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Sittlichkeitspatrouillen Boten der Zivilisation?

 ·  Pekings Stadtbild hat sich verändert. Die Erklärung ist einfach: Der zentrale Pekinger Bezirk Chaoyang erlebt die entscheidende Phase seiner seit zwei Jahren andauernden Zivilisierungskampagne. Seit Tagen überprüfen Inspektoren deren Früchte.

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In diesen Tagen sehen die vertrauten Pekinger Straßen irgendwie anders aus. Das Schaufenster des Ladens, wo es die sagenhaft günstigen DVD für 10 Yuan (etwa 1,10 Euro) das Stück gibt, ist durch Bastmatten zugestellt; der Massagesalon, in dessen Fenster auch tagsüber Frauen mit geringfügiger Bekleidung sitzen und Passanten mit nicht zu übersehenden Fingerzeichen locken, ist plötzlich verschwunden; der Fahrradweg, der normalerweise von den ortskundigen Autofahrern als Überholspur genutzt wird, ist durch Absperrbänder abgetrennt; vor den Ampeln stehen junge Leute in blau-weißen Westen, die mit ihren Wimpeln Fußgänger und Mopedfahrer daran hindern, bei Rot die Kreuzung zu überqueren. Die Erklärung ist einfach: Der zentrale Pekinger Bezirk Chaoyang erlebt gerade die letzte und entscheidende Phase seiner seit zwei Jahren andauernden Zivilisierungskampagne und will nun den offiziellen Kontrolleuren das Schauspiel eines einwandfreien, also jeglichen internationalen Moral-, Verkehrs- und Copyright-Regeln gehorchenden Stadtteils bieten.

Die bewährten Methoden

„Zivilisierung“ ist für China seit Jahren ein epochales Projekt. Und dies nicht bloß, um wie bei den Olympischen Spielen vor Auswärtigen das Gesicht nicht zu verlieren, vielmehr als Ergänzung zu dem Öffnungs- und Modernisierungsehrgeiz, der das Land seit dreißig Jahren umtreibt – unausgesprochen eine Abwendung von der bäuerlichen Kultur, die die Partei in den Jahren zuvor auch für die Städte verpflichtend gemacht hatte. 2005 wurde ein nationaler Wettbewerb für „zivilisierte Städte und Bezirke“ ausgeschrieben, und nach der erfolgreichen Teilnahme der Hauptstadt-Bezirke Xicheng und Dongcheng wollte auch Chaoyang nicht abseitsstehen.

Als Erstes setzte man auf die bewährten Methoden der Bewusstseinsarbeit, so dass seit 2009 die Straßen, Siedlungen und öffentlichen Einrichtungen des Bezirks mit leuchtend roten Banderolen und Plakaten bestückt sind, die jedem einzelnen Bewohner seine Verantwortung für die Zivilisiertheit seines Kiezes auftragen: „Werdet Boten der Zivilisation! Ein harmonisches Chaoyang aufbauen!“ Da der Bezirk eine überproportionale Ausländer-Dichte hat, kam anfangs sogar eine Parole auf Englisch zum Einsatz – „Civilized Chaoyang. Magnificent with me“ –, doch als die grammatischen und semantischen Zweifel an der Formel überhandnahmen, wurde sie stillschweigend wieder fallengelassen.

Zivilisierung in der Realität

Nun aber ist es ernst geworden, seit Tagen überprüfen unangemeldete Inspektoren die Früchte der Kampagne. Plötzlich sind die Straßen voller Menschen, die eine rote Armbinde mit der Aufschrift „Patrouille für öffentliche Ordnung“ tragen. Dass sie nach den Kontrollen in einer Woche wieder weg sein werden, ist so wenig ein Geheimnis, dass sich sogar die Parteizeitung „Global Times“ schon darüber lustig machte. Sie zitiert Straßenhändler, die mit den „Chengguan“, den wegen ihrer oft wenig zimperlichen Methoden berüchtigten Ordnungsbeamten, das Abkommen getroffen haben, sich in den nächsten Tagen nur in den Nebengassen aufzuhalten und erst ab einem bestimmten Datum wieder hervorzukommen. Dann wird Peking also wieder sein vertrautes Gesicht zeigen: Der DVD-Laden wird wieder zugänglich sein, der Massagesalon wieder aus dem Nichts auftauchen, die Fahrradwege für Personenkraftwagen werden geöffnet und die roten Ampeln kein Hindernis mehr sein. Jeder weiß das und weiß, was Parolen wie die der Zivilisierung in der Realität bedeuten: sich so lange nach oben ducken, wie es nötig ist – ziemlich genau das also, was Zivilität am zuverlässigsten verhindern dürfte.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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