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Slowakei Warten auf das Sommermärchen

Die Fesseln des Nationalismus abschütteln: Die Slowakei möchte der mentalen und politischen Stagnation der letzten Jahre entkommen. Die Stimmung vor dem heutigen ersten Auftritt bei der Fußball-WM ist euphorisch.

© AFP Vergrößern So viele Vergangenheiten: Das Land würde jetzt gerne in die Zukunft aufbrechen und den Reformstau überwinden

In den letzten vier Jahren habe ich mich oft wieder geschämt zu sagen, dass ich aus der Slowakei komme. Die Charmeoffensive meiner Heimat vom Anfang des Jahrhunderts war längst vorbei. Die rechtsextreme Slowakische Nationalpartei (SNS), stolzes Mitglied der Regierungskoalition unter dem sozialdemokratischen Premier Robert Fico, hetzte heftig gegen die ungarische Minderheit und belastete die Beziehungen zum südlichen Nachbarn schwer. Eine Destabilisierung durch neue ethnische Konflikte in seiner Mitte braucht Europa am allerwenigsten.

Doch SNS-Chef Ján Slota nennt die 600 000 Roma in der Slowakei „Parasiten“, seine rassistischen Wahlplakate wurden verboten. Nach dem triumphalen Wahlsieg von Viktor Orbán in Ungarn dürfen nun auch die rechtsextremen Großungarn-Träumer der Jobbik in Budapest mitregieren. Diese beiden Länder mit ihrer langen, komplizierten Geschichte haben nicht nur politisch viel gemeinsam: Der noch 2005 als „mitteleuropäischer Tiger“ bezeichnete Wirtschaftsstandort Slowakei befindet sich heute auf dem ungarischen Weg zur extremen Verschuldung und zum Staatsbankrott. Ein Dutzend Minister musste wegen Korruptionsskandalen ihr Amt aufgeben.

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Die Aggression richtet sich gegen Juden, Roma, Schwule und Lesben

Statt sich offen der eigenen Geschichte zu stellen, träumte der linkspopulistische slowakische Premierminister Fico vom neuen Selbstbewusstsein der „alten Slowaken“, einer fiktiven slawischen „Ur-Nation“ des jungen Landes, und setzte das „Heimatliebe-Gesetz“ durch, mit dem die Staatssymbole wie die Nationalflagge und die Hymne unter anderem in den Schulen gestärkt werden sollen. Drei Populisten in einer Regierung haben durch nationalistische Äußerungen die Macht der Rechten gestärkt.

Slowakei-Medvedev © AP Vergrößern April 2010: der russische Präsident Medwedew feiert mit den Slowaken 65 Jahre Befreiung von den Nationalsozialisten

Am 19. Mai, beim ersten Gay Pride in Bratislava, hatten Hunderte Neonazis die slowakische Hauptstadt besetzt, den friedlichen, fröhlichen Marsch gestoppt und gewalttätig angegriffen. Da es kaum Zuwanderung gibt, richtet sich die Aggression gegen die vorhandenen Minderheiten: Roma, Juden, Schwule und Lesben.

70 000 Euro in zwei Wochen für Wahlplakate eingesammelt

Europa verstand die Slowakei nicht mehr, und viele Slowaken vertrauten Europa nicht. Es schien, als könne es zu einer neuen, dauerhaften Teilung des Kontinents kommen. Ich fühlte mich wie ein Fremder im eigenen Land, wie ein Verlierer. Wie können in meiner Heimat mit dem nach wie vor schnellsten Wirtschaftswachstum in der EU die Postkommunisten herrschen, die die Zeit vor 1989 verklären? Oft habe ich versucht, meine deutschen Freunde über diese gefährliche politische Fehlentwicklung aufzuklären, die allerdings im Westen kaum wahrgenommen wird.

Mit der extremen Korruption und dem aggressiven Wahlkampf von Seiten der Koalition begann auch der Widerstand dagegen. Die Empörung vieler Bürger wurde ungeheuer groß. Geschichte schrieb vor allem der Kult-Karikaturist Shooty, der mit seinen meisterhaften ironischen Aufzeichnungen in der Tageszeitung „SME“ den slowakischen Alltag kommentiert. Innerhalb von zwei Wochen sammelte er von freiwilligen Helfern über 70 000 Euro für Großplakate, auf denen er die Wähler humorvoll motivierte. Dies könnte eine neue Ära der außerparteilichen politischen Werbung einläuten.

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