02.11.2009 · Hat noch jemand etwas zu sagen zur Sloterdijk-Honneth-Debatte? Grundsätzlich ist man sich einig, dass die Debatte nicht existiert, und dennoch führt man sie munter weiter. Jetzt hat sich der Populär-Philosoph Richard David Precht zu Wort gemeldet. Er wirft gleich das große Ganze der Philosophie in die Waagschale.
Von Christian GeyerZu der Sloterdijk-Honneth-Menke-Bohrer-Seel-Debatte mag man der Meinung sein, dass nichts mehr zu sagen bleibt. Aber warum hält man dann nicht einfach den Mund, geht einkaufen oder mit seinen Kindern spielen? Richard David Precht, hervorgetreten weniger als Philosoph denn als Bestsellerautor zu überpsychologisierten Sujets wie dem Ich oder der Liebe, findet die Auseinandersetzung um Sloterdijks zentrale These „Geben ist seliger als nehmen“ nicht weiter wichtig, gibt aber genau dieses Nicht-weiter-wichtig-Finden dem „Spiegel“ noch einmal gewichtig zu Protokoll.
Abgestanden sei die ganze Debatte, „aber sie hat gleichwohl etwas zu sagen. Ihre Pointe liegt nicht im Inhalt, sondern in der Form. Sie ist bezeichnend dafür, wie es um die Lage der Philosophie in Deutschland bestellt ist.“ Ein bisschen fühlt man sich da wie früher bei den aufreibenden Diskussionen in der Schülermitverwaltung (SMV), in denen irgendwann immer einer, der bis dahin geschwiegen hatte, das Wort ergriff, um die Diskussion zum Symptom „für die Lage der Schule in Deutschland“ zu erklären. Da war man im verrauchten SMV-Büro regelmäßig erleichtert: Endlich jemand, der hier frische Luft reinlässt, dachte man sich, obwohl eine billigere Art, mit Lageberichten zu beeindrucken, ja kaum denkbar ist. Nun ruft mit großer Wisch-und-weg-Gebärde also auch Richard David Precht dazwischen: Bitte nicht um Kleinigkeiten streiten, wo doch die Lage im Ganzen im Argen liegt!
Natürlich kann man sich fragen, was es bedeutet, wenn Sloterdijks philologische Aufbrezelungen als Philosophie wahrgenommen werden. Da liegt tatsächlich der Pferdefuß dieser „nicht existenten Debatte“ (Martin Seel), zu der sich künftig lieber Steuerrechtler zu Wort melden sollten, damit noch eine rechtschaffene Debatte daraus wird. Dass Deutschland - anders als der englischsprachige Raum - keine ausgeprägte Tradition des populären Philosophierens hat, ist wahr. Aber es gibt Erfolgsautoren wie Peter Bieri oder Rüdiger Safranski, die den existentiellen Ernst des philosophischen Fragens mit einem hohen Unterhaltungswert zu verbinden wissen. Soll als Lagebericht nur heißen: Um unser Land ist's nicht schlecht bestellt. Auch in Deutschland gibt es gute populäre Alternativen zu den schäumend philosophierenden Harlekinen.