Home
http://www.faz.net/-gqz-764x5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Telearbeit Ruinieren Sie nicht Ihre Work-Life-Balance!

Von den Freiheits-Utopien, die sich einst mit dem Computer-Arbeitsplatz im eigenen Haus verbanden, ist wenig geblieben. Im Büro arbeitet es sich offenbar besser und effizienter.

© plainpicture/Ableimages Vergrößern Mobilität mit Tücken: der Telearbeitsplatz

Die frühen Plädoyers für Telearbeit - denken wir nur an Alvin Toffler und seinen Bestseller „The Third Wave“ von 1980 - klangen immer ziemlich romantisch. Für Zukunftsforscher wie Toffler war das häusliche Büro ein „elektronisches Heim“, das die „Familie wieder zusammenschweißt“, für „mehr soziale Stabilität“ sorgen und zu einer „Renaissance von bürgerschaftlichem Engagement“ führen werde. Niemand würde mehr isoliert vor sich hin leben. In Tofflers Zukunftsvision würden wir alle gemeinsam telearbeiten! Toffler popularisierte dabei nur Ideen, die schon Jahrzehnte zuvor entwickelt worden waren. Norbert Wiener etwa, der Vater der Kybernetik, hatte schon in seinem bahnbrechenden Werk „Mensch und Menschmaschine“ beschrieben, wie ein Architekt in Europa mit Hilfe einer faxähnlichen Maschine den Bau eines Hauses in Amerika beaufsichtigen könne.

Technikjournalisten stürzten sich begierig auf derlei Geschichten von Emanzipation durch Technik. 1983 jubelte die „San Jose Mercury News“: „Der Computer ernährt berufstätige Mütter.“ Die Vorstellung, das elektronische Heim werde uns eines Tages erlauben, „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren“, wie Karl Marx seinerzeit geschrieben hatte, erschien durchaus vernünftig. Aus der Sicht Tofflers und seiner Anhänger würden die Menschen dank Computer in weniger Zeit mehr leisten und sich zugleich von der Monotonie des typischen Bürojobs befreien.

Persönliche Anwesenheit erwünscht

Tofflers Traum - ganz zu schweigen von der Marxschen Vision - ist weit entfernt von unserer Wirklichkeit. In begrenztem Umfang hat Telearbeit natürlich ihren Platz gefunden. Eine Umfrage von Ipsos/Reuters ergab unlängst, dass weltweit jeder fünfte Berufstätige häufig zu Hause arbeitet, vor allem im Nahen Osten, in Lateinamerika und Asien, wo Telearbeit verbreitet ist. Es wurde zwar nicht danach gefragt, aber man wird annehmen dürfen, dass nur wenige dieser Berufstätigen sich befreit fühlen. Das liegt auch daran, dass relativ wenige Firmen Vollzeit-Telearbeit ermöglichen. Sicher, in vielen Fällen dürfen Angestellte jeden zweiten Freitag zu Hause arbeiten, aber auf persönliche Anwesenheit im Büro wird nach wie vor großer Wert gelegt.

So schön Telearbeit auch klingen mag, Studien belegen, dass sich die daran geknüpften Erwartungen nicht durchweg erfüllen. Der jüngste prominente Reinfall ist ein einjähriges Experiment des Office of Personnel Management (OPM), der staatlichen Personalbehörde in Washington. Deren Mitarbeiter konnten frei entscheiden, wo und wann sie arbeiteten, solange die zugewiesenen Aufgaben erledigt wurden. Bei der Evaluation dieses Pilotprojekts zeigte sich aber, dass die Performance der Angestellten nicht beurteilt werden konnte, das Arbeitsniveau sank und die Mitarbeiter nicht einschätzen konnten, ob sie genug Zeit und Energie aufwendeten.

Verfeinerte Überwachung

Natürlich endet nicht jedes Telearbeitsprojekt wie beim OPM. Das amerikanische Versicherungsunternehmen Aetna wird oft als Erfolgsgeschichte hochgehalten. 47 Prozent der Mitarbeiter arbeiten täglich zu Hause am Computer. Die Schattenseite: Die Telearbeiter von Aetna neigen zu Übergewicht, weshalb das Unternehmen inzwischen ein Online-Fitnessprogramm anbietet, damit die Leute in Form bleiben. Möglicherweise ist Telearbeit, entgegen ersten Erwartungen, auch nicht unbedingt umweltfreundlich. Einem Beitrag in den „Annals of Regional Science“ von 2011 ist zu entnehmen, dass Telearbeiter durchschnittlich mehr unterwegs sind, dienstlich wie privat, als ihre Kollegen im Büro. Mit anderen Worten, dass sie nicht in die Firma fahren, bedeutet nicht, dass sie insgesamt weniger fahren. Pengyu Zhu, der Verfasser des Artikels, schreibt: „Die Hoffnungen von Planern und Entscheidern, die sich von Telearbeit eine Reduzierung der üblichen Verkehrsströme versprachen, haben sich nur bedingt erfüllt.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Aktuelle Arbeitsstelle Wir bleiben treu - aber nicht um jeden Preis

Einmal mehr zeigt sich: Ist ein Arbeitnehmer mit seiner Stelle zufrieden, ist er weniger gewillt, auf eine neue zu wechseln. Das bedeutet jedoch keineswegs bedingungslose Loyalität zum Arbeitgeber. Mehr

18.04.2015, 08:00 Uhr | Beruf-Chance
Nach einem Monat Wie sich der Mindestlohn auswirkt

8,50 Euro müssen Arbeitgeber ihren Mitarbeitern seit Jahresbeginn mindestens bezahlen - viele Friseure und Restaurants mussten deshalb die Verträge mit ihren Angestellten ändern. Doch vernichtet der Mindestlohn Arbeitsplätze? Mehr

30.01.2015, 11:00 Uhr | Wirtschaft
Mit 65 Jahren Zur Rente verdammt

Die Programmiererin Rose-Rita Schäfer geht heute mit 65 Jahren in Rente, leider. Denn sie würde gerne länger arbeiten. Doch das geht nicht. Deswegen lädt sie ihre Kollegen zur Trauerfeier. Mehr Von Sven Astheimer

17.04.2015, 11:15 Uhr | Wirtschaft
Stereoscope Ukraine Roman Dubasevych stellt sich vor

Der Kulturwissenschaftler Roman Dubasevych arbeitet an der Universität Greifswald und ist enttäuscht darüber, dass es in der Ukraine nicht gelungen ist, Gegensätze friedlich zu überwinden. Mehr

20.02.2015, 11:15 Uhr | Politik
Arbeitskräfte aus Rumänien Verkauft an den Meistbietenden

Leiharbeitsfirmen locken junge Rumänen auf Arbeitssuche nach Deutschland. Hier werden sie ausgenutzt und ausgebeutet – mitunter jahrelang. Zwei rumänische Krankenpfleger erzählen, was sie in deutschen Pflege- und Altenheimen erlebten. Mehr Von Leonie Feuerbach, Schwalbach

07.04.2015, 13:06 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 29.01.2013, 16:23 Uhr

Tottelei

Von Hannes Hintermeier

Seit Joseph Ratzinger nicht mehr Papst ist, tottelt es in seiner Heimatstadt Marktl am Inn, stand in einer großen deutschen Zeitung. Klingt alarmierend, aber was bedeutet das genau? Mehr