http://www.faz.net/-gqz-764x5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 29.01.2013, 16:23 Uhr

Telearbeit Ruinieren Sie nicht Ihre Work-Life-Balance!

Von den Freiheits-Utopien, die sich einst mit dem Computer-Arbeitsplatz im eigenen Haus verbanden, ist wenig geblieben. Im Büro arbeitet es sich offenbar besser und effizienter.

von Evgeny Morozov
© plainpicture/Ableimages Mobilität mit Tücken: der Telearbeitsplatz

Die frühen Plädoyers für Telearbeit - denken wir nur an Alvin Toffler und seinen Bestseller „The Third Wave“ von 1980 - klangen immer ziemlich romantisch. Für Zukunftsforscher wie Toffler war das häusliche Büro ein „elektronisches Heim“, das die „Familie wieder zusammenschweißt“, für „mehr soziale Stabilität“ sorgen und zu einer „Renaissance von bürgerschaftlichem Engagement“ führen werde. Niemand würde mehr isoliert vor sich hin leben. In Tofflers Zukunftsvision würden wir alle gemeinsam telearbeiten! Toffler popularisierte dabei nur Ideen, die schon Jahrzehnte zuvor entwickelt worden waren. Norbert Wiener etwa, der Vater der Kybernetik, hatte schon in seinem bahnbrechenden Werk „Mensch und Menschmaschine“ beschrieben, wie ein Architekt in Europa mit Hilfe einer faxähnlichen Maschine den Bau eines Hauses in Amerika beaufsichtigen könne.

Technikjournalisten stürzten sich begierig auf derlei Geschichten von Emanzipation durch Technik. 1983 jubelte die „San Jose Mercury News“: „Der Computer ernährt berufstätige Mütter.“ Die Vorstellung, das elektronische Heim werde uns eines Tages erlauben, „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren“, wie Karl Marx seinerzeit geschrieben hatte, erschien durchaus vernünftig. Aus der Sicht Tofflers und seiner Anhänger würden die Menschen dank Computer in weniger Zeit mehr leisten und sich zugleich von der Monotonie des typischen Bürojobs befreien.

Persönliche Anwesenheit erwünscht

Tofflers Traum - ganz zu schweigen von der Marxschen Vision - ist weit entfernt von unserer Wirklichkeit. In begrenztem Umfang hat Telearbeit natürlich ihren Platz gefunden. Eine Umfrage von Ipsos/Reuters ergab unlängst, dass weltweit jeder fünfte Berufstätige häufig zu Hause arbeitet, vor allem im Nahen Osten, in Lateinamerika und Asien, wo Telearbeit verbreitet ist. Es wurde zwar nicht danach gefragt, aber man wird annehmen dürfen, dass nur wenige dieser Berufstätigen sich befreit fühlen. Das liegt auch daran, dass relativ wenige Firmen Vollzeit-Telearbeit ermöglichen. Sicher, in vielen Fällen dürfen Angestellte jeden zweiten Freitag zu Hause arbeiten, aber auf persönliche Anwesenheit im Büro wird nach wie vor großer Wert gelegt.

So schön Telearbeit auch klingen mag, Studien belegen, dass sich die daran geknüpften Erwartungen nicht durchweg erfüllen. Der jüngste prominente Reinfall ist ein einjähriges Experiment des Office of Personnel Management (OPM), der staatlichen Personalbehörde in Washington. Deren Mitarbeiter konnten frei entscheiden, wo und wann sie arbeiteten, solange die zugewiesenen Aufgaben erledigt wurden. Bei der Evaluation dieses Pilotprojekts zeigte sich aber, dass die Performance der Angestellten nicht beurteilt werden konnte, das Arbeitsniveau sank und die Mitarbeiter nicht einschätzen konnten, ob sie genug Zeit und Energie aufwendeten.

Verfeinerte Überwachung

Natürlich endet nicht jedes Telearbeitsprojekt wie beim OPM. Das amerikanische Versicherungsunternehmen Aetna wird oft als Erfolgsgeschichte hochgehalten. 47 Prozent der Mitarbeiter arbeiten täglich zu Hause am Computer. Die Schattenseite: Die Telearbeiter von Aetna neigen zu Übergewicht, weshalb das Unternehmen inzwischen ein Online-Fitnessprogramm anbietet, damit die Leute in Form bleiben. Möglicherweise ist Telearbeit, entgegen ersten Erwartungen, auch nicht unbedingt umweltfreundlich. Einem Beitrag in den „Annals of Regional Science“ von 2011 ist zu entnehmen, dass Telearbeiter durchschnittlich mehr unterwegs sind, dienstlich wie privat, als ihre Kollegen im Büro. Mit anderen Worten, dass sie nicht in die Firma fahren, bedeutet nicht, dass sie insgesamt weniger fahren. Pengyu Zhu, der Verfasser des Artikels, schreibt: „Die Hoffnungen von Planern und Entscheidern, die sich von Telearbeit eine Reduzierung der üblichen Verkehrsströme versprachen, haben sich nur bedingt erfüllt.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Berufspendler Immer in Bewegung

Wie wir unseren Arbeitsweg zurücklegen, ist nicht egal. Berufspendler haben den Ruf, krank, dick und gestresst zu sein. Stimmt das? Und wen trifft es am meisten? Auftakt unserer Serie Einfach mal anhalten. Mehr Von Nadine Bös und Hannah Bethke

21.07.2016, 05:12 Uhr | Beruf-Chance
Elektrizität Das Debüt eines Roboter-Stachelrochen

Der Roboter-Rochen wird durch elektronische Signale gelenkt. Mehr

14.07.2016, 15:09 Uhr | Wissen
Gespräch über Toni Erdmann Ganz großes Kino – und das auch noch mit fünf Kindern

Toni Erdmann war in Cannes ein riesiger Erfolg, auch ohne Palme. Vielen gilt er als einer der besten deutschen Filme seit langem. Wie konnte der kleinen Berliner Produktionsfirma das gelingen? Alles nur eine Frage der Organisation? Mehr Von Verena Lueken

14.07.2016, 22:06 Uhr | Feuilleton
Waffenkauf online BKA will Maßnahmen gegen Kriminalität im Darknet verschärfen

Das BKA hat am Mittwoch in Wiesbaden angekündigt, den verschlüsselten Bereich des Internets ins Visier zu nehmen. Der Chaos Computer Club hält es für realistischer, dass ein Nutzer auf der Suche nach einer Waffe außerhalb des Darknets fündig wird. Mehr

27.07.2016, 18:15 Uhr | Politik
Das Ziel des Sommers ¡Siesta!

Alle fahren nach Spanien. Und was machen sie in der Hitze? Ein Schläfchen natürlich. Aber gibt es die Siesta überhaupt? Und wenn ja, für wen? Mehr Von Paul Ingendaay

19.07.2016, 17:14 Uhr | Reise
Glosse

Klimakrise

Von Hannah Bethke

Schweiß abwischen, Hemden wechseln: Seit es Klimaanlagen gibt, ist das selbst im August nicht mehr nötig. Aber wer will den ganzen Sommer über Frühling, Herbst und Winter haben? Mehr 1

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“