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Skandal in Bayreuth Es kracht: Warum Evgeny Nikitin nicht singen darf

Evgeny Nikitin hat eine tolle Wagnerstimme: Die Idealbesetzung für den „Fliegenden Holländer“. Jetzt aber wird ihm eine Jugendsünde zum Verhängnis, seine Tätowierungen mit Hakenkreuz und SS-Runen. Doch versagt hat nicht der russische Sänger, versagt haben, wieder einmal, die Festspiele.

Jeder Sänger, der die Stimme dazu hat, Wagner zu singen, träumt davon, eines Tages in Bayreuth aufzutreten. Warum? Weil diese paar Quadratmeter Bühnenboden im Fränkischen authentisch sind.

Bayreuth ist Mythos. So sieht das auch Bassbariton Evgeny Nikitin. Nikitin hat eine tolle Wagnerstimme: kraftvoll, energiegeladen, farbenreich. Er verfügt über eine auratische Bühnenpräsenz: magisch, schwarz, sophisticated. Kurzum: Die

Idealbesetzung eines „Fliegenden Holländers“. In Bayreuth aufzutreten, erklärte Nikitin am Freitagabend im „aspekte“-Magazin, sei für ihn „a big deal“.

Jetzt ist der Traum aus, Nikitin abgereist. Bayreuths Intendantinnen wechselten ihn wenige Tage vor der Premiere, nach acht Wochen Probenzeit, aus gegen den südkoreanischen Bariton Samuel Youn, der die Partie ebenfalls drauf hat und praktischerweise sowieso schon auf dem Hügel weilte. Auslöser des Eklats sollen ein Zeitungsartikel sowie besagte „aspekte“-Sendung gewesen sein, die Filmaufnahmen aus Nikitins früherem Leben als Heavy-Metal-Schlagzeuger zeigte: Sein Oberkörper ist verziert mit Tattoos. SS-Runen und ein handtellergroßes Hakenkreuz.

Körperbemalung war bekannt

Bayreuths Chefinnen gaben sich überrascht. Sie ließen ausrichten, man engagiere Sänger nach Stimme und überprüfe nicht, was einer so unterm Hemd trage. Allerdings müsse nunmehr, schon wegen Bayreuths nationalsozialistischer Verstrickung in der Vergangenheit, sensibel „Haltung“ bezogen werden. Nikitin selbst, erklärte Pressesprecher Emmerich, habe das eingesehen und nach dem Gespräch mit den Damen den Rücktritt angeboten. Es gibt etliche Hinweise darauf, dass diese offizielle Version nur die halbe Wahrheit ist.

Unbekannt war Nikitins Körperbemalung den Festspielen jedenfalls nicht. Hatte man ihm nicht in den Werkstätten ein Holländer-Kostüm auf den Leib geschneidert? Waren die Tattoos nicht Thema in diversen Interviews gewesen? Und hatten die Festspiele nicht schon vor einem Jahr, im Vorfeld der Neuinszenierung, eine Fotodokumentation all seiner Tattoos bei Nikitin erbeten? Bei der Hauptprobe letzte Woche wunderten sich dann die geladenen TV-Journalisten: Kein einziges Szenenfoto mit dem Titelhelden wurde freigegeben: „Holländer“ ja bitte, aber ohne „Holländer“. Falls es zu diesem Zeitpunkt (oder früher) schon beschlossen war, den Sänger auszuwechseln, kann der lancierte Skandal nur Berechnung genannt werden, oder, schlimmer: Zynismus.

Eine Jugendsünde. Sagt Nikitin. Er sei ein rebellierender russischer Teenager gewesen, wie viele, erklärt dazu die russische Autorin Anastasia Boutsko: „Nie war er ein Neo-Nazi“. Diese deutschen Nazi-Symbole waren ein Tabu auch und gerade in Russland, es habe kein besseres Mittel gegeben, um Klassenlehrer und Eltern auf die Palme zu bringen. Und: „Ein Hakenkreuz in Russland anno 1990 ist nicht gleich einem Hakenkreuz in Deutschland 2012“.

Bayreuths Doppelzunge

Versagt hat nicht der russische Sänger. Versagt haben, wieder einmal, die Festspiele. Auch noch 2012 ist der Mythos Bayreuth ein kranker Mythos, voller Flecken. Solange jedenfalls, wie noch Brekerbüsten im Park herumstehen, solange, wie die Familie der Wagners Briefe unter Verschluss hält und die Aufarbeitung ihrer braunen Vergangenheit extern an Wissenschaftler delegiert; solange, wie man verdruckst, verkorkst mit doppelter Zunge spricht und taktiert: Solange wird es in Bayreuth immer wieder hässlich stinken und krachen.

Quelle: F.A.Z.

 
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