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Slowakei Warten auf das Sommermärchen

15.06.2010 ·  Die Fesseln des Nationalismus abschütteln: Die Slowakei möchte der mentalen und politischen Stagnation der letzten Jahre entkommen. Die Stimmung vor dem heutigen ersten Auftritt bei der Fußball-WM ist euphorisch.

Von Michael Hvorecký
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In den letzten vier Jahren habe ich mich oft wieder geschämt zu sagen, dass ich aus der Slowakei komme. Die Charmeoffensive meiner Heimat vom Anfang des Jahrhunderts war längst vorbei. Die rechtsextreme Slowakische Nationalpartei (SNS), stolzes Mitglied der Regierungskoalition unter dem sozialdemokratischen Premier Robert Fico, hetzte heftig gegen die ungarische Minderheit und belastete die Beziehungen zum südlichen Nachbarn schwer. Eine Destabilisierung durch neue ethnische Konflikte in seiner Mitte braucht Europa am allerwenigsten.

Doch SNS-Chef Ján Slota nennt die 600 000 Roma in der Slowakei „Parasiten“, seine rassistischen Wahlplakate wurden verboten. Nach dem triumphalen Wahlsieg von Viktor Orbán in Ungarn dürfen nun auch die rechtsextremen Großungarn-Träumer der Jobbik in Budapest mitregieren. Diese beiden Länder mit ihrer langen, komplizierten Geschichte haben nicht nur politisch viel gemeinsam: Der noch 2005 als „mitteleuropäischer Tiger“ bezeichnete Wirtschaftsstandort Slowakei befindet sich heute auf dem ungarischen Weg zur extremen Verschuldung und zum Staatsbankrott. Ein Dutzend Minister musste wegen Korruptionsskandalen ihr Amt aufgeben.

Die Aggression richtet sich gegen Juden, Roma, Schwule und Lesben

Statt sich offen der eigenen Geschichte zu stellen, träumte der linkspopulistische slowakische Premierminister Fico vom neuen Selbstbewusstsein der „alten Slowaken“, einer fiktiven slawischen „Ur-Nation“ des jungen Landes, und setzte das „Heimatliebe-Gesetz“ durch, mit dem die Staatssymbole wie die Nationalflagge und die Hymne unter anderem in den Schulen gestärkt werden sollen. Drei Populisten in einer Regierung haben durch nationalistische Äußerungen die Macht der Rechten gestärkt.

Am 19. Mai, beim ersten Gay Pride in Bratislava, hatten Hunderte Neonazis die slowakische Hauptstadt besetzt, den friedlichen, fröhlichen Marsch gestoppt und gewalttätig angegriffen. Da es kaum Zuwanderung gibt, richtet sich die Aggression gegen die vorhandenen Minderheiten: Roma, Juden, Schwule und Lesben.

70 000 Euro in zwei Wochen für Wahlplakate eingesammelt

Europa verstand die Slowakei nicht mehr, und viele Slowaken vertrauten Europa nicht. Es schien, als könne es zu einer neuen, dauerhaften Teilung des Kontinents kommen. Ich fühlte mich wie ein Fremder im eigenen Land, wie ein Verlierer. Wie können in meiner Heimat mit dem nach wie vor schnellsten Wirtschaftswachstum in der EU die Postkommunisten herrschen, die die Zeit vor 1989 verklären? Oft habe ich versucht, meine deutschen Freunde über diese gefährliche politische Fehlentwicklung aufzuklären, die allerdings im Westen kaum wahrgenommen wird.

Mit der extremen Korruption und dem aggressiven Wahlkampf von Seiten der Koalition begann auch der Widerstand dagegen. Die Empörung vieler Bürger wurde ungeheuer groß. Geschichte schrieb vor allem der Kult-Karikaturist Shooty, der mit seinen meisterhaften ironischen Aufzeichnungen in der Tageszeitung „SME“ den slowakischen Alltag kommentiert. Innerhalb von zwei Wochen sammelte er von freiwilligen Helfern über 70 000 Euro für Großplakate, auf denen er die Wähler humorvoll motivierte. Dies könnte eine neue Ära der außerparteilichen politischen Werbung einläuten.

