http://www.faz.net/-gqz-6vhgp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 30.11.2011, 16:14 Uhr

Neue Kolumne „Silicon Demokratie“ Rettet die Anonymität

Das Internet ist ein Paradies für Verbraucher und eine Hölle für Bürger. Es wird Zeit für die Vision eines Bürger-Internets, das uns vor der Macht der Konzerne schützt. Erste Folge der neuen Kolumne „Silicon Demokratie“ von Evgeny Morozov.

von Evgeny Morozov

Google, Facebook und Twitter haben die arabischen Rebellionen in Gang gesetzt? Evgeny Morozov kann es nicht mehr hören - und schreibt auch deswegen eine Kolumne, die von nun an monatlich im Feuilleton der F.A.Z. erscheint. „Silicon Demokratie“ - der Titel zeigt an, was sein könnte: eine Demokratie, die all die digitalen Errungenschaften des Silicon Valley mündig nutzt, aber vor ihnen auch auf der Hut ist. Der 1984 in Weißrussland geborene, an der Universität Stanford, Kalifornien, lehrende Publizist ist der Meinung, dass wir über das Verhältnis von Technologie und Demokratie, Privatsphäre und Überwachung skeptischer nachdenken müssen. In seinem Buch „The Net Delusion“ (Der Netztrug) plädiert er für einen Cyber-Realismus: Digitale Werkzeuge sind schlicht Werkzeuge und gesellschaftliche Umbrüche nur durch eine Vielzahl von Bemühungen politischer Institutionen und Reformbewegungen möglich.Auch Revolutionen bedürfen eines geistigen Nährbodens, den das Internet aus sich selbst heraus nicht erschafft. Morozov fordert den Bürger, nicht den Konsumenten und setzt sich insbesondere mit der Idee von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg des „frictionless sharing“, der vermeintlich reibungslosen Teilhabe an allen Kommunikationsprozessen, kritisch auseinander. Morozovs erste Kolumne ist auch im Lichte der Vereinbarung zu lesen, welche die amerikanische Verbraucherschutzbehörde Facebook gerade abgezwungen hat: Der Konzern muss sich von unabhängigen Prüfern durchleuchten lassen und seine Nutzer fragen, ob er deren Daten zu kommerziellen Zwecken nutzen darf. Kritiker fürchten, dass sich auch dadurch nichts ändert und Facebook Daten sammelt und auswertet, wie es will.

_______________________________________________________

Was würde George Orwell von Facebook halten? Nichts vermutlich, sein Konto wäre wohl deaktiviert. Er könnte froh sein, wenn man ihn auffordern würde, eine Kopie der ersten Seite seines Passes einzureichen und sich als Eric Blair anzumelden. Facebook ist in dieser Hinsicht egalitärer als die frühe Sowjetunion. Man mag reich oder berühmt oder ein verfolgter Dissident sein – wer sich nicht mit seinem tatsächlichen Namen registriert, bekommt rasch Ärger und wird mit kafkaesker Beharrlichkeit gepeinigt.

Im vergangenen Jahr suspendierte man das Konto des inhaftierten russischen Oligarchen Michail Chodorkowski und forderte ihn auf, eine Kopie seines Ausweises zu mailen – aus dem sibirischen Gefängnis! Was hatte er getan? Nichts. Und kürzlich wurde Salman Rushdie mitgeteilt, dass er nur als Ahmed Rushdie auf Facebook bleiben könne, andernfalls müsse er sein Leben sonst wo in virtueller Bedeutungslosigkeit zubringen. Schließlich lenkte man ein – aber erst, nachdem Rushdie sich Mark Zuckerberg vorgeknöpft hatte. Doch nicht jeder hat diese Option.

Dass autoritäre Regime von dieser Politik profitieren, scheint das Unternehmen nicht zu stören. Die chinesische Variante der Facebook-Revolution weist alle Anzeichen einer Antirevolution auf. Facebook wurde vorgeworfen, das Konto des prominenten Internetaktivisten deaktiviert zu haben, der unter dem Pseudonym Michael Anti in Erscheinung tritt. Als in Ägypten die Seite suspendiert wurde, die der Google-Manager Wael Ghonim (auch das ein Pseudonym) eingerichtet hatte, stand Facebook kurz davor, den Revolutionären die Flügel zu stutzen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Recht auf Vergessen Google kämpft mit Frankreich um Privatsphäre

Diesmal geht Google in die Offensive. Denn der Internetkonzern fürchtet Zensur. Dabei kommt das Unternehmen immer weniger Löschanträgen nach. Mehr Von Jonas Jansen

19.05.2016, 15:56 Uhr | Wirtschaft
Mountain View Google setzt auf sprachgesteuerte Web-Suche und Geräte-Kontrolle

Google hat ein neues System zur sprachgesteuerten Internet-Suche und Geräte-Kontrolle vorgestellt. Konzernchef Sundar Pichai stellte die neuen Produkte am Mittwoch auf einer Entwicklerkonferenz in Kalifornien vor. Mit Google Home, einer Kombination aus Sprach-Fernbedienung und Lautsprecher, sowie dem damit verbundenen Google Assistant will der Internet-Riese Amazon Konkurrenz zu machen. Mehr

19.05.2016, 13:52 Uhr | Technik-Motor
Digitale Assistenten Google will die Wohnung steuern

Amazon hat mit dem digitalen Assistenten Echo einen Überraschungserfolg gelandet. Jetzt präsentiert Google seine Kampfansage an das Online-Kaufhaus. Mehr Von Roland Lindner, New York

18.05.2016, 20:35 Uhr | Wirtschaft
(Englisch) Vorstellung des Google Cultural Institute

Vorstellung des Google Cultural Institute, das die Besichtigung von Museen und Betrachtung von Kunstwerken online möglich macht. Mehr

28.04.2016, 11:25 Uhr | Feuilleton
Musik-Streamingdienst Spotify gewinnt mehr Nutzer - und wird billiger

89 Millionen Menschen hören rund um die Welt Musik mit Spotify. Doch der Konkurrent Apple ist dicht auf den Fersen. Nun wird der Dienst günstiger - zumindest für einige. Mehr

24.05.2016, 10:43 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Hut ab!

Von Thomas Thiel

Vorsicht Unfallgefahr: In England soll jetzt Schluss sein mit der kollektiven Unsitte, beim Universitätsabschluss Doktorhüte in die Luft zu werfen. Und noch andere Maßnahmen zum Schutze aller tun Not. Mehr 4 15

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“