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Traumjob Buchhändlerin : Glücklich zwischen Buchrücken

Buchhandel: Hier werden die Lebensweisheiten noch mit der Hand gemolken. Bild: dpa

Jede vierte Frau wäre lieber Buchhändlerin, ergab eine Umfrage des Börsenvereins. Aber in was für einer Welt will man das?

          Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gibt bekannt, dass Buchhändler der beliebteste Beruf überhaupt ist. Eine Umfrage unter fünftausend Personen von vierzehn Jahren aufwärts habe ergeben, dass ein Drittel aller Frauen Buchhändler und auch Verlagsmitarbeiter für „besonders glückliche“ Menschen hält; bei den Männern, die angeblich weniger lesen, ist die Zahl naturgemäß etwas kleiner.

          Wenn die Frauen noch einmal von vorn anfangen könnten, dann würde, glaubt man der Studie, jedenfalls jede Vierte von ihnen Buchhändlerin werden. Das ist sagenhaft! Man bringt es nur nicht so recht mit dem seit den neunziger Jahren allenthalben um sich greifenden Verschwinden der Buchhandlungen zusammen – da wird doch keine Strukturkrise dahinterstecken, die auf Berufseinsteiger abschreckend wirken könnte? Als gäbe es keine Digitalisierung und kein Amazon, tut der Börsenverein so, als bedeutete der Buchhandel heute noch das Gleiche wie vor dreißig Jahren. Hauptsache, man ist begeistert.

          Martin Schulz ging den umgekehrten Weg

          Von was eigentlich: vom Überlebenskampf? Es gehört jedenfalls nicht mehr zum Kerngeschäft, den Kunden die „Aphorismen zur Lebensweisheit“ mit den wärmsten Empfehlungen und in dem Bewusstsein in die Hand zu drücken, dass nach wie vor alles rund laufe, weil das gedruckte Wort einfach konkurrenzlos sei. Was verspricht sich der Börsenverein also davon, eine Meldung zu verbreiten, die ungefähr so wirkt, als würde der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks behaupten, dass die meisten Menschen Bäcker werden wollen, am Ende gar, weil sie so gerne mitten in der Nacht aufstehen?

          Es ist jeder Branche unbenommen, für sich zu werben und dabei einen Idealismus zu schüren, der von der Realität immer weniger gedeckt ist. Aber selbst wenn es dem Börsenverein mit seiner Meldung gelungen sein sollte, die Aufmerksamkeit von Vierzehnjährigen für einen Augenblick von der blanken Oberfläche ihrer iPhones wegzulenken – ihnen weismachen zu wollen, ihr Alltag im Buchhandel bestehe vor allem darin, mit ihrer „Liebe zur Literatur andere Menschen begeistern zu können“, ist in etwa so, als würde der Deutsche Bauernverband Nachwuchs mit der Aussicht locken, hier würden Kühe noch mit der Hand gemolken und man sei außerdem viel an der frischen Luft.

          Und wie das so ist mit dem Glücklichsein: Es kann einem zumal als Leser schnell vermiest werden, wenn man das falsche (oder eben doch richtige) Buch aufschlägt und auf den Gedanken stößt, dass es so etwas wie Glück gar nicht gebe oder es höchstens darin bestehe, dumm zu sein und Arbeit zu haben, die nichts mit dem Buchhandel zu tun hat. Insofern ist es Essig mit der Maxime: „Sorge dich nicht – lese!“ Martin Schulz ging ja beizeiten den umgekehrten Weg, raus aus seinem Traumberuf, hinein ins schmutzige Geschäft der Politik. Warum eigentlich? Wahrscheinlich hatte er die richtigen Bücher irgendwann alle durch und wusste deshalb, dass er nichts mehr erwarten kann. Womöglich rührt daher sogar sein Optimismus.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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