Demnächst könnte eine Frau an der Spitze des Landes stehen

Sicher auch dank Shooty hat Ficos Regierungskoalition am Samstag in der Nationalratswahl schwere Verluste erlitten, allen Prognosen zum Trotz. Die Quasi-Sozialdemokraten sind zwar immer noch klar die stärkste Partei, doch für eine Regierung genügt es nicht. Der große Redner Fico hatte mit seinem Funktionärsgehabe und dem oberflächlichen Medien-Hass vor allem junge Leute abgestoßen. Auch die extremen Nationalisten erlitten eine schmerzliche Niederlage. Die Volkspartei HZDS des langjährigen Premiers Vladimír Meiar versank in der Bedeutungslosigkeit.

Zwanzig Jahre nach der Wende könnte demnächst endlich eine Frau an der Spitze des Landes stehen. Die Soziologin Iveta Radiová führt die konservativen Demokraten und will das Spar- und Stabilitätsprogramm fortsetzen. Sie siegte mit ihrem Plan zur nachhaltigen Sanierung des maroden Staatshaushalts und zur effektiven Bekämpfung der Korruption. Auch zwei neue, eher liberal ausgerichtete Parteien kamen mit sensationellen Stimmengewinnen in den Nationalrat. „Most-Híd“ (Brücke) von Béla Bugár konzentriert sich auf ein multikulturelles Zusammenleben und findet auch Unterstützung bei Slowaken, die vom Pseudokonflikt der Nachbarstaaten langsam die Nase voll haben.

Sonst landen alle unsere Krankenschwestern in Deutschland

Und Richard Sulík erlangte mit seiner erst vor einem Jahr gegründeten neoliberalen Gruppierung „Sloboda a Solidarita“ (Freiheit und Solidarität) aus dem Stand einen Stimmenanteil von mehr als zwölf Prozent. Der medienbewusste Unternehmer ist in der Internet-Community zu Hause und hat sich wie kein anderer in sozialen Netzwerken etabliert.

Alle Oppositionellen haben klar erklärt, nicht mit dem sozialdemokratischen Parteichef Fico zusammenarbeiten zu wollen. Vier ziemlich unterschiedliche Parteien wollen nun mit ihrem Willen zur Macht einen Kompromiss finden und bald eine Koalition der rechten Mitte formen. Das Land in der Krise braucht dringend eine Vereinfachung des Steuersystems, den Aufbau einer Ökonomie des Wissens, eine effektivere Staatsverwaltung und eine bessere Stellung vor allem von Lehrern und Mitarbeitern des Gesundheitswesens – sonst landen wirklich alle unsere Krankenschwestern in Deutschland. Viele sprechen von einem Kurswechsel, die Stimmung ist nach Jahren der Tristesse wieder euphorisch.

Und kicken können wir auch

Und noch dazu hat sich die Slowakei erstmals für die Weltmeisterschaft qualifiziert. Fußball ist seit Jahren in der Popularitätsskala auf dem Vormarsch, hat fast den Rang der nationalen Passion Eishockey erreicht. Insbesondere mit dem Verteidiger Martin Škrtel vom FC Liverpool, dem Mittelfeldspieler Marek Hamšík aus Neapel und den Bundesliga-Stürmern Stanislav Šesták und Ján Urica hat sich der junge Kader in den letzten Jahren rapide verstärkt. Wir warten auf ein slowakisches Sommermärchen.

Im achtzehnten Jahrhundert hat der slowakische Abenteurer und Bestsellerautor des Barock Moritz Graf von Benjowski die Insel Madagaskar erobert. Er war ein Außenseiter, doch mit viel Geschick wurde er zum König. Auch mit der Erinnerung an ihn debütieren die Slowaken in Südafrika. Mein Land ist wieder im Spiel.

Der Schriftsteller und Journalist Michal Hvorecký, geboren 1976 in Bratislava, veröffentlichte zuletzt 2009 den Roman „Eskorta“

Quelle: F.A.Z.
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