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Veröffentlicht: 04.04.2012, 21:18 Uhr

Roboterjournalismus Texte in null Komma nichts

Maschinengenerierter Journalismus? Programme wie „Narrative Science“ sind in bestimmten Nischen bereits im Einsatz. Man muss sie nicht anprangern, aber nachdenklich sollte die Entwicklung doch machen.

© dpa Roboter können auf Menschen reagieren. Schreiben sie für uns auch bald schon Texte?

Kann Technik autonom sein? Kann sie ein eigenständiges Leben führen, menschenunabhängig operieren? Diese Ansicht war früher durchaus verbreitet, wird heute jedoch von den meisten Technikhistorikern und -soziologen als naiv und unzutreffend bezeichnet. Aber nehmen wir nur die moderne Finanzwelt, in welcher der automatisierte Handel eine immer bedeutendere Rolle spielt und hochkomplizierte Algorithmen Preisdifferenzen nutzen, die für gewöhnliche Händler unsichtbar sind.

Oder nehmen wir den Finanzjournalismus. Deren ehrwürdige Institution Forbes stützt sich auf die junge Firma Narrative Science, mit deren Hilfe automatisch Artikel über die voraussichtliche Entwicklung von Unternehmenszahlen generiert werden. Man gibt ein paar statistische Daten ein, und im Handumdrehen liefert die Software gut lesbare Artikel. Oder wie Forbes sagt: „Narrative Science verwandelt Daten in Texte und Einblicke.“

Journalismus von Maschinen für Maschinen

Die Ironie der Geschichte ist natürlich, dass Automaten Texte über Unternehmen „schreiben“, die ihr Geld mit automatisiertem Trading verdienen. Diese Texte werden dann wieder in das Finanzsystem eingespeist, so dass die Algorithmen noch lukrativere Geschäftsmöglichkeiten entdecken. Im Grunde ist das Journalismus von Maschinen für Maschinen. Aber zumindest fließt der Gewinn in die Taschen realer Menschen.

Unternehmen wie „Narrative Science“ operieren gemeinhin in Nischenbereichen (Sport, Finanzen, Immobilien), in denen Texte meistens dem immergleichen Muster folgen und vor allem Statistiken verwendet werden. Wahlkampfberichte unterscheiden sich nicht groß von Baseballreportagen. Ein kürzlich eingeführtes Programm von „Narrative Science“ kann Artikel darüber schreiben, wie sich der amerikanische Wahlkampf in den sozialen Netzwerken spiegelt, über welche Themen und Kandidaten in diesem oder jenem Staat am meisten diskutiert wird, und selbst Zitate aus den beliebtesten, interessantesten Tweets können in den Artikel einfließen. Niemand verfolgt Twitter aufmerksamer als die Roboter.

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Man versteht sofort, warum die Kunden von Narrative Science (dreißig an der Zahl) gern auf dieses Angebot zurückgreifen. Erstens ist es erheblich billiger als fest angestellte Journalisten, die auch im Krankheitsfall bezahlt werden müssen, Respekt verlangen und überhaupt ein großes Ego haben. Ein Partner von Narrative Science bezahlt nur zehn Dollar für einen Text von dreitausend Zeichen, und niemand beschwert sich über die miesen Arbeitsbedingungen. Außerdem ist der Beitrag in Sekundenschnelle fertig - das schafft kein Schnellschreiber, nicht einmal Christopher Hitchens war so fix.

Zweitens verspricht „Narrative Science“ umfassender - und objektiver - zu sein als jeder menschliche Reporter. Kein Journalist hat die Zeit, Millionen Tweets aufzufinden, zu lesen und zu analysieren, aber Narrative Science schafft das mühelos und im Handumdrehen. Beabsichtigt ist nicht nur, über Statistiken zu berichten, sondern dem Leser zu vermitteln, was die ganzen Zahlen bedeuten. Hätte „Narrative Science“ Watergate aufgedeckt? Vermutlich nicht. Aber in den meisten Zeitungsartikeln werden ja auch nicht derart komplexe Zusammenhänge untersucht.

Dem Journalismus helfen - nicht ihn abschaffen

Die Gründer von „Narrative Science“ wollen nach eigenem Bekunden dem Journalismus helfen und ihn nicht abschaffen. Nun ja, das mag so sein. Journalisten werden vermutlich nicht sehr gut auf diese Technik zu sprechen sein, aber einige Verleger, die gern über hohe Kosten klagen, werden sie mit offenen Armen begrüßen. Langfristig jedoch dürften die sozialen Auswirkungen solcher noch unausgereiften Verfahren durchaus problematisch sein.

Wenn es im Internet einen klaren Trend gibt, dann ist es die zunehmende Personalisierung unserer Online-Aktivitäten. Was immer wir im Internet lesen, anklicken, suchen oder anschauen, ist das Ergebnis einer immer feineren Optimierung, so dass all unsere Klicks, Sucheingaben, „Gefällt mir“-Bewertungen, Einkäufe und Interaktionen mit Freunden darüber bestimmen, was in unseren Browsern und Apps passiert.

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