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Situation in Griechenland Land unter

Die Rettung Griechenlands ist zum Experiment darüber geworden, was eine Gesellschaft alles aushalten kann, bevor sie zerbricht. Die Ergebnisse bisher: In der Stadt regt sich Solidarität, auf dem Land zeigt sich Egoismus.

© AFP Vergrößern Doppelte Demonstration: Griechische Bauern verteilen kostenlos Obst und Gemüse, um gegen gestiegene Kosten zu protestieren

Er trägt Lederschuhe, Jeans und eine Wildlederjacke über dem weißen Hemd. Das graue Haar ist akkurat frisiert. Er könnte auf dem Weg ins Büro sein, zurück von einem Termin, aber das ist er nicht. Er ist jemand, der sich über eine kostenlose warme Mahlzeit freut. Er steht wie festgewurzelt auf einem der zahlreichen Athener Plätze. Eine Gruppe Arbeitsloser verteilt Bohnenmus mit Reis. Der Kessel, aus dem sie das Essen schöpfen, ist beinahe leer. Es dauert eine Weile, bis sich der Mann in der Wildlederjacke nähert, den Kopf gesenkt, die Schritte eilig. Er nimmt eine Schale und verschwindet so rasch, wie er gekommen war.

Melanie Mühl Folgen:  

Georg hat die Zeit der Scham bereits hinter sich gebracht. Scham ist in Krisenzeiten kein nützlicher Ratgeber. Er steht neben dem Kessel mit dem Bohnenmus und sagt: „Wir verarmen und Europa schaut einfach zu.“ Es sei ja nicht so, dass es keine reichen Griechen mehr gebe, „aber die haben ihre Konten in der Schweiz“.

Georg ist 52 Jahre alt, ein großer, gepflegter Mann, der aussieht, als könne ihn nichts so leicht aus der Bahn werfen. Er hat Wirtschaft studiert, bis 2009 war er in der Werbebranche beschäftigt, jetzt ist er arbeitslos. Fast alle seine Bekannten sind arbeitslos. Jeden Tag verteilt Georg gemeinsam mit einigen Leuten Essen. Die Leute sind meist dieselben, nur die Orte in Athen wechseln. „Wir haben uns während der Demonstrationen auf dem Syntagma- Platz kennengelernt“, sagt Georg. „Da hatten wir noch die Kraft zu demonstrieren“. Er lacht, ein kurzes, zynisches Lachen.

Keine wütenden Demonstranten

Tatsächlich ist es ruhig geworden auf dem Syntagma-Platz. Bis auf die Tauben ist er in diesen Wintertagen wie leergefegt. Nirgendwo wütende Demonstranten, höchstens eine Handvoll Touristen, die das Parlament fotografieren. Überhaupt kommt einem die Millionenmetropole merkwürdig ruhig vor, bis man kapiert, woran es liegt: Es herrscht kaum Verkehr. Keine Staus, kein Hupen, kein Smog. Keine schimpfenden Fußgänger. Viele haben ihr Auto abgemeldet, wegen der absurd hohen Steuern und der Benzinkosten. Noch nie, sagen die Menschen, sei die Luft in Athen so sauber gewesen.

Man könnte meinen, dass der Euro-Rettungsschirm, der auch über Griechenland aufgespannt worden ist, dazu führt, dass es den Menschen bessergeht. Wenigstens etwas. In Wahrheit geht es ihnen immer schlechter. Von den Hilfspaketen in Höhe von bislang 183 Milliarden Euro hat Georg nur in den Nachrichten gehört. In seinem Alltag spürt er davon nichts, als flössen die Gelder in ein anderes Land. Das tun sie ja auch, nur dass dieses Land von Banken bevölkert wird, nicht von Menschen.

„Unser politisches System ist von Korruption und Klientelwirtschaft zerfressen“, sagt er. Wie grotesk aufgebläht beispielsweise der Staatsapparat ist, erkenne man daran, dass jetzt 25.000 Bedienstete entlassen werden sollen. Und die Europäische Union? „Die EU spielt mit uns. Sie testet, wie viele Reformen sie uns zumuten kann, bevor das Land zusammenbricht“, sagt Georg. Die umstehenden Männer und Frauen nicken. Griechenland als Experimentierfeld, ein Spielball der EU. So sehen sie es hier.

Überall das Wort „Sale“

Wohin so ein Experiment im Extremfall führt, lässt sich auf dem Omonia-Platz besichtigen. Der Platz der Einheit war einmal ein funktionierender Ort, der die Menschen anzog. Sie saßen in Cafés, kauften ein, die Hotels waren gut gebucht. Die Geschäfte und das Leben blühten. Inzwischen sind die meisten Läden in dem heruntergekommenen Viertel verriegelt. Lauter leerstehende Flächen hinter Eisenrollos.

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