28.06.2001 · Wo versteckt sich der typische Single? Gibt es ihn überhaupt? Psychologen und Werber haben ihn noch nicht gefunden.
Von Katrin JurzigBeim Thema Single liegen Dichtung und Wahrheit eng zusammen.
Tatsache ist: In Deutschland gibt es immer mehr Singles. Aus dem begehrten beruflichen Aufstieg gehen die beziehungslosen „Yetties“ und „Nerds“ hervor - typische Singles, heisst es. Der „Yettie“ (young entrepreneurial tech-based) ist jung, arbeitswütig und Mitarbeiter in Startups - der „Nerd“dagegen meist ein hochintelligenter aber versponnener Zeitgenosse. Die Wirtschaft presst Solisten in das Bild von spaßorientierten und vitalen Menschen. Aber wer genau ist für die Statistik ein Single?
Der Soziologe
Soziologe Stefan Hradil definiert in seinem Buch „Die Single-Gesellschaft“ jeden als Single, der alleine in einem Ein-Personen-Haushalt lebt, 25 bis 55 Jahre alt ist, keinen festen Partner haben will und das für längere Zeit. Für Hradil ist der Single also ein Überzeugungstäter. Diese Beschreibung trifft aber nur auf 3 Prozent aller Haushalte zu. Singles sind klug und haben viel Geld, sagt Hradil. Sie sind eine gute Zielgruppe für die Wirtschaft, ein kleiner, aber feiner Kreis.
Die Werbung
Die Werbung wendet sich nicht an denjenigen, der sich seine Lebensform bewusst gewählt hat und langfristig genießen will, wenn es ihn denn tatsächlich gibt. Sie peilt denjenigen an, der das Singledasein als Übergangszeit versteht.
Fallbeispiel Boris Becker: Gerade noch galt er als perfektes Familienoberhaupt und plötzlich entpuppt er sich als Single mit egomanen Zügen. Die Werbung nutzt Boris geschickt als typischen Single in der Übergangszeit, dem sich die Geheimnisse des Computers wundersam enthüllen, die Kaffemaschine jedoch Quell aller Geheimnisse bleibt.
Sabine Hildebrandt von der Werbeagentur McCann Erickson sieht den Single als Beziehungslosen, der damit nicht glücklich ist: Den typischen Single-Wert könne die Werbung nur bei Laune halten, indem sie ihm von seiner Freiheit vorschwärme. Die Werbung nutzt die Einsamkeit des Singles für ihre Zwecke: Mit den richtigen Snacks oder Getränken im Single-Haushalt kommen die Freunde bald in Scharen. Mit Fast Food und Tiefkühlkost ernährt sich der Beziehungslose - doch auch das ist in Gesellschaft schöner.
Statistiker
Die Rolle der Statistiker in der Diskussion um die Singles ist groß - schließlich basieren sämtliche Forschungen auf statistischen Zahlen. Die erfassen jedoch nur Ein-Personen-Haushalte. Wie sollten auch statistisch die schillernd vielfältigen Variationen des Singles eingefangen werden?
Die statistische Erhebung - Mikrozensus genannt - gibt Auskunft darüber, dass es im Jahr 2000 über 3,8 Millionen Haushalte gab, in denen nur ein Mensch ohne oder mit Kindern wohnte. Mehr als jeder dritte Haushalt war 2000 ein Ein-Personen-Haushalt: Tendenz steigend, vor allem bei den Single-Haushalten mittleren Alters. 1989 betrug das ausgabefähige Gesamteinkommen deutscher Singles etwa 480 Milliarden Mark, 21 Prozent des gesamten Einkommens. Im Vergleich zu anderen Haushaltstypen waren Single-Haushalte dennoch überdurchschnittlich oft von Sozialhilfe abhängig. 22 Prozent aller Konsumausgaben entfielen 1989 auf Singles.
„Den“ Single gibt es also nicht, den Single, der gerne allein lebt, anscheinend auch nicht. Ist der „Alpha-Single“, wie ihn die erste Single-Messe konstruiert, also bloß ein Wunschbild? Mancher wird gern eine Zeitlang alleine sein. Aber dieser Zustand ist in den seltensten Fällen von Dauer.