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Veröffentlicht: 17.02.2015, 12:40 Uhr

Slavoj Žižek & Byung-Chul Han Der Ruf auf die Barrikaden erreicht nur noch Nervenbündel

Mit philosophischen Platzpatronen gegen die Konsum- und Kommunikationsgesellschaft: Slavoj Žižek und Byung-Chul Han attackieren die liberale Demokratie als das Grundübel unserer Zeit.

von Martin Altmeyer und Martin Dornes
© Marcin Kalinski/laif Irgendwo zwischen Philosophie- und Popkultur-Superstar: Slavoj Žižek

Die islamistischen Angriffe auf New York, Madrid, London und nun auch Paris haben eine kritische Selbstbefragung des Westens ausgelöst. Wer sind wir, dass sie uns so hassen? Zunehmend gerät die kapitalistische Moderne, die von den Religionskriegern wegen ihrer todeswürdigen Gottlosigkeit, spirituellen Leere und sittlichen Dekadenz attackiert wird, auch von innen unter Beschuss. Radikale Systemkritik ist angesagt. Während die Rechte mit völkischen Parolen gegen die multikulturelle Einwanderungsgesellschaft auf die Straße geht, nimmt man auf der Linken die liberale Demokratie ins Visier, um sich das eigene antikapitalistische Weltbild zu bestätigen.

„Wer nicht kritisch über die liberale Demokratie reden will, der soll auch über den religiösen Fundamentalismus schweigen.“ Mit diesem Resümee beendet Slavoj Žižek einen Essay über die Seelenlage der Terroristen, den gleich mehrere europäische Zeitungen, unter anderen „Die Zeit“, abgedruckt haben. Der Verweis auf Max Horkheimers berühmte Formel von 1939, wer vom Kapitalismus nicht reden wolle, solle auch vom Faschismus schweigen, zeigt, wohin die Reise geht: Neben anderen Übeln der Welt, so der slowenische Theorieberserker in seiner von Marx, Nietzsche und Lacan inspirierten Tiefendeutung, hat der globalisierte Kapitalismus natürlich auch den Islamismus als sein Anderes erst hervorgebracht.

Gegengift zur Leidenschaft

Kein Wunder also, dass Žižek den Aufstieg des Islamofaschismus mit dem Abstieg der säkularen Linken in den islamischen Ländern zusammenbringt, genauso wie er den Aufstieg des deutschen Faschismus dem Versagen der Linken in der Weimarer Republik anlastet, die nicht radikal genug gewesen sei, die Revolution zu machen - als ob es nicht gerade die revolutionäre Linke gewesen wäre, die im Verein mit der revolutionären Rechten tatsächlich die erste deutsche Demokratie geschwächt hatte.

Als Gegengift gegen die radikalislamistische Leidenschaft empfiehlt Žižek einen leidenschaftlichen Linksradikalismus, um dann dem ideologisch erschlafften Westen wie seinen Gegnern gehörig die Leviten zu lesen: Der saftlose Liberalismus des reichen Westens hat nicht einmal ein ordentliches Überlegenheitsgefühl zustande gebracht. Damit hat er sogar die armen Terroristen angesteckt, die „sich insgeheim selbst für unterlegen halten“, weil sie unbewusst bloß neidisch auf den Reichtum des Westens sind und zudem vom heiligen Ernst ihrer Sache nicht wirklich überzeugt. Ihn stört deshalb auch keineswegs, dass die religiösen Fundamentalisten die Zentren des Kapitals angreifen, sondern dass sie es mit dem falschen - nämlich nicht linksrevolutionären - Bewusstsein und ohne die nötige Überzeugung tun. Über Selbstzweifel aber muss der wahre Fundamentalist erhaben sein, wie der bekennende Salonbolschewist gelegentlich selber demonstriert. Von eigenen Selbstzweifeln nicht angekränkelt, schwärmt er mitunter von der „inneren Größe des Stalinismus“ oder hält der von ihm bewunderten chinesische Kulturrevolution lediglich vor, dass sie letzten Endes dem Kapitalismus in China den Weg geebnet habe.

Theoriefundament der Achtundsechziger

Dass der Kapitalismus zum Faschismus führt, gehörte bereits zu den festen Überzeugungen im Theoriefundament der Achtundsechziger-Bewegung; sie konnte oder wollte damals noch nicht wissen, dass auch die faschistische Massenbewegung von einem antisemitisch kontaminierten Antikapitalismus beseelt war, der sich gegen den „Geldjuden“ richtete. Diese Gewissheit bildete den Glutkern jener sozialrevolutionären Hypermoral, die manche bis in den linksterroristischen Irrsinn der Rote-Armee-Fraktion, der Brigate Rosse oder der Action directe trieb. Weil nach dem „roten Jahrzehnt“ (Gerd Koenen) versäumt wurde, sich den fatalen Implikationen des eigenen Weltbilds zu stellen, ließ sich die bereits moralisch imprägnierte Kapitalismuskritik radikalphilosophisch weiter vertiefen und einem zeitdiagnostischen Katastrophendiskurs einfügen, der mit seinem Totalitätsanspruch nun das Rechte im Linken bedient.

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