15.11.2000 · Single-Sehnsüchte werden zu klingender Münze. Mit Lebensmittelpackungen in Miniatur und speziellen Reisekonzepten bemüht sich die Wirtschaft um die Alleinstehenden.
Von Katrin JurzigNach dem Mikrozensus, einer hochgerechneten Stichprobenerhebung des Statistischen Bundesamtes, hat es vor einem Jahr 13,4 Millionen Einpersonen-Haushalte in Deutschland gegeben. Beim Bundesamt laufen sie unter „Single-Haushalte“ und sind bei insgesamt fast 38 Millionen Haushalten ein recht großer Brocken.
In ihrer Aussagekraft über den sozialen Status des Bewohners kann diese Zahl zu Recht angezweifelt werden. Doch als Zielgruppe werden Singles auf dem freien Markt längst ernstgenommen. Wer alleine lebt, dem droht nicht mehr das gesellschaftliche Aus. Er muss weder mit sozialer Ächtung kämpfen, noch auf Single-gerechten Lebensgenuss verzichten. Wer Single ist, wird von einer ganzen Industrie bedient.
Weibliche Lockvögel am Pool
Fernsehsender wie Sat 1 gehen aggressiv auf die Zielgruppe der Solisten zu. Mit der Sendung „Girls Camp“ hofft der Sender den Geschmack des modernen Singles zu treffen. Das Konzept ist „Big Brother“ nachempfunden: zehn alleinstehende Frauen im Alter von 18 bis 39 Jahren werden sieben Wochen lang in einen Luxus-Bungalow unter südlicher Sonne gesperrt. In der Küche ruhen Hummerhäppchen und Champagner auf Eis, draußen lockt der Pool.
Der Sender spielt mit Single-Sehnsüchten. Die Frauen im goldenen Käfig dürfen sich jede Woche einen Junggesellen ins Haus wählen. Der ist dann eine Woche lang Hahn im Korb oder Sklave für den Haushalt. Sat 1-Sprecher Dieter Zurstraßen: „Vor allem die männlichen Single Zuschauer werden sich wegen der verspielt-erotischen Situation angesprochen fühlen.“ Ein Fernsehformat für Machos? Nein, meint Zurstraßen, auch die weiblichen Zuschauer wollten das sehen.
„High-Speed-Kunden“ mit Wurstscheiben
Einen Kühlschrank voller Schlemmereien hat der ganz normale Wald-und-Wiesen-Single nicht. Als Alternative zum Hummer oder der tiefgefrorenen Familienpackung „Gemüse“ gibt es für ihn eine Palette, die keinen Wunsch offen lässt. Sämtliche Lebensmittel sind in kleiner Menge oder als minutenschnelles Fertiggericht erhältlich. Ganze Abteilungen in Kaufhäusern und Supermärkten gibt es für die „High-Speed-Kunden“, zu denen auch der Single gehört, der nach Büroschluss noch mal auf die Schnelle etwas einkaufen will. Frischkäse und Babybel gibt's in Miniformat. Salatgurken werden eigens klein gezüchtet. Die Gläser mit sauer eingelegtem Gemüse werden immer kleiner.
Für den Fall, dass der Single nach einer durchfeierten Nacht nicht allein aufwacht, gibt es die obligatorische Brötchen, in der Rolle verpackt: Teigklopse mit langem Verfallsdatum, die nur noch in den Ofen geschoben werden müssen. Vier eingeschweißte Wurstscheiben, von Cervelat bis Salami südländischer Art und alle erdenklichen Nudel-Fertiggerichte. Hip sind japanische Rezepte, die gratis mitgeliefert werden. Als willkommener Nebeneffekt, den Alleineinkäufer schätzen, gilt der Flirtfaktor, der die Beschaffung von Nahrungsmitteln begleitet. Nach dem Motto: „Zeig mir, was in deinem Einkaufswagen liegt, und ich sage dir, wer du bist“, ziehen an Samstag Vormittagen ganze Singlekarawanen mit offenen Augen durch den Supermarkt.
Sylvester-Single auf Reisen
Auch die Reiseveranstalter haben den Single entdeckt. Das Münchner Unternehmen Studiosus hat ein ganzes Reisekonzept an ihm ausgerichtet. Die Linie „Me & More - Urlaub für Singles und Alleinreisende“ geht nach Angaben von Hans-Dieter Lohneis von der Unternehmensleitung erfolgreich ins dritte Jahr. Das Angebot beinhaltet 27 Reisen, die auch die gefürchteten kritischen Tage, Weihnachten und Sylvester, abdecken.
„Singles brauchen Freiraum“, meint Lohneis. Deshalb wurde bei der am meisten nachgefragten Reise nach Rhodos auf eine gute Mischung von Entertainment und freier Zeit wert gelegt. Für eine meist 18 Personen starke Gruppe gibt es tagsüber Kultur und abends ein ausgeklügeltes Programm, das auf die Psyche des Singles ausgerichtet ist. Nach dem gemeinsamen Abendessen kann jeder seinen eigenen Interessen nachgehen.
Bären in Netzdatenbanken
Wer nicht länger allein sein will, der kann die Suche nach dem passenden Partner ohne großen Aufwand betreiben. In vielen Zeitschriften gibt es einen Single-Teil, in dem sich nicht nur zahlreiche Kontaktanzeigen, sondern auch mehr oder weniger wertvolle Ratschläge finden. Da gibt dann Alexander Mazza, bekannt als Moderator der Sendung „Rosen vom Ex“, Tipps für das erste Rendezvous: „Männer mit Auto sollten auf jeden Fall anbieten, SIE abzuholen. Aber bitte vorher die Bierdosen aus dem Fußraum entfernen.“
Dank Netztechnologie kann die Suche nach dem Herzblatt nun jederzeit weltweit erfolgen: Die Seite „Friendscout.de“ hat nach eigenen Angaben rund 240.000 Mitglieder, die auf den nicht standardisierten Feldern die Möglichkeit zur einigermaßen individuellen Selbstdarstellung bekommen. Das Herunterladen eines Bildes führt jedoch vor allem für weibliche Nutzer zu einer kaum zu bewältigenden Resonanz von Männern mit karierten Hemden und Schnauzbärten, die sich vorzugsweise Code-Namen geben, die etwas mit Bär zu tun haben.
Der Betreiber der Seite „Deutschesingles.de“ bietet den Nutzern einen einzigartigen Service: Bei Nichtgefallen eines Interessenten kann eine automatisierte Ablehnungs-Mail geschickt werden. Irgendwie geschmacklos, aber dafür kann man sich nicht im Ton vergreifen.