Krebserkrankung des besten Freundes, die Tageslosung gleich nach dem BDMS-Porno. Das totalitärste Produkt der Menschheitsgeschichte: das Mobiltelefon. Wenn jetzt der Lehrerverband schüchtern ein Handyverbot für Schüler unter vierzehn fordert, ist das ein Tröpfchen auf den schon völlig überhitzten Stein. Und dass die Bahn kein Geld fürs digitale Vollschienennetz hat, hilft auch nicht weiter. Was wir brauchen, sind extradigitale Zonen, mobilfreie Straßen und eine staatliche Sanktionierung der Surfzeit. Sonst verbrennen wir weiter, jeden Tag ein bisschen mehr.

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