03.01.2006 · Ein Märchen, das mich als Kind bestürzte und heute noch verwirrt, ist „Dornröschen“. Die Möglichkeit, daß man zur Nacht einschläft und am nächsten Morgen nicht mehr aufwacht, hat mich jahrelang begleitet.
Ein Märchen, das mich als Kind bestürzte und heute noch verwirrt, ist „Dornröschen“. Die Möglichkeit, daß man zur Nacht einschläft und am nächsten Morgen nicht mehr aufwacht, hat mich jahrelang begleitet. Meine Großmutter ist in der Nacht auf ihren Geburtstag einfach eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht. Es war nun nicht gerade ihr fünfzehnter Geburtstag und sie keine Königstochter, aber alt war sie auch noch nicht.
Spätestens hier wird der Märchenleser einwenden, daß Dornröschen, und das ist die Pointe der Geschichte, doch gar nicht für immer einschläft. Der Fluch, von der dreizehnten Fee an der Wiege verhängt, weil für sie beim Festmahl kein Teller aufgedeckt worden war, wurde von der zwölften Fee entschärft: „Es soll aber kein Tod sein, sondern nur ein hundertjähriger Schlaf, in den die Königstochter fällt.“ Nur? Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß das Unbewußte keinen Tod kennt. Insofern ist unsere Todesvorstellung, mit „Dornröschen“ gelesen, nur als Vorstellung eines Rückzugs zu begreifen, einer temporären Substitution - letztlich glauben wir, wir wachten irgendwann, vielleicht in hundert Jahren, wieder auf.
Trost liegt in der Schönheit des Bildes
Mich läßt die Beschreibung des schlafenden Schlosses nicht los, diese berückend lyrische Schilderung, wenn in langen Reihungen Personen und Dinge in ihrem unverwüstlichen Schicksal aneinandergekettet werden: Dornröschen schläft, Königin und König, gerade vom Ausgehen heimgekehrt, schlafen ein, der Hofstaat schläft, die Pferde im Stall, die Fliegen an der Wand und das Feuer im Ofen. Der Koch schläft, mit erhobener Hand, weil er den Küchenjungen an den Haaren reißen will, die Magd sitzt „vor dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft werden“.
Dem Bild einer angehaltenen Welt begegnete ich noch mehrfach, einmal bei einem Besuch in Pompeji, ein andermal bei der Lektüre von „Die Wand“, wo Marlen Haushofer eine bedrohliche, in der Bewegung eingefrorene Umgebung schildert, dann in Joseph Brodskys Gedicht „Große Elegie an John Donne“, in dem in märchenhaft einlullendem Ton von einer friedlich schlafenden Welt gesprochen wird, die im Wortsinn „überwintert“, während draußen beständig Schnee fällt.
Der Trost liegt in der Schönheit des Bildes. Ein Erwachen erfahren weder Pompeji noch John Donne, noch meine Großmutter, die früh einen Polizisten geheiratet hatte, also „Wachtmeister“-Gattin war. Nur die vom Todesstachel geprüfte Märchenprinzessin wird aus der Suspendierung des Schlafs entlassen; sie blüht, durch den Prinzenkuß, zu frühlingshaftem neuem Frieden auf. Sonst müßte es am Schluß heißen: „Und sie schliefen glücklich bis an ihr Lebensende.“