http://www.faz.net/-gqz-71j00

Skandal in Bayreuth : Es kracht: Warum Evgeny Nikitin nicht singen darf

Evgeny Nikitin hat eine tolle Wagnerstimme: Die Idealbesetzung für den „Fliegenden Holländer“. Jetzt aber wird ihm eine Jugendsünde zum Verhängnis, seine Tätowierungen mit Hakenkreuz und SS-Runen. Doch versagt hat nicht der russische Sänger, versagt haben, wieder einmal, die Festspiele.

          Jeder Sänger, der die Stimme dazu hat, Wagner zu singen, träumt davon, eines Tages in Bayreuth aufzutreten. Warum? Weil diese paar Quadratmeter Bühnenboden im Fränkischen authentisch sind.

          Eleonore Büning

          Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.

          Bayreuth ist Mythos. So sieht das auch Bassbariton Evgeny Nikitin. Nikitin hat eine tolle Wagnerstimme: kraftvoll, energiegeladen, farbenreich. Er verfügt über eine auratische Bühnenpräsenz: magisch, schwarz, sophisticated. Kurzum: Die

          Idealbesetzung eines „Fliegenden Holländers“. In Bayreuth aufzutreten, erklärte Nikitin am Freitagabend im „aspekte“-Magazin, sei für ihn „a big deal“.

          Jetzt ist der Traum aus, Nikitin abgereist. Bayreuths Intendantinnen wechselten ihn wenige Tage vor der Premiere, nach acht Wochen Probenzeit, aus gegen den südkoreanischen Bariton Samuel Youn, der die Partie ebenfalls drauf hat und praktischerweise sowieso schon auf dem Hügel weilte. Auslöser des Eklats sollen ein Zeitungsartikel sowie besagte „aspekte“-Sendung gewesen sein, die Filmaufnahmen aus Nikitins früherem Leben als Heavy-Metal-Schlagzeuger zeigte: Sein Oberkörper ist verziert mit Tattoos. SS-Runen und ein handtellergroßes Hakenkreuz.

          Körperbemalung war bekannt

          Bayreuths Chefinnen gaben sich überrascht. Sie ließen ausrichten, man engagiere Sänger nach Stimme und überprüfe nicht, was einer so unterm Hemd trage. Allerdings müsse nunmehr, schon wegen Bayreuths nationalsozialistischer Verstrickung in der Vergangenheit, sensibel „Haltung“ bezogen werden. Nikitin selbst, erklärte Pressesprecher Emmerich, habe das eingesehen und nach dem Gespräch mit den Damen den Rücktritt angeboten. Es gibt etliche Hinweise darauf, dass diese offizielle Version nur die halbe Wahrheit ist.

          Unbekannt war Nikitins Körperbemalung den Festspielen jedenfalls nicht. Hatte man ihm nicht in den Werkstätten ein Holländer-Kostüm auf den Leib geschneidert? Waren die Tattoos nicht Thema in diversen Interviews gewesen? Und hatten die Festspiele nicht schon vor einem Jahr, im Vorfeld der Neuinszenierung, eine Fotodokumentation all seiner Tattoos bei Nikitin erbeten? Bei der Hauptprobe letzte Woche wunderten sich dann die geladenen TV-Journalisten: Kein einziges Szenenfoto mit dem Titelhelden wurde freigegeben: „Holländer“ ja bitte, aber ohne „Holländer“. Falls es zu diesem Zeitpunkt (oder früher) schon beschlossen war, den Sänger auszuwechseln, kann der lancierte Skandal nur Berechnung genannt werden, oder, schlimmer: Zynismus.

          Eine Jugendsünde. Sagt Nikitin. Er sei ein rebellierender russischer Teenager gewesen, wie viele, erklärt dazu die russische Autorin Anastasia Boutsko: „Nie war er ein Neo-Nazi“. Diese deutschen Nazi-Symbole waren ein Tabu auch und gerade in Russland, es habe kein besseres Mittel gegeben, um Klassenlehrer und Eltern auf die Palme zu bringen. Und: „Ein Hakenkreuz in Russland anno 1990 ist nicht gleich einem Hakenkreuz in Deutschland 2012“.

          Bayreuths Doppelzunge

          Versagt hat nicht der russische Sänger. Versagt haben, wieder einmal, die Festspiele. Auch noch 2012 ist der Mythos Bayreuth ein kranker Mythos, voller Flecken. Solange jedenfalls, wie noch Brekerbüsten im Park herumstehen, solange, wie die Familie der Wagners Briefe unter Verschluss hält und die Aufarbeitung ihrer braunen Vergangenheit extern an Wissenschaftler delegiert; solange, wie man verdruckst, verkorkst mit doppelter Zunge spricht und taktiert: Solange wird es in Bayreuth immer wieder hässlich stinken und krachen.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Der Hörsaal-Roboter Video-Seite öffnen

          „Pepper“ : Der Hörsaal-Roboter

          An der Philipps-Universität in Marburg nimmt ein Roboter den Platz des Dozenten ein. Die Studierenden stört das nicht.

          Topmeldungen

          Facebook-Post von Hildmann: „Ein Bild mit einer Pumpgun beim Sportschießen ist noch lange keine Gewaltandrohung“, sagt er.

          Vegan-Koch Attila Hildmann : „Wir werden ja sehen, ob ich ausraste“

          Der Vegan-Koch Attila Hildmann schreibt, dass er einer kritischen Journalistin gerne Pommes „in die Visage gestopft“ hätte. Dann lädt er sie und ihre Kollegen zum Essen ein – dazu stellt er ein Foto, das ihn mit Schusswaffe zeigt. Was soll das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.